Diplomarbeit, 2005
108 Seiten, Note: Sehr gut
0. EINLEITUNG
1. HISTORISCHER HINTERGRUND
1.1. Entstehung der Pluralanrede
1.2. Historischer Überblick über die Anrede im deutschen Sprachraum
1.2.1. Anredepronomina ab dem 9. Jh.: Du - Ihr
1.2.2. Anredepronomina ab dem 17. Jh.: Du - Ihr - Er/Sie
1.2.3. Anredepronomina ab dem 18. Jh.: Du - Ihr - Er/Sie - Sie
1.2.4. Anredepronominagebrauch des 18. Jh. am Beispiel von Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti
1.3. Zusammenfassung der sprachhistorischen Betrachtungen
2. SPRACHWISSENSCHAFTSTHEORETISCHE DENKANSÄTZE ZUM ANREDEPRONOMINAGEBRAUCH
2.1. Power vs. Solidarity: Brown/Gilman
2.2. Weiterführende theoretische und praktische Überlegungen für den deutschsprachigen Raum
2.2.1. Soziale Funktion der pronominalen Anrede: Ammon
2.2.2. Hochschuldiskussionen der 70-er Jahre: Bausinger - Bayer
2.2.3. Anredegebrauch in der ehemaligen DDR: Kempf
2.2.4. Zur Distanzanrede: Buchenau
2.3. Grammatisch motivierte Herangehensweise: Simon
3. ZUR PRAGMATIK DER ANREDEPRONOMINA: VON DER THEORIE ZUR PRAXIS
3.1. Vorbereitungen
3.2. Interviewanalysen
3.2.1. Fallstudie A (Jg. 1969)
3.2.1.1. Modellfindung: Symmetrie vs. Asymmetrie
3.2.1.2. Kommunikationssituationen am Arbeitsplatz
3.2.1.3. Faktoren zur Symmetrienbestimmung am Arbeitsplatz: Alter vs. Arbeitsplatzhierarchie
3.2.1.4. „I glaub, i bin a bissi a Einzelfall“
3.2.2. Fallstudie B (Jg. 1941)
3.2.2.1. Faktoren zur Symmetrienbestimmung am Arbeitsplatz: Geschlecht vs. Alter vs. Arbeitsplatzhierarchie
3.2.2.2. „Interessensgemeinschaften“ - reziprokes T
3.2.3. Fallstudie C (Jg. 1987): Asymmetrische Anredesituationen
3.3. Generationsübergreifende Beobachtungen: Konnotierter Anredegebrauch vs. Standardanrede
4. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK
5. BIBLIOGRAPHIE
Die Diplomarbeit untersucht die diachrone Entwicklung sowie die gegenwärtige pragmatische Verwendung von Anredepronomina im Deutschen. Ziel ist es, über den rein historischen Abriss hinaus mittels qualitativer Interviews ein Verständnis dafür zu entwickeln, welche soziolinguistischen Faktoren die Wahl zwischen den verschiedenen Anredeformen in konkreten Kommunikationssituationen bestimmen und wie diese heute empirisch verortet werden können.
1.1. Entstehung der Pluralanrede
Der für die Anredeforschung wegweisende Aufsatz The Pronouns of Power and Solidarity von Brown/Gilman (1960) schneidet das Thema nur peripher an und behauptet selbstbewusst, dass die Verwendung des Pluralpronomens als Anredeform gegenüber einer einzelnen Person mit der Entstehung des römischen Doppelkaisertums nach den diocletianischen Reformen (285-305 n. Chr.) einhergegangen sei. Die Aufteilung des Reiches in zwei von jeweils einem Kaiser repräsentierte Hälften bei gleichzeitiger Beibehaltung einer zentralistisch geführten Administration habe ab dem 4. Jh. bei einem Ansuchen an den jeweils einen durch eine beide Repräsentanten des Kaiserreiches implizierende Anrede wahrscheinlich zur Verwendung des Plural-Anredepronomens für den Kaiser geführt.
Die Verwendung des Pluralpronomens in der Anrede des jeweiligen Kaisers allein auf die personale Doppelbesetzung zurückzuführen greift wahrscheinlich zu kurz. Historisch betrachtet ist der Theorie von Brown/Gilman auf jeden Fall entgegenzusetzen, dass die Reform Diocletians ja darin bestand, das Großreich in kleinere Verwaltungsgebiete aufzuteilen, was aber zu einer administrativen Dezentralisierung führte und nicht wie von Brown und Gilman beschrieben zu einer Zentralisierung der administrativen Agenden in einem „imperial office“ (1960: 255). Auch wenn zwischen den beiden Hauptkaisern, den augusti, wiederum eine Hierarchie zum Tragen kam, die einen eindeutig Mächtigeren der beiden vorsah, was letztendlich wieder auf eine machtpolitisch zentralistische Struktur des Kaiserreiches schließen lassen könnte, scheint die von Brown und Gilman in diesem Zusammenhang verwendete Erklärung zur Entstehung und Verbreitung der Pluralanrede als zweifelhaft bzw. unvollständig.
0. EINLEITUNG: Die Einleitung begründet die Relevanz der Arbeit und erläutert die methodische Entscheidung für einen qualitativ-empirischen Ansatz zur Erforschung des Anredeverhaltens.
1. HISTORISCHER HINTERGRUND: Dieses Kapitel zeichnet die chronologische Entwicklung der Anredepronomina vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert nach und beleuchtet die Entstehung der Pluralanrede.
2. SPRACHWISSENSCHAFTSTHEORETISCHE DENKANSÄTZE ZUM ANREDEPRONOMINAGEBRAUCH: Hier werden zentrale theoretische Modelle wie das von Brown/Gilman diskutiert und um neuere Ansätze aus dem deutschsprachigen Raum und die grammatische Sichtweise von Simon erweitert.
3. ZUR PRAGMATIK DER ANREDEPRONOMINA: VON DER THEORIE ZUR PRAXIS: Im Hauptteil werden die qualitativen Interviews ausgewertet, um die theoretischen Konzepte an der modernen Praxis zu spiegeln und neue Einblicke in die Anrededynamik zu gewinnen.
4. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK: Das Fazit fasst die empirischen Erkenntnisse zusammen und unterstreicht die Bedeutung der situativen Modellierung von Anredesituationen gegenüber simplifizierenden Ansätzen.
5. BIBLIOGRAPHIE: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Anredepronomina, Du, Sie, Ihr, Er/Sie, Höflichkeitsanrede, Soziolinguistik, Symmetrie, Asymmetrie, Macht, Solidarität, Pragmatik, Sprachgeschichte, Anredeverhalten, Face.
Die Arbeit untersucht die diachrone Entwicklung und die aktuelle Verwendung von Anredepronomina (wie Du, Sie, Ihr) im Deutschen und analysiert, wie diese in der heutigen Kommunikation eingesetzt werden.
Die Arbeit verknüpft historische Aspekte der Anrede mit soziolinguistischen Theorien und empirischen Daten, die durch qualitative Interviews erhoben wurden.
Das Ziel ist es, ein besseres Verständnis für die Faktoren zu entwickeln, die die Entscheidung für eine Anredeform in spezifischen sozialen Situationen beeinflussen, und zu hinterfragen, ob klassische Modelle hierfür noch ausreichen.
Die Arbeit stützt sich auf die Analyse bestehender sprachhistorischer Literatur sowie auf die Durchführung und qualitative Auswertung von persönlichen Interviews mit sechs Informanten unterschiedlicher Generationen.
Der Hauptteil widmet sich der Auswertung der Interviews, der Identifizierung von Faktoren wie Alter, Geschlecht und Hierarchie sowie der Entwicklung eines „Symmetrien-Modells“ zur Situationsanalyse.
Wichtige Begriffe sind Symmetrie, Asymmetrie, Power vs. Solidarity, Höflichkeitsstrategien, Face und das Spannungsfeld zwischen formaler Distanz und informeller Nähe.
Es ermöglicht eine wertneutrale Beschreibung von Kommunikationssituationen, bei der Faktoren wie soziale Hierarchie oder situationsbedingte Rollenverteilungen objektiver erfasst werden können als mit rein semantischen Kategorien.
Die Analyse zeigt, dass im heutigen Arbeitsleben die soziale Hierarchie oft einen stärkeren Einfluss auf die Anredewahl hat als das biologische Alter, obwohl letzteres in informelleren Kontexten eine Rolle spielen kann.
In abgeschlossenen sozialen Systemen, wie etwa in Diskotheken oder bestimmten Vereinen, bilden sich oft eigene Normen (z.B. durchgehendes Duzen) heraus, die etablierte gesellschaftliche Höflichkeitsregeln außer Kraft setzen.
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