Bachelorarbeit, 2018
33 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1. Hinwendung vom räumlichen zum sozioökonomisch Fremden
2.2. Zwischen Ent- und Verschleierung des Fremden
2.3. Das Fremde als Spiegelbild in der Kunst der Reportage
2.4. Überzeitlichkeit des Fremden
3. Fazit
Die Arbeit untersucht, wie Egon Erwin Kisch in seiner Reportagensammlung „Der rasende Reporter“ (1925) das Konzept des „Fremden“ konstruiert. Dabei wird analysiert, inwiefern Kisch das Fremde nicht geographisch, sondern sozioökonomisch definiert und welche ästhetischen sowie literarischen Mittel er einsetzt, um Distanz zum Beobachteten zu wahren und eine „poetische Unschärfe“ zu erzeugen.
Hinwendung vom räumlichen zum sozioökonomisch Fremden
In Egon Erwin Kischs Reportage Stahlwerk in Bochum, vom Hochofen aus gesehen beschreibt er die malochenden Arbeiter wie Angehörige eines fremden Naturvolks. Durchgängig wird ein Synkretismus der beiden Wortfelder Kultur und Natur deutlich. Während der Herd des Stahlwerks mit dem Vesuv verglichen wird, erhält der „neugeborene Stahl“, welcher da „speit und raucht in seinem Gefäß“ auch dadurch eine Personifikation, dass er die Welt „verschütten zu wollen“ scheint (S. 205). Besonders reich ist die Reportage an aquatischen Bildern, so strömt ein „lichterlohe[r] Bach von Roheisen“ (S. 206) aus einem Loch. Weitere Metaphern werden als Klimax nach wachsendem Umfang der Wassermenge aufgezählt:
ausrangiertes eisernes Hausgerät, das einst in der Küche oder in der Rumpelkammer wie eine Pfütze war, dann im Magazin des Hausierers zum Tümpel ward in Bächen zum Alteisenhändler floß, in Strömen in die Schrottzerkleinerungswerke hierher, wo es ein Meer ist, der Verdunstung harrend (S. 205).
Bei dem wie von Mutter Natur persönlich „neugeborene[n] Stahl“, der als „Masse“ beginnt „herauszuströmen nach allen Richtungen“ wird eine binäre Opposition zwischen dem Individuum und der Masse sichtbar, die, wie im Folgenden gezeigt werden soll, symptomatisch ist, für Kischs Perspektive auf die Arbeiterklasse und ihre Darstellung in seinen Reportagen.
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in Kischs Verständnis des „Exotischen“ ein, welches er auf die unmittelbare Umwelt bezieht, und formuliert die These, dass seine Distanz zum Beobachteten sozioökonomisch begründet ist.
2. Hauptteil: Der Hauptteil untersucht detailliert die verschiedenen Strategien Kischs, durch Metaphorik, Tiervergleiche und literarische Kunstgriffe das Fremde zu stilisieren und dabei Machtverhältnisse zwischen dem bürgerlichen Reporter und dem proletarischen Subjekt aufzubauen.
2.1. Hinwendung vom räumlichen zum sozioökonomisch Fremden: In diesem Kapitel wird anhand der Reportage „Stahlwerk in Bochum“ aufgezeigt, wie Kisch durch Naturbilder und die Beschreibung der Arbeiter als anonyme Masse eine Distanz aufbaut, die das Individuum entmenschlicht.
2.2. Zwischen Ent- und Verschleierung des Fremden: Hier wird analysiert, wie Kisch durch seinen „ethnographischen Duktus“ und das Ausblenden wörtlicher Rede bei Arbeitern die Wirklichkeit verschleiert, um seine ästhetische Perspektive zu wahren.
2.3. Das Fremde als Spiegelbild in der Kunst der Reportage: Dieses Kapitel betrachtet die Reportage als „Zauberspiegel“, der nicht die Realität, sondern die Konstruktion des Autors reflektiert, und thematisiert die ästhetische Distanz des Reporters.
2.4. Überzeitlichkeit des Fremden: Hier wird die binäre Opposition zwischen der historisch verorteten Position des Reporters und der mythologisierten, zeitlosen Darstellung des Fremden als schicksalhafter Kreislauf analysiert.
3. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Kisch zwar den Anspruch erhebt, die Gegenwart zu dokumentieren, in der Praxis jedoch das Fremde in mythische und exotische Bereiche verbannen muss, um die atmosphärische Qualität seiner Reportagen zu gewährleisten.
Egon Erwin Kisch, Der rasende Reporter, soziale Reportage, Exotismus, Fremde, Sozioökonomie, Neue Sachlichkeit, Literatur und Journalismus, Konstruktion von Wirklichkeit, poetische Unschärfe, Machtverhältnisse, Mythopoetik, Industriekapitalismus, Milieustudie, Diskursanalyse
Die Bachelorarbeit befasst sich mit der literarischen Darstellung des „Fremden“ in der Reportagensammlung „Der rasende Reporter“ von Egon Erwin Kisch aus dem Jahr 1925.
Zentrale Themen sind die soziale Distanzierung zwischen Beobachter und Beobachtetem, die Stilisierung von Milieus als „Natursysteme“ sowie die Grenze zwischen journalistischer Sachlichkeit und literarischer Fiktion.
Das Ziel ist es, die These zu untermauern, dass Kischs Gefühl der Fremde auf einer sozioökonomischen Distanz basiert und dass er das Fremde durch ästhetische Verfahren gezielt „verschleiert“ oder exotisiert.
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die verschiedene Reportagen Kischs untersucht und dabei Konzepte aus der Soziologie, dem Strukturalismus und der Medientheorie integriert.
Der Hauptteil analysiert, wie Kisch Arbeiter als „Exoten“ darstellt, warum er sich der Jenseits-Metaphorik bedient und wie er die „poetische Unschärfe“ als künstlerisches Gestaltungsmittel nutzt.
Wichtige Begriffe sind unter anderem: Exotismus, soziale Reportage, poetische Unschärfe, Machtverhältnisse, Mythopoetik und der „rasende Reporter“ als Konstrukteur von Wirklichkeit.
Die Arbeit stellt heraus, dass Kischs Anspruch auf Sachlichkeit paradox ist, da seine literarische Gestaltung und die mystifizierende Darstellung der sozialen Milieus oft im Widerspruch zu einer rein faktualen Abbildung stehen.
Die Wachsfiguren dienen als Beispiel für die Grenzüberschreitung zwischen fiktionaler und aktualer Welt, wodurch Kisch auf einer Metaebene die Unmöglichkeit einer objektiven Wirklichkeitsabbildung in der Reportage reflektiert.
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