Examensarbeit, 2005
129 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung: Zeitgenossenschaft und Authentizität
2. Literatur und Zeitgeschichte
2.1 Situation I - Von Biermann zu Kassandra
2.2 Situation II - Die Wende zwischen Kassandra und Medea. Stimmen
2.3 Schreibimpuls: Gegenwartserfahrung
2.4 Nachdenken über Mythen
3. Das Kassandra - Projekt
3.1 Eine Poetik-Vorlesung auf der Suche nach Poetik
3.2 Kassandra-Erzählung
3.2.1 Ein Monolog mit leiser Stimme
3.2.2 Die innere Geschichte der Kassandra
3.2.3 Die äußere Geschichte der Stadt Troia
4. Medea. Stimmen
4.1 Jetzt hören wir Stimmen
4.2 Im Spiegel der anderen
4.2.1 Medea - Die wilde Frau?
4.2.2 Von Glauke zu Agameda – Frauenschicksale
4.2.3 Jason, Leukon und Akamas – Zwischen Anpassung und Macht
5. Schreiben und Sprechen
5.1 Wer wird und wann die Sprache wiederfinden? Sprache in Kassandra
5.2 Jeder spricht für sich allein – Sprache der Medea. Stimmen
5.3 Weibliches Schreiben – Weibliches in der Sprache
6. Umdeutung von Mythen zur Utopie?
6.1 Utopie und Heterotopie in Kassandra
6.2 Keine Utopie, nirgends in Medea. Stimmen?
7. Was bleibt? - Ein Schlusswort
Die vorliegende Arbeit untersucht das literarische Schaffen Christa Wolfs unter dem Aspekt ihrer besonderen Zeitgenossenschaft. Im Zentrum steht die Frage, inwiefern die Autorin mythologische Stoffe in "Kassandra" und "Medea. Stimmen" nutzt, um komplexe historische und aktuelle gesellschaftliche Konflikte zu reflektieren und dabei ihre eigene Position als Schriftstellerin im politischen Kontext der DDR und des vereinigten Deutschlands zu definieren.
2.1 Situation I - Von Biermann zu Kassandra
Am 13. November 1976 tritt der Dichter und Sänger Wolf Biermann in einer Sporthalle in Köln auf. Sein Konzert wird vom WDR live übertragen. 3 Tage später beschließt das Politbüro, dem unbequemen Biermann, der 1953 in die DDR übergesiedelt war, die Rückkehr mit der Begründung zu verweigern, er „habe sich mit seinem feindseligen Auftreten [...] den Boden für die Gewährung der Staatsbürgerschaft der DDR entzogen“24. Biermann erfährt es, so schreibt er im Begleitheft zu einer seiner CD, aus dem Autoradio auf der Fahrt zum zweiten der sechs Konzertorte seiner Tournee.
„Die DDR hatte ihrer Spottdrossel die Staatsbürgerschaft aberkannt. Mein Ostberliner Käfig, den ich nach 11 Jahren Verbot für eine kleine Singerei verlassen hatte, wurde also hinter mir zugesperrt.“25
Damit hat nicht nur Biermann, sondern vor allem der Staat eine Grenze überschritten. Für Christa Wolf wiederholt sich dabei „ein Muster aus der Nazi-Zeit [...] gegen jemanden, dessen Vater in der Nazi-Zeit umgekommen war, der ein Linker war“, so beschreibt sie es im Jahr 2000 rückblickend in einem Interview.26 Christa Wolf gehört zu den 13 Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die sich am 17. November bei Stephan Hermlin zusammenfinden und einen Protest verfassen. Darin heißt es: „Wir identifizieren uns nicht mit jedem Wort und jeder Handlung Wolf Biermanns und distanzieren uns von dem Versuch, die Vorgänge um Biermann gegen die DDR zu mißbrauchen. Biermann selbst hat nie, auch nicht in Köln, Zweifel darüber gelassen, für welchen der beiden deutschen Staaten er bei aller Kritik eintritt. Wir protestieren gegen seine Ausbürgerung und bitten darum, die beschlossenen Maßnahmen zu überdenken.“27
1. Einleitung: Zeitgenossenschaft und Authentizität: Diese Einleitung thematisiert die untrennbare Verbindung von Autorin, Werk und politischer Haltung bei Christa Wolf im Kontext der deutschen Literaturgeschichte.
2. Literatur und Zeitgeschichte: Das Kapitel beleuchtet die politischen Umbrüche in der DDR, insbesondere die Biermann-Ausbürgerung, und deren prägende Wirkung auf das schriftstellerische Selbstverständnis.
3. Das Kassandra - Projekt: Hier wird der Entstehungsprozess der Erzählung analysiert, wobei der Fokus auf den Frankfurter Poetik-Vorlesungen und der Suche nach einer neuen Sprache liegt.
4. Medea. Stimmen: Dieses Kapitel untersucht die komplexe Struktur des Romans, die durch eine Vielstimmigkeit verschiedener Figuren geprägt ist, um den Mythos kritisch zu hinterfragen.
5. Schreiben und Sprechen: Hier werden die sprachlichen Probleme und die Suche nach Ausdrucksformen diskutiert, die sowohl in "Kassandra" als auch in "Medea. Stimmen" eine zentrale Rolle spielen.
6. Umdeutung von Mythen zur Utopie?: Das Kapitel hinterfragt die utopische Dimension der bearbeiteten Mythen und analysiert, ob diese Modelle für gegenwärtiges gesellschaftliches Handeln bieten.
7. Was bleibt? - Ein Schlusswort: Das Schlusswort resümiert die literarische Arbeit als einen Prozess, in dem die Autorin versucht, aus der Position der Ausgegrenzten Geschichte neu zu erzählen.
Christa Wolf, Kassandra, Medea. Stimmen, DDR-Literatur, Zeitgenossenschaft, Mythos, Weibliches Schreiben, Sprache, Utopie, Literaturstreit, Authentizität, politische Identität, Patriarchat, Erinnerung, Geschichtsauffassung.
Die Hausarbeit untersucht die literarische Auseinandersetzung von Christa Wolf mit antiken Mythen und zeigt auf, wie diese Werke als Kommentar zu ihrer aktuellen politisch-gesellschaftlichen Situation in der DDR und im wiedervereinigten Deutschland fungieren.
Die Arbeit fokussiert auf Zeitgenossenschaft, Geschichtsauffassung, die Problematik weiblichen Schreibens, die Rolle der Sprache und die Suche nach utopischen Potenzialen innerhalb mythologischer Stoffe.
Ziel ist es zu analysieren, wie Christa Wolf durch die mythologischen Figuren Kassandra und Medea ihre eigene Rolle als loyale Dissidentin reflektiert und welche Bedeutung das Schreiben als "Friedensforschung" und Bewältigung von Sprachlosigkeit hat.
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Entstehungskontext der Texte durch Biografisches, Briefe und Poetik-Vorlesungen ergänzt und intertextuelle Bezüge untersucht.
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der "Kassandra"-Erzählung und des Romans "Medea. Stimmen" unter Berücksichtigung ihrer Entstehungsgeschichte, ihrer sprachlichen Struktur und ihrer gesellschaftskritischen Aussage.
Die wesentlichen Begriffe sind: Christa Wolf, Zeitgenossenschaft, Mythos, Weibliches Schreiben, Sprache, Utopie und subjektive Authentizität.
Kassandra fungiert als Warnerin, die durch ihren inneren Monolog ihre Ich-Findung und die Kritik an einer kriegerischen, patriarchalen Gesellschaft artikuliert. Medea hingegen wird durch eine Mehrstimmigkeit verschiedener Perspektiven charakterisiert, wobei hier vor allem der Mechanismus der Ausgrenzung und die Rolle des Sündenbocks im Vordergrund stehen.
Der Begriff "Zeitloch" bezeichnet Momente in den Werken, in denen das unaufhaltsame Untergangsgeschehen kurzzeitig angehalten wird und eine gelebte Utopie möglich scheint, die Hoffnung für die Gegenwart gibt.
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