Wissenschaftliche Studie, 2005
30 Seiten, Note: keine Benotung
0 Zielsetzung
1 Haus des Krieges und Feind der Christianitas - die „klassischen“ komplementären Bilder des anderen
1.1 Die klassisch-islamischen Vorstellungen und Regeln für den Umgang mit Nichtmuslimen und ihre Übernahme durch Seldschuken und Osmanen
1.2 Die Konstruktion der „Christenheit“ in Abgrenzung zum Islam von Karl Martell bis zur Türkenfurcht
1.3 Pragmatismus in den tatsächlichen politischen und ökonomischen Beziehungen
2. Die gegenseitige Wahrnehmung am Höhepunkt osmanischer Macht
2.1 Osmanische Überlegenheitsgefühle
2.2 Türkenfurcht und -bewunderung in Europa
3. Der relative Abstieg des Osmanischen Reiches gegenüber dem „modernen“ Europa
3.1. Osmanische Wahrnehmung und Rezeption der Moderne im 18. und 19. Jh.
3.2. Vom Urteil zum Vorurteil – der westeuropäische Blick auf das Osmanische Reich im 18. und 19. Jh.
4. Die „moderne“ Türkei und Europa
4.1 Vom Zentrum des Hauses des Islams an die Peripherie des „Hauses Europa“
4.2 Neue Komplementarität - Gegner des EU-Beitritts in Europa und der Türkei
5. Conclusio
Ziel der Arbeit ist es, die wechselseitigen Bilder und Vorstellungen zu untersuchen, die Westeuropa und die Türkei über Jahrhunderte hinweg voneinander sowie in Abgrenzung dazu von sich selbst entworfen haben, um das tatsächliche politische und gesellschaftliche Interagieren vor diesem Hintergrund zu analysieren.
1.1 Die klassisch-islamischen Vorstellungen und Regeln für den Umgang mit Nichtmuslimen und ihre Übernahme durch Seldschuken und Osmanen
Als die türkischen Stammesverbände unter der Führung der Dynastie der Seldschuken im 11. Jh. von Zentralasien aus nach Persien, in den Irak und Syrien und nach dem Sieg über die Byzantiner 1071 bei Mantzikert nördlich des Vansees nach Kleinasien vordrangen und verschiedene Staaten gründeten, waren sie bereits großteils Muslime; sie übernahmen die mittlerweile mehr als 400 Jahre alte islamische Kultur – in arabischer und persischer Sprache – und die Vorstellungen und Rechtsvorschriften des Islam.
Dazu gehörten auch die Quellen des islamischen „Völkerrechts“: die Rechtsvorschriften aus dem Koran und der Sharia, das Beispiel des Propheten (die „Sunna“, überliefert im Hadith), die Rechtskommentare der vier klassischen Rechtsschulen (wobei die Osmanen der hierin flexibleren hanafitischen Schule folgten) und überlieferte Abkommen mit nichtmuslimischen Gemeinschaften.
Im Koran 3, 110 heißt es an die Muslime gerichtet: „Ihr seid die beste Gemeinschaft, die je unter den Menschen hervorgebracht worden ist“ und in Sure 2, 193: „Kämpf gegen sie, bis es keine Verführung mehr gibt und bis die Religion nur noch Gott gehört.“ (Übers. A. Th. Khoury). Somit war die Überlegenheit und der Weltherrschaftsanspruch der Umma, der Gemeinschaft der Muslime, begründet.
Als aber die arabische Expansion an ihre Grenzen stieß und auch die politische und religiöse Einheit der Umma zerfiel, bildete sich in der klassischen Zeit des Kalifats das Schema der Einteilung der Staatengemeinschaft in das „Haus des Friedens“ oder „Haus des Islams“, in der der Islam frei praktiziert und die Scharia Geltung haben konnte, und in das „Haus des Krieges“, in der diese Voraussetzungen nicht gegeben waren, heraus; zwischen diesen Entitäten herrschte theoretisch permanenter Kriegszustand, der bis zur Herrschaft des Islam über die gesamte Erde anhalten musste.
0 Zielsetzung: Einleitung in die Themenstellung, die sich auf die historische Genese der wechselseitigen Bilder von Türkei und Europa konzentriert.
1 Haus des Krieges und Feind der Christianitas - die „klassischen“ komplementären Bilder des anderen: Analyse der religiösen und rechtlichen Grundlagen, die den Umgang zwischen der islamischen Welt und dem christlichen Abendland im Mittelalter prägten.
1.1 Die klassisch-islamischen Vorstellungen und Regeln für den Umgang mit Nichtmuslimen und ihre Übernahme durch Seldschuken und Osmanen: Darstellung der islamischen Weltordnung und ihrer Übernahme durch die neu vordringenden türkischen Dynastien.
1.2 Die Konstruktion der „Christenheit“ in Abgrenzung zum Islam von Karl Martell bis zur Türkenfurcht: Untersuchung der europäischen Identitätsbildung durch den Antagonismus zum Islam.
1.3 Pragmatismus in den tatsächlichen politischen und ökonomischen Beziehungen: Aufzeigen, wie politische Notwendigkeiten und ökonomische Interessen über ideologische Feindbilder obsiegten.
2. Die gegenseitige Wahrnehmung am Höhepunkt osmanischer Macht: Analyse der osmanischen Selbstwahrnehmung als Imperium und der gleichzeitigen europäischen Furcht und Bewunderung.
2.1 Osmanische Überlegenheitsgefühle: Erörterung der imperialen Ansprüche und der Selbsteinschätzung des Osmanischen Reiches als „erhabener Staat“.
2.2 Türkenfurcht und -bewunderung in Europa: Beschreibung der europäischen Ambivalenz gegenüber der osmanischen Macht und deren Einfluss auf die europäische Öffentlichkeit.
3. Der relative Abstieg des Osmanischen Reiches gegenüber dem „modernen“ Europa: Untersuchung der wirtschaftlichen und machtpolitischen Verschiebungen seit dem 17. Jahrhundert.
3.1. Osmanische Wahrnehmung und Rezeption der Moderne im 18. und 19. Jh.: Analyse, wie das Osmanische Reich den technologischen Rückstand wahrnahm und mit Reformen reagierte.
3.2. Vom Urteil zum Vorurteil – der westeuropäische Blick auf das Osmanische Reich im 18. und 19. Jh.: Darstellung des Wandels des osmanischen Fremdbildes im Westen hin zur „orientalischen Despotie“.
4. Die „moderne“ Türkei und Europa: Analyse der Transformation vom Osmanischen Reich zur Türkischen Republik und deren Annäherung an den Westen.
4.1 Vom Zentrum des Hauses des Islams an die Peripherie des „Hauses Europa“: Darstellung des kemalistischen Bruchs mit der osmanischen Vergangenheit und der Hinwendung zur Moderne.
4.2 Neue Komplementarität - Gegner des EU-Beitritts in Europa und der Türkei: Erörterung der aktuellen Debatten um den EU-Beitritt und das Wiederaufleben alter kultureller Identitätsdiskurse.
5. Conclusio: Zusammenfassende Bewertung der historischen Konstanten und der bleibenden Relevanz alter Vorstellungsbilder für aktuelle politische Diskurse.
Türkei, Europa, Osmanisches Reich, Islam, Christentum, Wahrnehmung, Identität, Haus des Islams, Haus des Krieges, Christianitas, Geschichte, EU-Beitritt, Kemalismus, Orientalismus, Moderne
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung und die gegenseitige Wahrnehmung zwischen der Türkei (bzw. dem Osmanischen Reich) und Westeuropa vom Mittelalter bis zur Gegenwart.
Die zentralen Felder sind die Konstruktion von Identitäten durch Abgrenzung, das Spannungsfeld zwischen religiösen Ideologien und machtpolitischem Pragmatismus sowie die Modernisierungsprozesse der Türkei.
Das Ziel ist es, die Wirksamkeit historischer Vorstellungsbilder auf den heutigen politischen Diskurs um die Zugehörigkeit der Türkei zu Europa aufzuzeigen, statt Argumente für oder gegen einen EU-Beitritt zu sammeln.
Die Arbeit verwendet eine historisch-analytische Methode, um die diskursiven Konstruktionen des „Anderen“ über Jahrhunderte hinweg nachzuzeichnen und in Beziehung zum politischen Handeln zu setzen.
Der Hauptteil gliedert sich in chronologische Phasen: Von den mittelalterlichen Feindbildern, über die osmanische Machtblüte und den relativen Abstieg, bis hin zur modernen Türkei und den heutigen identitätspolitischen Debatten.
Die wichtigsten Begriffe sind Wahrnehmung, Identität, Osmanisches Reich, Islam, Christianitas, Moderne und die Dichotomie zwischen „Haus des Islams“ und „Haus des Krieges“.
Das „Haus des Krieges“ war ein theoretisches Konzept des islamischen Völkerrechts, das den dauerhaften Anspruch auf Ausdehnung des islamischen Herrschaftsbereichs beschrieb, was in der Praxis jedoch oft durch pragmatische Bündnispolitik überlagert wurde.
Der „Sèvres-Komplex“ beschreibt die tief sitzende Angst vor einer erneuten Aufteilung der Türkei durch westliche Mächte, die oft als Hintergrund für antiwestliche Stimmungen und nationalistische Diskurse innerhalb der Türkei herangezogen wird.
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