Bachelorarbeit, 2003
53 Seiten, Note: A ++
Einleitende Bemerkungen
Teil I: Die Flotte: Ein soziales Identifikationsobjekt der Deutschen
1.1 Politikpsychologisches Identitätssymbol einer verspäteten Nation
1.2 Die Ästhetisierung der deutschen Flotte
Teil II: Die Flotte: Das personalisierte Instrument Kaiser Wilhelm II.
2.1 Zur Rolle der deutschen Flotte im Kaiserreich
2.1.1. Innenpolitisches Kampfinstrument gegen die Sozialdemokraten (SPD)
2.1.2 Ein Platz an der Sonne: Zukunft durch Expansionismus
Abschließende Bemerkungen
Diese Arbeit untersucht die Rolle der deutschen Flotte im Kaiserreich (1890-1918) unter besonderer Berücksichtigung der Navalisierung zwischen 1897 und 1902. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich mit der Bedeutung der Flotte als soziales Identifikationsobjekt sowie als personalisiertes Instrument des Kaisers für innen- und außenpolitische Zwecke.
1.1 Politikpsychologisches Identitätssymbol einer verspäteten Nation
Zu einer der wichtigsten Hauptaufgaben der Nationalbildung, so Wehler, gehört die Stiftung von Identifikationsobjekten, denn „die neue nationale Welt [muss] wirkungsvoll symbolisch repräsentiert, die Nation mental und emotional erfahrbar gemacht werden“12. Der Nationalstaat Deutschlands bildete nach seiner vergleichsweise späten Geburt keine Ausnahme zu dieser Regel und benötigte ebenfalls die besagten Identifikationssymbole. Doch 1888, als Kaiser Wilhelm II. den Thron bestieg, war er der tiefsten Überzeugung, dass das deutsche Reich immer noch nicht existiere. Nach seiner Einschätzung brauchte es Symbole, mit denen sich die Deutschen identifizieren konnten. Nicolaus Sombart unterstützt diese These in einem FAZ-Zeitungsartikel: „Der Kaiser ging davon aus, dass es das „Reich“ überhaupt noch nicht wirklich gab. Man mußte es erfinden. Darin sah Wilhelm seinen historischen Auftrag“13. Aus diesem einfachen Grunde brauchte der Kaiser Symbole. Wenn man den Standpunkt Sombarts annimmt, drängt sich die Frage auf, welches symbolträchtige Instrument den Traum deutscher Größe und deutscher Einigkeit in dieser „verspäteten Nation“14 erfüllen mochte, um den Nationalstaat Deutschlands zu erfinden? Die Antwort lag letztendlich in einem Instrument: der Marine. Es ist historischen Quellen und zeitgenössischer Literatur zu entnehmen, dass im deutschen Reich binnen kürzester Zeit grosse Begeisterung für das nationale Flottenprojekt aufflammte. Golo Mann unterstützt diese These in seinem Beitrag über die deutsche Geschichte: „Das Flottenprogramm fand beim breiten Bürgertum begeisterte Aufnahme“15 Die Tatsache, dass 1899, nur zwei Jahre nach der Implementierung einer bewusst betriebenen Flottenpolitik, 600 000 Mitglieder aus allen Volksschichten dem Deutschen Flottenverein beitraten, darunter zahlreiche angesehene deutsche Wissenschaftler, Historiker und Schriftsteller, die sich im gleichen Jahr für das Vorhaben „Für eine deutsche Flotte“ in Gestalt einer Unterschriftssammlung aussprachen, beweist diese Welle von Masseneuphorie für die Flotte. Wie kam es aber, dass die Flotte überall populär gemacht werden konnte?
Einleitende Bemerkungen: Einführung in die Thematik der Flottenpolitik des Kaiserreichs anhand der Interpretation der Karikatur „Der Lotse geht von Bord“ und Darlegung der zentralen Forschungsaspekte.
1.1 Politikpsychologisches Identitätssymbol einer verspäteten Nation: Analyse der Rolle der Marine als notwendiges Identifikationssymbol zur Festigung des deutschen Nationalbewusstseins unter Kaiser Wilhelm II.
1.2 Die Ästhetisierung der deutschen Flotte: Untersuchung der Flotte als Gegenstand literarischer, musikalischer und bildkünstlerischer Darstellung und deren Wirkung auf die Wahrnehmung der Bevölkerung.
2.1 Zur Rolle der deutschen Flotte im Kaiserreich: Diskussion der unterschiedlichen politischen und militärischen Beweggründe für den Flottenbau sowie die Einordnung der Flotte als Instrument deutscher Weltpolitik.
2.1.1. Innenpolitisches Kampfinstrument gegen die Sozialdemokraten (SPD): Untersuchung der Hypothese, inwiefern der Ausbau der Flotte als Mittel gegen die sozialdemokratische Opposition im Inland fungierte.
2.1.2 Ein Platz an der Sonne: Zukunft durch Expansionismus: Analyse des Expansionsdrangs und der Pläne des Kaiserreiches, die über den rein europäisch-britischen Konflikt hinaus auch die USA als Konkurrenten betrafen.
Abschließende Bemerkungen: Synthese der Ergebnisse über die Flottenpolitik als Katalysator der deutschen Innen- und Außenpolitik und deren tragische Rolle im Untergang des Kaiserreichs.
Navalismus, Kaiser Wilhelm II., Deutsche Flotte, Reichsmarineamt, Flottenpolitik, Identitätssymbol, Sozialdemokratie, Expansionismus, Weltmachtstreben, Ästhetisierung, Nationalbewusstsein, Flottengesetze, Tirpitz, Wilhelminisches Zeitalter, Risikogedanke.
Die Arbeit behandelt die Rolle der deutschen Flotte im Kaiserreich zwischen 1890 und 1918 und analysiert, warum das Flottenprojekt für den Kaiser und die Nation eine so zentrale, identitätsstiftende Bedeutung erlangte.
Zentrale Themen sind die politikpsychologische Bedeutung der Flotte, deren ästhetische Inszenierung in der Kultur sowie die innen- und außenpolitischen Hintergründe des Flottenbaus.
Ziel ist es, die Beweggründe für die aggressive Flottenpolitik Wilhelms II. zu verstehen und zu prüfen, ob die Flotte primär als Instrument der inneren Identitätsbildung oder als machtpolitisches Werkzeug nach außen diente.
Es handelt sich um eine historische Facharbeit, die eine Analyse von Sekundärliteratur, zeitgenössischen Quellen, politischen Dokumenten sowie kulturellen Artefakten (Gedichte, Musik, Bilder) kombiniert.
Der Hauptteil gliedert sich in zwei Teile: Die Betrachtung der Flotte als Identitätsobjekt und kulturelles Phänomen sowie die Analyse der Flotte als politisches Machtinstrument gegen interne Opposition (SPD) und externe Konkurrenten (England, USA).
Wichtige Begriffe sind insbesondere Navalisierung, Flottenbegeisterung, Riesenspielzeug des Kaisers, Platz an der Sonne und die innenpolitische Instrumentalisierung.
Die Arbeit untersucht kritisch, ob die Flottenrüstung gezielt als Kampfinstrument gegen die SPD eingesetzt wurde, oder ob die SPD durch das gesellschaftliche Dilemma, ein „patriotisches“ Projekt zu kritisieren, lediglich in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt werden sollte.
Das Dokument beleuchtet weniger bekannte Archivfunde, die belegen, dass das Kaiserreich konkrete militärische Invasionspläne gegen die USA entwarf, was das „Platz-an-der-Sonne-Denken“ über die kolonialen Ambitionen in Afrika und Asien hinaus erweitert.
Die Arbeit zeigt auf, dass durch die mediale und kulturelle Aufbereitung der Flotte eine psychologische Wirkung auf die Bevölkerung erzielt wurde, die soziale Integration schuf und die Zustimmung zur kostspieligen Flottenpolitik im Kaiserreich nachhaltig sicherte.
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