Masterarbeit, 2017
68 Seiten, Note: 2,1
1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit
2. Heinrich Bölls Idee des Humanen oder der Entwurf einer alternativen Gesellschaftsform
3. Gruppenbild mit Dame – eine Zäsur
4. Die Bedeutung der Liebe für Bölls Frauenfiguren
5. Der Ansatz einer Gegengesellschaft hinsichtlich der Frauenfiguren
6. Die Hoffnung stirbt zuletzt
7. Abschließende Überlegungen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht die zentrale Rolle der Frauenfiguren in den Romanen von Heinrich Böll ab "Gruppenbild mit Dame". Dabei wird analysiert, inwiefern diese Charaktere als Trägerinnen einer "Ästhetik des Humanen" fungieren, wie ihre Liebeserfahrungen mit dem Wunsch nach einer alternativen Gesellschaftsform verknüpft sind und ob Bölls Gesamtwerk letztlich vom Prinzip Hoffnung oder von Resignation geprägt ist.
Die Stunde der Tasse Kaffee
Nun gut – und was tut unsere Leni am ersten Tag, wo der Russe bei uns auftaucht? Sie schenkt dem Russen eine Tasse von ihrem Kaffee ein – 1:3 müssen sie wissen, während der Kremp seine flaue Pampe schlürfte -, schenkt dem Russen aus ihrer Kanne Kaffee in ihre Tasse ein und bringt sie ihm rüber an den Tisch, wo er in den ersten Tagen mit Kremp zusammen im Kranzkörperkommando arbeitete. Das war für die Leni eine Selbstverständlichkeit, jemand, der weder ne Tasse noch Kaffee hatte, eine Tasse Kaffee anzubieten – aber glauben Sie, die hat geahnt, wie politisch das war. Ich habe gesehen, daß sogar die Ilse Kremer blaß wurde – die wußte nämlich, wie politisch das war: einem Russen eine Tasse 1:3-Kaffee bringen, der mit seinem Duft alle anderen Plempegemische sowieso totschlug.
Was tut der Kremp? Der sitzt meistens da, hat seine Beinprothese bei der Arbeit abgeschnallt, weil sie ihm noch nicht richtig saß, er nimmt also die abgeschnallte Prothese von dem Haken an der Wand [...] und schlägt dem völlig verwirrten Russen die Tasse aus der Hand. [...] und was tut Leni, während na sagen wir ne Art atemlose und angstvolle Spannung herrscht? Was tut sie? Sie hebt die Tasse auf, die wegen der herumliegenden Torfmullreste weich gefallen und nicht kaputt gegangen war, sie hebt sie auf, geht zum Wasserhahn, spült sie sorgfältig – es war schon provozierend, wie sorgfältig sie das tat -, und ich glaube, von diesem Augenblick an tat sies absichtlich provozierend. Mein Gott, Sie wissen doch, daß man so ne Tasse rasch mal ausspülen kann, meinetwegen auch gründlich, aber sie spülte sie, als wärs ein heiliger Kelch – dann tat sie, was vollkommen überflüssig war -, trocknete die Tasse auch noch sorgfältig mit einem sauberen Taschentuch ab, ging zu ihrer Kaffeekanne, schüttete die zweite Tasse, die drin war – es waren so Zwei-Tassen-Kännchen, wissen Sie -, ein und bringt sie seelenruhig dem Russen, ohne den Kremp auch nur anzusehen. Nicht stumm tat sies. Nein, sagte auch noch: >Bitte sehr.< Jetzt kams auf den Russen an. Der wußte wohl, wie politisch die ganze Situation war [...]. Leni hat das Ihre getan - was tut er? Nun, er nimmt den Kaffee, sagt laut und deutlich, in einem makellosen Deutsch: >Danke, mein Fräulein und fängt an, ihn zu trinken. Schweißtropfen auf seiner Stirn, und sie müssen sich vorstellen, der hatte wahrscheinlich schon ein paar Jahre keinen Tropfen Bohnenkaffee oder Tee bekommen – es wirkte auf ihn wie ne Spritze auf nen ausgemergelten Körper. (GmD, S. 214ff.)
1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit: Einführung in die These, dass Bölls Frauenfiguren komplexe Persönlichkeiten und zentrale Trägerinnen seiner gesellschaftskritischen Utopie sind.
2. Heinrich Bölls Idee des Humanen oder der Entwurf einer alternativen Gesellschaftsform: Erläuterung des Konzepts der "Ästhetik des Humanen" und des Strebens nach einem bewohnbaren Land durch die Verteidigung des Alltäglichen.
3. Gruppenbild mit Dame – eine Zäsur: Analyse der narrativen Wende in Bölls Werk und der Bedeutung der Figur Leni Pfeiffer als erste weibliche Hauptfigur.
4. Die Bedeutung der Liebe für Bölls Frauenfiguren: Untersuchung der Liebe als Medium der humanen Existenz und als Gegenbild zu inhumanen Machtstrukturen.
5. Der Ansatz einer Gegengesellschaft hinsichtlich der Frauenfiguren: Darstellung, wie die Protagonistinnen durch ihre Haltung und Lebensweise einen symbolischen Entwurf einer menschlicheren Gesellschaft verkörpern.
6. Die Hoffnung stirbt zuletzt: Betrachtung der resignativen versus hoffnungsvollen Tendenzen in den Schlüssen der analysierten Romane.
7. Abschließende Überlegungen: Fazit zur Notwendigkeit der Frauenfiguren für Bölls politische Erzählintentionen und die Realisierbarkeit seiner utopischen Ansätze.
Heinrich Böll, Frauenfiguren, Ästhetik des Humanen, Gegengesellschaft, Liebesideal, Leistungsgesellschaft, Fortschreibung, Leni Pfeiffer, Katharina Blum, Erika Wubler, Gesellschaftskritik, Utopie, Humanität, Abfälligkeit, Widerstand
Die Arbeit analysiert die Rolle, Funktion und Charakterisierung weiblicher Figuren in ausgewählten Romanen von Heinrich Böll, insbesondere im Hinblick auf seine gesellschaftskritische Ästhetik.
Im Fokus stehen die Begriffe der "Ästhetik des Humanen", die Suche nach einer alternativen Gesellschaftsform ("Gegengesellschaft"), die Bedeutung der Liebe als moralischer Gegenentwurf sowie das Prinzip der Hoffnung versus Resignation.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, warum Frauenfiguren in Bölls späterem Werk unverzichtbar sind, um seine humanistischen Botschaften zu vermitteln, und wie sie als "positive Antiheldinnen" fungieren.
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die die ausgewählten Werke chronologisch untersucht und mittels Sekundärliteratur auf ihre inhaltliche und ästhetische Dimension hin befragt.
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den Romanen "Gruppenbild mit Dame", "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" und "Frauen vor Flußlandschaft", wobei die Figuren Leni Pfeiffer, Katharina Blum, Erika Wubler und Elisabeth Blaukrämer im Zentrum stehen.
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie "Ästhetik des Humanen", "Gegengesellschaft", "Leistungsverweigerung", "Liebesideal" und "gesellschaftlicher Abfall" beschreiben.
Der Roman markiert einen Neuanfang, da Leni Pfeiffer die erste weibliche Hauptfigur Bölls ist und der Roman eine neue, episodenhaft-dokumentarische Erzählweise einführt.
Der Rhein dient als Symbol für den Lauf der Geschichte und als Ort der Erinnerungsarbeit, an dem die Protagonistinnen ihre kritische Reflexion gegenüber der korrupten bundesdeutschen Gesellschaft vollziehen.
Die Autorin argumentiert gegen die gängige Lehrmeinung der Resignation im Alterswerk und sieht in der Entwicklung hin zu einem realistischeren, gesellschaftsverändernden Ansatz der jüngeren Generation einen durchaus hoffnungsvollen Ausklang.
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