Examensarbeit, 2003
91 Seiten, Note: 1,0
1. EINLEITUNG
2. GOETHE UND DIE NATURWISSENSCHAFT UM 1800
2.1 GOETHES BEITRAG ZUR WISSENSCHAFT AUS WIRKUNGSGESCHICHTLICHER SICHT
2.2 POESIE UND WISSENSCHAFT BEI GOETHE
2.3 GOETHES ZUGANG ZUR CHEMIE ÜBER DIE ALCHEMIE
3. DAS EXPERIMENT UND DIE LITERATUR
3.1 DAS EXPERIMENT IN DEN NATURWISSENSCHAFTEN
3.1.1 Versuch einer Begriffsbestimmung
3.1.2 Das Experiment um 1800
3.1.3 Das Experiment bei Kant
3.1.4 Newton und das Experiment
3.1.5 Goethe und Newtons Experimentation
3.1.6 Theorie und Methode von Goethes Experimenten
3.2 EXPERIMENTELLE DICHTUNG UND EXPERIMENTALROMAN
3.3 DAS LITERARISCHE EXPERIMENT
4. DAS LITERARISCHE EXPERIMENT DER WAHLVERWANDTSCHAFTEN
4.1 INNERLITERARISCHE AUSEINANDERSETZUNG
4.1.1 Die chemische Gleichnisrede im Roman
4.1.2 Die chemische Theorie: Bergman und Berthollet
4.1.3 Aspekte poetischer Einbindung der chemischen Gleichnisrede in den Erzählzusammenhang
4.1.4 Das Pendelexperiment
4.1.5 Galvanismus und animalischer Magnetismus
4.2 DIE SYMBOLIK DER WAHLVERWANDTSCHAFTEN
4.3 DIE IRONIE IN DEN WAHLVERWANDTSCHAFTEN
4.4 DIE SPIEGELUNG IN DEN WAHLVERWANDTSCHAFTEN
4.5 HALTUNG DES ERZÄHLERS UND SEINE SPRACHE
4.5.1 Der Erzähler als Chemiker
4.5.2 Der erzählte Raum und die erzählte Zeit
4.5.3 Die Sprache der Wahlverwandtschaften
4.6 DIE IDEE DES ROMANS
4.7 DER GEGENSTAND DES LITERARISCHEN EXPERIMENTS: LIEBE UND EHE
4.8 AUTOBIOGRAFISCHE SPUREN
5. SCHLUSSBEMERKUNG UND AUSBLICK
Die wissenschaftliche Arbeit untersucht die Verbindung und gegenseitige Durchdringung von Poesie und Naturwissenschaft in Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, inwiefern der Roman als ein „literarisches Experiment“ begriffen werden kann, das naturwissenschaftliche Verfahrensweisen in die Literatur transponiert, ohne dabei die Autonomie der Dichtung zu untergraben.
3.1.6 Theorie und Methode von Goethes Experimenten
In seinem Aufsatz „Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt“ (datiert 1792, Erstdruck 1823) legt Goethe sein theoretisches Fundament des Experiments mit all seinen für ihn relevanten Implikationen dar. Der Aufsatz zählt zu Goethes frühesten theoretisch-methodischen Abhandlungen und stammt aus der Zeit seiner ersten Forschungen zur Farbenlehre und steht damit auch im Zusammenhang mit seiner Polemik gegen Newton. Goethe konstatierte einen Irrtum in dessen Abhandlung über das Licht, zu dessen Korrektur er angetreten war. In Folge dessen war er bemüht, den Irrtum Newtons auf einen methodischen Fehler zurückzuführen, was ihn dazu brachte, sich seines eigenen methodischen Vorgehens bewusst zu werden. Es soll hier vornehmlich untersucht werden, inwieweit sich die Kriterien Goethes vom modernen Verständnis des Experiments unterscheiden oder mit ihnen übereinstimmen.
Goethe beginnt seine Abhandlung mit dem Satz „Sobald der Mensch die Gegenstände um sich her gewahr wird, betrachtet er sie in Bezug auf sich selbst, und mit Recht.“ Die allgemeine und nicht wissenschaftliche Welterkenntnis ist von persönlichem Interesse wie Nutzen und Schaden geprägt. Der Wissenschaftler habe als Beobachter diese anthropozentrischen Maßstäbe aber abzulegen und sie „nicht aus sich, sondern aus dem Kreis der Dinge [...] die er beobachtet“ zu entnehmen. Der Beobachter soll seine Daten hervorbringen, wie die Sonne die Pflanzen hervorbringt, ohne einen Nutzen davon zu haben.
1. EINLEITUNG: Darstellung der Problemstellung hinsichtlich der Ausdifferenzierung von Kunst und Wissenschaft und Einführung in das Konzept des „literarischen Experiments“ bei Goethe.
2. GOETHE UND DIE NATURWISSENSCHAFT UM 1800: Kontextualisierung von Goethes Naturforschung zwischen romantischen Ansätzen und exakter Naturwissenschaft sowie Reflexion seines Beitrags zur Wissenschaftsgeschichte.
3. DAS EXPERIMENT UND DIE LITERATUR: Theoretische Herleitung des Begriffs „Experiment“ und Abgrenzung gegenüber anderen literarischen Strömungen wie der experimentellen Dichtung und dem Experimentalroman.
4. DAS LITERARISCHE EXPERIMENT DER WAHLVERWANDTSCHAFTEN: Analyse der konkreten Umsetzung experimenteller Prinzipien im Roman, von der chemischen Symbolik bis hin zur narrativen Struktur und Erzählerhaltung.
5. SCHLUSSBEMERKUNG UND AUSBLICK: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Einordnung des Romans als offenes, zur Reflexion einladendes Experiment.
Wahlverwandtschaften, Johann Wolfgang von Goethe, Literatur und Wissenschaft, Literarisches Experiment, Naturforschung um 1800, Chemiegeschichte, Tobern Olof Bergman, Claude Berthollet, Symbolik, Ironie, Spiegelung, Anthropomorphismus, Erkenntnistheorie, Experimentierweise, Poetik.
Die Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen Poesie und Naturwissenschaft in Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ und beleuchtet dessen experimentellen Charakter.
Im Zentrum stehen die wissenschaftliche Methodik Goethes, die Integration naturwissenschaftlicher Theorien in literarische Texte sowie die Rolle des Erzählers und der Symbolik.
Ziel ist es, den Begriff des „literarischen Experiments“ theoretisch zu schärfen und an der Fallstudie der „Wahlverwandtschaften“ nachzuweisen, wie Goethe Erkenntnisprozesse in den Roman integriert.
Der Autor stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text mit zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Diskursen (wie der Chemie von Bergman und Berthollet) in Beziehung setzt.
Der Hauptteil analysiert die chemische Gleichnisrede, das Pendelexperiment, die Symbolik der Figuren sowie die erzählerische Gestaltung von Raum und Zeit im Roman.
Zu den wichtigsten Begriffen gehören: Wahlverwandtschaften, Experiment, Naturwissenschaft, Poetik, Ironie, Symbolik und die Verbindung von Objekt und Subjekt.
Das Kind fungiert als „Rest“ der chemischen Reaktion, der von der Theorie nicht erfasst wird und somit die Grenzen des wissenschaftlichen Modells in der literarischen Umsetzung aufzeigt.
Goethe lehnt die reine Isolierung und Beweisfunktion des Experiments ab und betont stattdessen das teilnehmende Subjekt und die Bedeutung von Anschaulichkeit und Zusammenhang.
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