Examensarbeit, 2016
56 Seiten, Note: 2.3
1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit
2. Der Getriebene: Heinrich von Kleists Leben in kurzen Zügen
2.1 Kleists Männer
2.2 Kleists Frauen
2.2.1 Der sorgende Bruder: Ulrike von Kleist
2.2.2 Das Experiment mit der Männlichkeit: Wilhelmine von Zenge
2.2.3 Die Vertrauliche: Andolphine von Werdeck
2.2.4 Die angepasste Seherin: Marie von Kleist
2.2.5 Die tödliche Zweckbeziehung: Henriette Vogel
3. Kleists Lebensraum: Gesellschaft um 1800
3.1 Auf dem Weg in die Moderne
3.2 Im Patriarchat gefangen
4. Gegensätzliche Geschlechter: Gendering um 1800
4.1 Das Fichtsche/Kantsche Unterwerfungssystem
4.2 Kleistsche Frauen: Aktive Unterwerfungen
4.2.1 Systemverkehrung in Penthesilea
4.2.2 Aktive Unterwerfungen in Das Käthchen von Heilbronn und Die Verlobung in St. Domingo
4.3 Kleistsche Frauen: Das schöne Geschlecht
4.4 Kleistsche Männer: Überlegenheit verinnerlicht
4.5 Kleistsche Männer: Weibliche Ohnmacht verinnerlicht
5. Liebeskonzeptionen um 1800
5.1 Toni und Gustav: Unaussprechliche Liebeskonventionen
5.2 Penthesilea und Achill
5.2.1 Die Versteinerte Narzisstin
5.2.2 Der Konventionelle Narzisst
6. Zusammenfassung der Ergebnisse
Die Arbeit untersucht ausgewählte Werke von Heinrich von Kleist im Kontext der geschlechtsspezifischen und romantischen Liebeskonzeptionen um 1800. Ziel ist es aufzuzeigen, wie Kleists männliche Protagonisten den philosophischen Vorgaben von Fichte und Kant entsprechen, während seine weiblichen Figuren oft zwischen Anpassung und Widerstand gegen diese Systeme oszillieren, wobei biographische Einflüsse auf die literarische Gestaltung kritisch beleuchtet werden.
2. Der Getriebene: Heinrich von Kleists Leben in kurzen Zügen
Heinrich von Kleists (1777-1811) kurzes wie intensives Leben war geprägt vom kontinuierlichen Streben seinen Weg in der Welt um 1800 zu finden, wobei wenige temporäre Erfolgserlebnisse einer Vielzahl von Misserfolgen gegenüberstanden: „Kaum einer hat ernsthafter als er versucht, das Glück seines Lebens auf dem Papier zu planen, und kaum einer ist so oft gescheitert wie er.“ „Über Kleists Kindheit ist so gut wie nichts bekannt“, so Amann. Hineingeboren in eine Familie, in der die „militärische Karriere […] eine Selbstverständlichkeit“ darstellte, versuchte er den familiären Erwartungen anfangs noch gerecht zu werden. Beim Eintritt in die Armee im Alter von 14 Jahren war sein Vater bereits seit fünf Jahren verschieden.
Nach 14 überlebten Kampfhandlungen sowie dem Tod seiner Mutter 1793 nahm Kleist 1799 seinen Abschied aus der Armee. Seinem ehemaligen Privatlehrer Christian Ernst Martini schrieb er anschließend über den unvereinbaren Widerstreit von persönlicher und militärischer Moralität. Es folgte ein nach drei Semestern abgebrochenes Studium (Mathematik, Physik, Kulturgeschichte, Naturrecht, Latein und Kameralwissenschaften) in Frankfurt an der Oder sowie die Verlobung mit Wilhelmine von Zenge. Eine anschließende Heirat war für die Familie Zenge jedoch an eine Festanstellung Kleists geknüpft. Der militärischen Restriktion folgte somit eine gesellschaftliche. Doch der Versuch als Hospitant an der Technischen Deputation in Berlin wurde ebenfalls abgebrochen und die Verlobung nach gut zwei Jahren gelöst.
Bereits in seinen zwischen 1800 und 1801 formulierten Briefen findet sich der Wunsch mit dem System zu brechen („Ich bin sehr fest entschlossen, den ganzen Adel von mir abzuwerfen.“), die Verachtung des selbigen („Diese Menschen sitzen sämmtlich wie die Raupe auf einem Blatte, jeder glaubt seines sei das Beßte, u. um den Baum bekümmern sie sich nicht.“), die ersten brieflich festgehaltenen Selbstzweifel („ich passe nicht unter die Menschen“), aber auch die ersten schriftstellerischen Ambitionen.
1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit: Einleitung und Definition des Forschungsinteresses hinsichtlich der Gender- und Liebeskonzeptionen bei Kleist.
2. Der Getriebene: Heinrich von Kleists Leben in kurzen Zügen: Biographischer Abriss der Lebensstationen und Beziehungen Kleists mit Fokus auf die prägenden weiblichen Bezugspersonen.
3. Kleists Lebensraum: Gesellschaft um 1800: Analyse des soziokulturellen Rahmens und der beginnenden Moderne sowie der gesellschaftlichen Strukturen.
4. Gegensätzliche Geschlechter: Gendering um 1800: Auseinandersetzung mit der Fichteschen und Kantschen Philosophie und deren literarischer Spiegelung in Kleists Werken.
5. Liebeskonzeptionen um 1800: Untersuchung verschiedener Liebesmodelle (Hörensagen, narzisstische Liebe, romantische Vorstellungen) in den Werken Penthesilea und Die Verlobung in St. Domingo.
6. Zusammenfassung der Ergebnisse: Synthese der Erkenntnisse über die Verflechtung von Patriarchat, Geschlechterrollen und Kleists eigener Weltsicht.
Heinrich von Kleist, Liebeskonzeptionen, Gender, Patriarchat, 1800, Fichte, Kant, Penthesilea, Das Käthchen von Heilbronn, Die Verlobung in St. Domingo, Ulrike von Kleist, Narzissmus, Geschlechterrollen, Moderne, Biographie.
Die Arbeit analysiert, wie in ausgewählten Werken von Heinrich von Kleist die Geschlechterrollen und Liebesvorstellungen der Epoche um 1800 literarisch verhandelt und hinterfragt werden.
Zentral sind die philosophischen Positionen von Fichte und Kant, der Einfluss von Kleists biographischem Hintergrund sowie die Darstellung von Machtverhältnissen innerhalb des Patriarchats.
Es soll untersucht werden, inwiefern Kleists Figuren den zeitgenössischen Geschlechteridealen entsprechen oder diese durchbrechen und welche Rolle dabei die Liebe einnimmt.
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär textnahe Interpretationen mit geistesgeschichtlichen und biographischen Kontextualisierungen verbindet.
Der Hauptteil gliedert sich in eine biographische Darstellung, eine Analyse des gesellschaftlichen Umfelds um 1800, die Untersuchung geschlechtsspezifischer Rollenkonzepte und eine vertiefte Analyse literarischer Liebesmodelle.
Wichtige Begriffe sind Gender-Konstruktionen, Liebessemantik, Patriarchatskritik, die Kant-Krise und das Konzept der "schönen Seele".
Ulrike von Kleist wird als eine zentrale Bezugsperson identifiziert, deren nonkonformistisches Handeln und "Heldenseele in einem Weiberkörper" sich in vielen starken weiblichen Figuren Kleists wiederfindet.
Die Beziehung wird als ein durch das Prinzip der Besitzergreifung und Objektivierung geprägter Machtkampf gewertet, der sowohl von narzisstischen Tendenzen als auch von einer funktionalen "Liebe vom Hörensagen" überschattet ist.
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