Examensarbeit, 2005
129 Seiten, Note: 1,3
Einleitung
I. Die „gemeinsamen Tage schöner Begeisterung“ – Das Erleben der Einheit der Welt bei Bacon und Chandos
1. Der große Lehrmeister: Francis Bacon
2. Die Pläne der Optimisten
3. Die Methode der Optimisten
4. Der Geist als ein Spiegel der Welt
5. Das Gedächtnis als ein statischer Speicher der Welt
6. Werkzeuge der Erkenntnis - Sprache und Rhetorik
7. Der Nutzen verdammungswürdiger Metaphorik
II. „Es zerfiel mir alles in Teile“ – Der Verlust der Einheit eines konsistenten Weltbildes
1. Das Bewusstwerden des Irrtums der Erkennbarkeit der Welt
2. Das Eigenleben des Gedächtnis als Voraussetzung der Individuation
3. Der Zerfall des versprachlichten Bewusstseins
3.1 Eine sich ankündigende Krise
3.2 (Nicht)-Möglichkeiten von Sprache und des menschlichen Erkenntnisvermögens
3.2.1 Sprache als ein widerspruchsvolles Unding - Nietzsche
3.2.2 Die Dekonstruktion des sprachlichen Individuums - Mauthner
3.3 Zerfall der Kongruenz von Sprache und Welt in Ein Brief
3.4 Verweigerung der Prämissen der Sprachkritik bei Hofmannsthal
4. Das Scheitern der Pläne und der Methode
III. „Ein Fluidum des Lebens und Todes, des Traumes und Wachens“ – Das Erahnen des Doppelsinns
1. Neue Wege der Erkenntnis
2. Die Sprache der guten Augenblicke
3. Das Besondere im Allgemeinen – Die Synthesekraft des Mythos
4. Die Gestaltungskraft der Metaphorik jenseits des wissenschaftlichen Diskurses
4.1 Rück- und Ausblick
4.2 Der Segen des Bildlichen - Hamann
4.3 Die hitzige Flüssigkeit der Bildermasse - Nietzsche
4.4 Beständig das Fremdeste paarend - Hofmannsthal
5. Die Vergangenheit als Schlüssel zur Gegenwart und Zukunft
Die Arbeit untersucht Hofmannsthals fiktiven „Chandos-Brief“ als ein zentrales Dokument der Dekonstruktion eines rationalistischen Weltbildes, wie es durch Francis Bacon maßgeblich geprägt wurde. Sie verfolgt die Forschungsfrage, inwieweit Hofmannsthal durch diese Schrift ein rationales, auf Eindeutigkeit und Naturbeherrschung ausgerichtetes Weltbild überwindet und diesem durch die Mittel der Kunst, insbesondere durch Mythos und Metaphorik, ein alternatives Verständnis von Welt entgegenstellt.
3. Die Methode der Optimisten
Bacon schreibt in der Vorrede zur Instauratio Magna, welche in ihrem zweiten Teil, dem Novum Organum, die Darstellung der bei der Erkenntniserweiterung notwendigen methodischen Anweisungen, also das Werkzeug enthält, über die bisherigen Leistungen der Philosophie und die Notwendigkeit einer Neuorientierung:
Deshalb bleibt das ganze [bisherige] Verfahren, das wir zur Erforschung der Natur einsetzen, nicht gut eingerichtet. Es gleicht einem äußerlich prächtigen Bau ohne sicheres Fundament. […] Abhilfe konnte nur so kommen, daß man an die Dinge mit neuen Methoden in der lauteren Absicht heranging, zu einer vollständigen Erneuerung der Wissenschaften und Künste, überhaupt der ganzen menschlichen Gelehrsamkeit, auf gesicherten Grundlagen zu kommen.
Bacon bezweifelt die Fähigkeit der bisherigen Wege der Erkenntnisgewinnung, welche nur durch einzelne Beobachtungen und Feststellungen, ohne diese auf einer empirisch gesicherten Grundlage fundamentiert zu haben, allgemeingültige Aussagen machen zu können. Die somit gewonnenen Wissensbestände befänden sich in einer großen Unordnung und müssten grundlegend systematisiert werden, um kenntlich und somit nutzbringend gemacht werden zu können. Dabei ist Bacon weniger an der philosophischen Fragestellung interessiert, was Erkenntnis eigentlich sei, sondern vielmehr von dem Gedanken geleitet, wie die Wege der Erkenntnis methodisch verbessert werden können. Er trennt demnach grundsätzlich die Sphären der Erkenntnis als Ergebnis eines kognitiven Prozesses und der Erkenntnis in Folge des Handelns, welcher er mit seiner Methode eine fundamentale Rolle beim Erlangen für den Menschen nützlicher Erkenntnisse beimisst. Die Methode, mit welcher er vorzugehen gedachte, war negativ bestimmt. Durch Induktion, also dem Gang vom besonderen zum allgemeinen Gegenstand und logische Ausschlüsse, sollte die Wissenschaft zur Erkenntnis des Ganzen gelangen.
Einleitung: Die Einleitung situiert den Brief in der Korrespondenz zwischen Lord Chandos und Francis Bacon und skizziert die Krise als einen Gegenentwurf zu einem rationalistischen, durch Bacon geprägten Weltbild.
I. Die „gemeinsamen Tage schöner Begeisterung“ – Das Erleben der Einheit der Welt bei Bacon und Chandos: Dieses Kapitel analysiert das ursprüngliche, von Bacon beeinflusste Weltbild des Lord Chandos, das auf einer unerschütterlichen Zuversicht in die Erkenntnisfähigkeit des Menschen basierte.
II. „Es zerfiel mir alles in Teile“ – Der Verlust der Einheit eines konsistenten Weltbildes: Hier wird der krisenhafte Prozess des Zusammenbruchs dieses Weltbildes beschrieben, der als eine fundamentale Erschütterung von Sprache, Denken und der individuellen Identität verstanden wird.
III. „Ein Fluidum des Lebens und Todes, des Traumes und Wachens“ – Das Erahnen des Doppelsinns: Das abschließende Kapitel expliziert den Ausweg aus der Krise, der nicht in der Rückkehr zur alten Ordnung, sondern in einer neuen, mythisch und metaphorisch geprägten Welterfahrung liegt.
Hugo von Hofmannsthal, Lord Chandos, Francis Bacon, Erkenntniskritik, Sprachkritik, Dekonstruktion, Rationalismus, Moderne, Mythos, Metaphorik, Gedächtnis, Subjektivität, Epiphanie, Induktion, Welterkenntnis.
Die Arbeit analysiert Hofmannsthals „Chandos-Brief“ als ein zentrales literarisches Zeugnis, das die Krise des modernen, rationalistisch geprägten Weltbildes thematisiert und durch einen Gegenentwurf zur baconschen Philosophie auflöst.
Die zentralen Felder sind die Erkenntnistheorie, die Sprachphilosophie, die Funktion des Gedächtnisses und das Verhältnis zwischen rationaler Wissenschaft und dichterischer Welterschließung.
Das Ziel ist es, den „Chandos-Brief“ als eine bewusste Auseinandersetzung mit Bacons wissenschaftlichem Programm der Naturbeherrschung zu lesen und aufzuzeigen, wie Hofmannsthal durch die Mittel des Mythos und der metaphorischen Sprache eine neue, ganzheitliche Form der Erkenntnis etabliert.
Es wird ein literaturwissenschaftlicher und philosophischer Ansatz verfolgt, der den Brief in den Kontext der Baconschen Philosophie sowie zeitgenössischer sprachkritischer Ansätze (Nietzsche, Mauthner) stellt, um die Dekonstruktion und Neukonstruktion des Weltbildes von Chandos nachzuzeichnen.
Der Hauptteil gliedert sich in drei Abschnitte: Die Analyse der baconschen Prägung des jungen Chandos, die detaillierte Darstellung des Zerfalls dieses Weltbildes in der Krise und die Untersuchung der neuen Erkenntniswege in Form des „doppelsinnigen“ Erlebens und der mythologischen Synthese.
Entscheidend sind die Begriffe Totalitätsbewusstsein, induktive Methode, Sprachkrise, „gute Augenblicke“ (Epiphanie), mythische Synthese und die Spiegelmetapher im Kontrast zur metaphorischen Bildermasse.
Der Verlust geschieht durch das Versagen der Sprache, die vormals eine geordnete Welterfassung ermöglichte. Wenn Chandos versucht, die Welt weiter mit den „alten“ logischen Begriffen zu erfassen, zerfallen diese Begriffe für ihn, was ihn in eine tiefe Isolation und schließlich in die Sprachlosigkeit führt.
Der Mythos fungiert für Chandos als neues Erkenntnismedium. Im Gegensatz zur rationalen Zergliederung ermöglicht er es, Widersprüche und Gegensätze innerhalb der Dinge zu vereinen, ohne sie gewaltsam zu nivellieren, und somit ein neues „Gleichgewicht“ der Welterfahrung zu finden.
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