Diplomarbeit, 2005
100 Seiten, Note: 1,3
1 Einleitung
1.1 Wandel der Kriegsformen
1.2 Erklärungsansätze der Forschung
1.3 Fragestellung, zentrale Annahmen und Aufbau der Arbeit
2 Stand der Kriegsforschung
2.1 Staatszentriertheit der Kriegsforschung
2.2 Ursachenfixiertheit der Kriegsforschung
2.3 Entwicklung eines Analyserahmens
2.3.1 Grundannahmen des Konstruktivismus
2.3.2 Akteur-Struktur-Debatte
3 Die State Failure – Debatte
3.1 Die soziologische Staatstheorie nach Max Weber
3.2 Die Erosion staatlicher Herrschaft
3.2.1 Ursachen für Staatszerfall auf internationaler Ebene
3.2.1.1 Globalisierung
3.2.1.2 Dekolonisierung
3.2.1.3 Das Ende des Ost-West-Konflikts
3.2.2 Ursachen für Staatszerfall auf innerstaatlicher Ebene
3.2.2.1 Das koloniale Erbe
3.2.2.2 Akteurszentrierte Erklärungsmuster
3.2.3 Konzepte von Staatszerfall
3.2.3.1 Schwache Staaten
4 Private Gewaltakteure
4.1 Warlords
4.2 Rebellen
4.3 Organisierte Kriminalität
4.4 Vernetzung nichtstaatlicher Gewaltakteure
4.5 Motive privater Gewaltakteure
4.5.1 Greed versus Grievance
4.5.2 Greed & Grievance
5 Gewaltökonomien in innerstaatlichen Konflikten
5.1 Begriff und Charakteristika von Gewaltökonomien
5.2 Mechanismen und Dynamiken in innerstaatlichen Konflikten
5.2.1 Lokale Mechanismen
5.2.1.1 Extraktion von strategischen Rohstoffen und Bodenschätzen
5.2.1.2 Abschöpfung von Werten
5.2.1.3 Abschöpfung von Humankapital
5.2.2 Globale Mechanismen
5.2.2.1 Abschöpfung bzw. Besteuerung internationaler humanitärer Hilfe
5.2.2.2 Unterstützung aus der Diaspora
5.2.2.3 Anbindung an die Schattenglobalisierung
5.3 Gewaltökonomie und Konfliktdynamik
5.3.1 Konfliktphasen und Gewaltintensität
5.3.2 Ökonomische Strategien der Konfliktparteien
5.4 Zwischenergebnis - Gewaltökonomie als eigendynamischer Prozess
6 Gewaltökonomie als soziale Institution
6.1 Gewaltökonomie und Zerfall staatlicher Strukturen
6.1.1 Versagende Staaten
6.1.2 Gescheiterte Staaten
6.2 Fragmentierung der Konfliktparteien
6.3 Gewaltökonomie als alternatives Gesellschaftssystem
7 Abschließende Anmerkungen
8 Bibliographie
Die Arbeit untersucht die Mechanismen und Prozessdynamiken, die zur Persistenz von Gewaltökonomien in innerstaatlichen Konflikten führen. Dabei wird analysiert, wie eigendynamische ökonomische Kreisläufe politische Motive verdrängen und durch die Integration in sozioökonomische Strukturen zur Stabilisierung des Konfliktzustandes beitragen.
5.1 Begriff und Charakteristika von Gewaltökonomien
In innerstaatlichen Konflikten führt die institutionelle Schwäche des Staates als regulierende und ordnende Instanz häufig zur Stärkung zentrifugaler politischer Tendenzen und begünstigt somit die Schaffung autonomer Zentren, in denen die jeweiligen Konfliktparteien Parallelökonomien organisieren. Bewaffnete Konflikte erfordern den kontinuierlichen Zufluss von immensen ökonomischen Ressourcen und je länger sie währen, desto mehr Ressourcen verschlingen sie. Deswegen werden in diesen Gebieten von den Gewaltakteuren ökonomische Prozesse in Gang gesetzt, welche die Finanzierung ihrer Bewegung sicherstellen sollen. Es werden bewaffnete Einheiten aufgestellt, Waffen und Munitionen gekauft, Kämpfer werden rekrutiert und ausgebildet, eroberte Gebiete werden verwaltet. (Endres 2002: 25)
Diese spezifische Konstellation des Wirtschaftsablaufes im Kontext eines innerstaatlichen Konfliktes wird als Gewaltökonomie bezeichnet. Jean und Rufin beziehen diesen Begriff auf „interne Konflikte, in denen bewaffnete Bewegungen geschwächten Staaten mit wenig entwickelten und gering diversifizierten Volkswirtschaften gegenüberstehen“, wobei sie unter Wirtschaftsablauf die „ökonomischen Strategien von den politisch-militärischen Akteuren zur Finanzierung ihrer Kämpfe, zur Kontrolle der Bevölkerung und zur Aneignung staatlicher Privilegien“ verstehen. (Jean/Rufin 1999: 11f) Eine pragmatische Abgrenzung von Gewaltökonomien gegenüber anderen Formen wirtschaftlicher Ordnung stellt Gewalt als absolut vorherrschendes Regulativ von Produktion und Aneignung. Dabei unterscheiden sich Gewaltökonomien von Anarchie durch die Hierarchisierung der Gewaltinstrumente und die damit verbundene territoriale Kontrolle. (Lock 2003:96) Der Schwerpunkt des Akteurshandelns liegt auf die Ressourcenakkumulation. Somit rückt im Mittelpunkt der Analyse der Zusammenhang zwischen Gewaltpraktiken und ökonomischen Vorgängen. Um dieser Korrelation Rechnung zu tragen, hat Elwert den Begriff des Gewaltmarktes geprägt. Damit bezeichnet er ein sich selbst stabilisierendes System, „ein von Erwerbszielen bestimmtes Handlungsfeld, in dem sowohl Raub und Warentausch als auch ihre Übergangs- und Kombinationsformen (wie Lösegelderpressung, Straßenzölle, Schutzgelder usw.) vorkommen.“ (Elwert 1997: 88) Androhung oder Anwendung physischer Gewalt ist eine Strategie, deren sich die Akteure bedienen, um Macht, Einfluss und Kontrolle über Ressourcen zu akkumulieren. Als unabdingbare Bedingung für das Entstehen von Gewaltökonomien gilt das Zusammentreffen von gewaltoffenen Räumen (Räume ohne Gewaltmonopol) und Marktwirtschaft.
1 Einleitung: Die Arbeit führt in den Wandel kriegerischer Auseinandersetzungen ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach den Mechanismen der Persistenz von Gewaltökonomien.
2 Stand der Kriegsforschung: Es wird kritisch dargelegt, warum traditionelle, staatszentrierte Ansätze der Kriegsforschung zur Analyse heutiger innerstaatlicher Konflikte unzureichend sind.
3 Die State Failure – Debatte: Dieser Abschnitt analysiert die Ursachen für den Staatszerfall und definiert den theoretischen Rahmen für schwache und gescheiterte Staaten.
4 Private Gewaltakteure: Die Rolle von Warlords, Rebellen und organisierter Kriminalität als Akteure in neuen Gewaltökonomien wird untersucht.
5 Gewaltökonomien in innerstaatlichen Konflikten: Hier werden die lokalen und globalen Finanzierungsmechanismen sowie die Wechselwirkungen zwischen Gewaltökonomie und Konfliktdynamik detailliert analysiert.
6 Gewaltökonomie als soziale Institution: Dieses Kapitel betrachtet, wie sich Gewaltökonomien durch den Zerfall staatlicher Strukturen zu persistenten, alternativen Gesellschaftssystemen entwickeln.
Gewaltökonomie, innerstaatlicher Konflikt, Staatszerfall, Warlords, Rebellen, organisierte Kriminalität, Konfliktdynamik, Eigendynamik, Ressourcenakkumulation, Greed und Grievance, Schattenglobalisierung, Staatsversagen, private Gewaltakteure, Rent-seeking, soziale Institution.
Die Arbeit untersucht, wie in innerstaatlichen Konflikten durch das Fehlen staatlicher Ordnung wirtschaftliche Systeme entstehen, die auf Gewalt basieren und sich durch eigendynamische Prozesse langfristig stabilisieren.
Im Zentrum stehen der Prozess des Staatszerfalls, die Aktivitäten privater Gewaltakteure sowie die ökonomischen Strategien, durch die Konfliktparteien ihre Handlungen finanzieren.
Die Arbeit möchte die Mechanismen und Dynamiken identifizieren, die dazu führen, dass Gewaltökonomien in Konfliktregionen überdauern und zur vorherrschenden Struktur werden.
Der Autor nutzt einen konstruktivistischen Analyserahmen sowie eine akteurszentrierte Perspektive, um die Wechselbeziehung zwischen den Akteuren und den sich verändernden gesellschaftlichen Strukturen zu beleuchten.
Der Hauptteil analysiert die theoretische Debatte zum Staatszerfall, charakterisiert verschiedene Gewaltakteure und untersucht die Mechanismen der Gewaltökonomie – von der Extraktion von Rohstoffen bis zur Anbindung an die globale Schattenwirtschaft.
Wichtige Konzepte sind die "Vordringlichkeit des Kurzfristigen", "Gewaltmärkte", "Eigendynamik" und die Unterscheidung zwischen ideologisch motivierter Rebellion und ökonomisch motiviertem Handeln (Greed vs. Grievance).
Sie fungieren als Akteure, die in Räumen ohne staatliches Gewaltmonopol ökonomische Nischen besetzen und ihre militärischen Aktivitäten durch die Kontrolle dieser ökonomischen Ressourcen absichern.
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Gewaltökonomie nicht nur ein vorübergehendes Symptom, sondern ein sich selbst verstärkendes alternatives Gesellschaftssystem ist, das durch die Fragmentierung der Konfliktparteien und eine tiefgreifende Integration der Bevölkerung zementiert wird.
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