Fachbuch, 2018
47 Seiten
1 Einleitung
2 Türkeistämmige Migrant_innen – eine Begriffsannäherung
3 Der politische Kontext des Verfassungsreferendums in der Türkei
4 Das Verfassungsreferendum im April 2017
4.1 Mögliche Gründe für den Erfolg Erdoğans und der AKP in der Türkei
4.2 Die Bedeutung der Auslandsstimmen für die Türkei
4.3 Das Abstimmungsergebnis in Deutschland
4.3.1 Befürwortung der Verfassungsänderung – Ablehnung der Demokratie?
4.3.2 Mögliche Gründe für den Erfolg Erdoğans und der AKP in Deutschland
5 Ethnizität und Identität
5.1 Ethnizität als Unterscheidungsmerkmal
5.2 Identität als Prozess
6 Gruppenzugehörigkeit durch kulturelle Identität
6.1 Identitätspolitik ersten Grades nach Stuart Hall
6.2 Nationale Identität – eine konstruierte Gemeinschaft
6.3 Nationale Identität und Hybridbildung in globalisierten Zeiten
7 Die kulturelle Identität türkeistämmiger Migrant_innen
8 Ausgrenzung und fehlende Anerkennung – Gründe für den Erfolg Erdoğans und der AKP in Deutschland
9 Fazit und Ausblick
Die vorliegende Arbeit untersucht die Beweggründe für das Abstimmungsverhalten türkeistämmiger Migrant_innen in Deutschland beim türkischen Verfassungsreferendum im April 2017. Ziel ist es, die mediale Ratlosigkeit zu überwinden und zu analysieren, inwiefern Diskriminierung, Ausgrenzung und eine daraus resultierende Identifikation mit dem Herkunftsland das Votum beeinflusst haben.
4.3.1 Befürwortung der Verfassungsänderung – Ablehnung der Demokratie?
„Der Vorwurf, sie würden eine Diktatur in der Türkei befürworten und hierzulande die demokratischen Freiheiten genießen, ist zwar substantiell verständlich, aber politisch, und insbesondere integrationspolitisch, kontraproduktiv“ (Ulusoy 2017: 6). Studien zum Wahlverhalten bei Wahlen in Deutschland zeigen, dass türkeistämmige Migrant_innen eher Arbeiterparteien wie die SPD wählen oder zu Parteien aus dem Mitte-Links Spektrum tendieren (vgl. Krumm 2016: 758). Dies könnte darauf hinweisen, dass die Stimmen für die AKP nicht oder nicht nur auf konservative Einstellungen zurückzuführen sind. Allerdings dürfen hierbei keine vorschnellen Schlüsse gezogen werden, da es türkeistämmigen Migrant_innen nur mit der deutschen Staatsangehörigkeit erlaubt ist, bei den Parlamentswahlen in Deutschland teilzunehmen.
Mit der Annahme der deutschen Staatsangehörigkeit geben sie normalerweise die türkische Staatsangehörigkeit ab und dürfen in der Türkei nicht weiter wählen und abstimmen. Nur ein geringer Teil besitzt die doppelte Staatsangehörigkeit und darf bei den Wahlen in Deutschland und in der Türkei teilnehmen. Daraus ergibt sich, dass ein Großteil derjenigen, die in Deutschland eher zur SPD oder Mitte-Links Parteien tendieren, nicht unbedingt der Teil ist, der in der Türkei die AKP wählt (vgl. ebd.: 770). „Die Entscheidung für einen deutschen Pass und die damit in der Regel verbundene Aufgabe der türkischen Staatsbürgerschaft kann somit auch als eine politische Richtungsentscheidung interpretiert werden, bei der sich konservative Migranten eher gegen eine Aufnahme der deutschen (beziehungsweise Abgabe der türkischen) Staatsbürgerschaft entscheiden und ‚progressive‘, ‚linke‘ Migranten diesen Wechsel eher vollziehen“ (Krumm 2016: 770).
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Debatte um das hohe Ja-Votum der in Deutschland lebenden türkeistämmigen Migrant_innen beim türkischen Referendum 2017 und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach den Ursachen, insbesondere unter dem Aspekt der Integration.
2 Türkeistämmige Migrant_innen – eine Begriffsannäherung: Dieses Kapitel definiert den für die Arbeit zentralen Begriff „türkeistämmige Migrant_innen“ unter Einbeziehung soziologischer und statistischer Perspektiven und distanziert sich von rein juristischen Kategorisierungen.
3 Der politische Kontext des Verfassungsreferendums in der Türkei: Hier wird der politische Rahmen erläutert, angefangen bei der AKP-Regierung bis hin zum gescheiterten Putschversuch 2016, der den Ausnahmezustand und das Streben nach einem Präsidialsystem ermöglichte.
4 Das Verfassungsreferendum im April 2017: Dieses Kapitel analysiert das Referendumsergebnis, die Bedeutung der Auslandsstimmen und beleuchtet spezifisch die Gründe für das Abstimmungsverhalten der in Deutschland lebenden Bevölkerung, inklusive der Frage nach einer möglichen Demokratieablehnung.
5 Ethnizität und Identität: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Identitätsforschung gelegt, wobei Ethnizität als prozesshaftes Konstrukt zur Unterscheidung von Gruppen und Identität als lebenslanger, durch soziale Interaktion geprägter Prozess beschrieben werden.
6 Gruppenzugehörigkeit durch kulturelle Identität: Dieses Kapitel führt Stuart Halls Theorie der Identitätspolitik ersten Grades sowie die Konstruktion nationaler Identitäten ein und diskutiert, wie sich Individuen in Zeiten der Globalisierung mittels hybrider Identitäten positionieren.
7 Die kulturelle Identität türkeistämmiger Migrant_innen: Unter Anwendung der zuvor vorgestellten Theorien wird analysiert, wie Ausgrenzung und fehlende Anerkennung dazu führen, dass türkeistämmige Migrant_innen eine kollektive Gemeinschaftsidentität bilden.
8 Ausgrenzung und fehlende Anerkennung – Gründe für den Erfolg Erdoğans und der AKP in Deutschland: Hier wird dargelegt, wie Erdoğans Rhetorik und die Konstruktion einer türkischen Nationalidentität gezielt an die Bedürfnisse der in Deutschland lebenden Migrant_innen nach Anerkennung und Zugehörigkeit anknüpfen.
9 Fazit und Ausblick: Die Arbeit fasst zusammen, dass das Abstimmungsverhalten nicht zwangsläufig als Demokratieablehnung zu werten ist, sondern wesentlich durch Erfahrung von Diskriminierung und die Suche nach kollektiver Anerkennung motiviert wurde, und schlägt Ansätze für weiterführende empirische Forschung vor.
Türkeistämmige Migrant_innen, Verfassungsreferendum 2017, AKP, Erdoğan, Integration, Identitätspolitik, Nationale Identität, Kulturelle Identität, Ausgrenzung, Diskriminierung, Anerkennung, Migration, Wahlverhalten, Hybridbildung, Politische Partizipation
Die Arbeit untersucht die Gründe für das mehrheitliche Ja-Votum der türkeistämmigen Migrant_innen in Deutschland beim türkischen Verfassungsreferendum 2017 und hinterfragt die medialen Vermutungen einer generellen Demokratiefeindlichkeit.
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse der Identitätsbildung, der Bedeutung von Ausgrenzungserfahrungen in der deutschen Aufnahmegesellschaft sowie der Rolle von Erdoğans politischer Kommunikation für die türkische Diaspora.
Die Arbeit geht der Frage nach, inwiefern Diskriminierung, Ausgrenzung und eine fehlende Anerkennung türkeistämmiger Migrant_innen in Deutschland das Abstimmungsverhalten beim Referendum in der Türkei beeinflusst haben können.
Die Analyse stützt sich maßgeblich auf die soziologischen Identitätstheorien von Stuart Hall, insbesondere die Begriffe „Identitätspolitik ersten Grades“, „nationale Identität als konstruierte Gemeinschaft“ sowie die „hybride Identität“.
Neben dem politischen Kontext des Referendums in der Türkei analysiert der Hauptteil das Wahlverhalten der Diaspora, die Rolle von Identitätskonzepten und wie die AKP diese für ihre politischen Ziele instrumentalisieren konnte.
Zentrale Begriffe sind Identitätskonstruktion, kulturelle Anerkennung, Diskriminierungserfahrungen, die Rolle des türkischen Nationalismus und der Integrationsdiskurs.
Der Autor führt an, dass öffentliche Diskurse wie die Sarrazindebatte ab 2010 das Zugehörigkeitsgefühl vieler türkeistämmiger Migrant_innen zu Deutschland negativ beeinflusst und die Rückbesinnung auf das Herkunftsland gestärkt haben.
Nein. Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass das Votum nicht zwingend als Ablehnung der Demokratie zu interpretieren ist, sondern vielmehr als Ausdruck eines veränderten Demokratieverständnisses und einer Trotzreaktion auf die wahrgenommene Diskriminierung in Deutschland fungiert.
Das Referendum löste große Aufmerksamkeit aus, weil die mediale Berichterstattung und die polarisierende Art Erdoğans Deutschland als Feindbild konstruierten, was sowohl auf Ablehnung als auch auf eine identitätsstiftende Trotzreaktion innerhalb der türkeistämmigen Gemeinschaft stieß.
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