Magisterarbeit, 2005
103 Seiten, Note: 2,0
0 Einleitung
1 Literarische und kulturgeschichtliche Voraussetzungen
1.1 Entstehung, Überlieferung und Verbreitung der altfranzösischen ´Vie du pape saint Grégoire`
1.1.1 Stoffgeschichte und Motivstruktur
1.1.2 Die Handschriften, Überlieferungsgeschichte und Überlieferungskontext
1.1.3 Entstehungszeit und Entstehungsraum
1.2 Kultureller Austausch im Lebensumfeld Hartmanns von Aue
2 Hartmanns Bearbeitung der ´Gregorius`-Legende
2.1 Zur Überlieferung von Prolog und Erzählung in den ´Gregorius`-Handschriften
2.1.1 Die Textzeugen und das Handschriftenverhältnis
2.1.2 Der geistliche Überlieferungskontext in den Verbundhandschriften des 13. bis 15. Jahrhunderts
2.2 Schwerpunkte der Rezeption bei Hartmann
2.3 Textanalyse
2.3.1 Die Problematik menschlicher Schuld und Rechtfertigung als geistliche Themenstellung im Prolog
2.3.1.1 Dichtung als Buße? Zum Stellenwert des ´revocatio`-Topos
2.3.1.2 Die Prologstruktur
2.3.1.3 Die theologischen Leitbegriffe ´zwîvel` und ´vürgedanc`
2.3.1.4 Die Eröffnung der ´via poenitentiae`: zu den Begriffen ´buoze` und ´bîhte`
2.3.1.5 Zur ´bivium`-Motivik im Bild der ´sælden strâze`
2.3.1.6 Das biblische Bild von der Rechtfertigung des Sünders und seine künstlerische Kontrafaktur
2.3.2 Traditionelle Legendentopik im Epilog
2.3.3 Zum Aufbauschema der Erzählung
2.3.4 Brautwerbungsmotiv und Lehensrecht
2.4 Die Schuldproblematik und ihre Bewertung im Licht der Theologie zur Zeit Hartmanns
2.4.1 Der Geschwisterinzest
2.4.2 Das illegitime Kind
2.4.3 Das Verlassen des Klosters
2.4.4 Die Inzestehe
3 Zur weiteren Rezeption des ´Gregorius`-Stoffes nach Hartmann
4 Ergebnisse
Diese Arbeit untersucht, wie Hartmann von Aue den überlieferten Legendenstoff des Gregorius in seinem mittelhochdeutschen Werk strukturiert und mit höfischen sowie legendarischen Erzählmustern verbindet. Dabei liegt der Fokus insbesondere auf der theologischen Durchdringung der Schuldproblematik und der Art und Weise, wie Hartmann die Vorlage für seine spezifischen Gestaltungsabsichten adaptiert.
2.3.1.2 Die Prologstruktur
Siegfried GROSSE bezeichnet die Eingangsverse V. 1-176 und den Schluss V. 3959-4006 als „die Pfeiler, auf denen ein Bogen von großer Spannweite ruht, der die Legende trägt.“ Seine Prologgliederung umfasst fünf Hauptabschnitte: Selbstanklage des Dichters (V. 1-5), geistliche Themenstellung (V. 6-50), den Gegenstand der Erzählung (V. 51-96), Samariterallegorie (V. 97-170) und „titulus“ (V. 171-176). Der Erzähler wechselt zwischen der ersten und dritten Person Singular, so dass „die Mitteilungen des Persönlichen und des Offiziellen“ deutlich zu unterscheiden sind; an jenen Stellen, wo Hartmann von sich selbst spricht oder auf das Vorhaben seiner Erzählung zu sprechen kommt, steht die ´Ich`-Form, der abschließende traditionelle Titulus hingegen ist wieder in der dritten Person gehalten.
Der gedankliche Aufbau ist durch den pädagogisch motivierten Effekt des Kontrasts gekennzeichnet: die beiden Abschnitte V. 6-50 und V. 51-96 beginnen jeweils mit einer gegensätzlich aufeinander bezogenen Gedankengruppe, die daran anschließend durch ein Beispiel variiert und fortgeführt wird. Das in zwei wiederholt auftauchenden Leitbegriffen erfasste Rahmenthema des Prologs wird innerhalb dieses strukturellen Rahmens entfaltet und zur Geltung gebracht; V. 6-50 thematisiert den „vürgedanc“, V. 51-96 behandelt den „zwîvel“. Der erste Abschnitt des Prologs endet nach V. 96 mit dem Bild von den zwei Wegen; die folgende Allegorese des biblischen Gleichnisses vom barmherzigen Samariter (V. 97-143) bildet sogleich das „Kernstück des Prologs und der Handlung“, was sich anhand zahlreicher Sinnbezüge zeigen lässt.
0 Einleitung: Definiert die mittelalterliche Legende als literarische Gattung und beleuchtet deren Rezeptionskontext sowie das Geltungsdefizit, das durch die Ablösung aus kultischen Kontexten entsteht.
1 Literarische und kulturgeschichtliche Voraussetzungen: Erörtert die altfranzösische Vorlage, deren Motivstruktur und die soziokulturellen Bedingungen im Umfeld Hartmanns von Aue als Grundlage für seine Bearbeitung.
2 Hartmanns Bearbeitung der ´Gregorius`-Legende: Analysiert zentral die Überlieferung und die poetische Gestaltung durch Hartmann, wobei Schwerpunkte wie die Prologstruktur, die biblische Allegorese und die Schuldproblematik intensiv untersucht werden.
3 Zur weiteren Rezeption des ´Gregorius`-Stoffes nach Hartmann: Zeichnet die Nachwirkung des Stoffes in verschiedenen mittelalterlichen Fassungen und späteren Bearbeitungen (bis Thomas Mann) nach.
4 Ergebnisse: Fasst Hartmanns spezifische Leistung als Dichter zusammen, der den Stoff durch theologische und höfische Reflexion neu akzentuiert hat.
Hartmann von Aue, Gregorius, Mittelalterliche Legende, Schuldproblematik, Theologie, Buße, Höfische Dichtung, Prologstruktur, Samaritergleichnis, Rezeptionsgeschichte, Inzest, Sündenstufenlehre, Liturgie, Mediävistik, Stoffgeschichte.
Die Magisterarbeit befasst sich mit Hartmanns von Aue Legende "Gregorius" und untersucht, wie der Dichter diesen Stoff aus seiner altfranzösischen Vorlage ("Vie du pape saint Grégoire") in den Kontext der mittelhochdeutschen höfischen Literatur überträgt und theologisch vertieft.
Zentrale Themen sind die Stoff- und Überlieferungsgeschichte, die erzähltechnische Struktur des Werkes, die Rolle von Schuld und Rechtfertigung, sowie die Einbindung christlich-theologischer Diskurse der Frühscholastik in die höfische Dichtung.
Das Ziel ist es, die "hartmannische" Bearbeitung als eine gezielte Transformation zu begreifen, bei der höfische und legendarische Erzählmuster aufeinandertreffen, um die komplexe Figur des Gregorius moraltheologisch zu verorten.
Die Arbeit stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Textanalyse unter Berücksichtigung handschriftenkundlicher (kodikologischer) Aspekte sowie der zeitgenössischen theologischen und moralphilosophischen Literatur des 12. und 13. Jahrhunderts.
Der Hauptteil analysiert detailliert den Prolog und Epilog, die erzählerische Strukturierung mittels eines Raumprogramms, die biblische Allegorese des Samaritergleichnisses und die ethische Bewertung der Handlungen der Hauptfigur vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Theologie.
Die wichtigsten Schlagworte sind Hartmann von Aue, Gregorius, Schuldproblematik, Sündenstufenlehre, Bußtheologie, Allegorese, höfische Tugendlehre und literarische Rezeption.
Der Prolog fungiert als hermeneutischer Schlüssel, da er durch die thematische Einführung der Begriffe "zwîvel" und "vürgedanc" sowie die Allegorese des Barmherzigen Samariters den ethischen Rahmen absteckt, innerhalb dessen der moralische Weg des Gregorius zu beurteilen ist.
Hartmann stellt den Inzest als schwere, durch teuflische Versuchung induzierte Verfehlung dar, wobei er jedoch die Stufenfolge von der ersten Versuchung bis zur Tat psychologisch präzise nuanciert und die Sündenstufenlehre der Frühscholastik in seine Darstellung integriert.
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