Magisterarbeit, 1993
106 Seiten, Note: gut
Vorwort
Einleitung
I. Exkurs: 'Das lineare Leid' oder Frauen in Familie und Gesellschaft von der industriellen Revolution bis zur Moderne
1. Die soziale Situation der Frau im 19. Jahrhundert - eine Skizze
2. Grundzüge der bürgerlichen Familie
2.1. Emotionalisierung und Intimität
2.2. Geschlechtertrennung und Entsexualisierung
3. Die soziale Situation der Frau im 20. Jahrhundert - eine Skizze
4. Merkmale der Entwicklung von Familie und Ehe im Verlauf des 20. Jahrhunderts
II. Auf dem Weg zur Weiblichkeit oder 'Ich bin ein Geschöpf, dazu geschaffen, Freude zu spenden' - Theorie und Praxis geschlechtsspezifischer Sozialisation
1. Belohnung, Imitation und Identifikation - Der Erwerb geschlechtsspezifischer Verhaltensweisen aus lerntheoretischer Sicht
2. Das kognitive Realitätsurteil - Aufbau der Geschlechtsidentität aus kognitionspsychologischer Sicht
3. Verschiedene Welten - Das Aneignungskonzept geschlechtsspezifischer Sozialisation unter Einbeziehung gesellschaftlicher Realität
4. Ein folgenreiches Puppenspiel - Von den ersten Lebenswochen bis zum Vorschulalter
4.1. Die ersten zwei bis drei Lebenswochen
4.2. Das Säuglingsalter
4.3. Das Kleinkindalter
4.4. Kindergarten- und Vorschulkinder ab drei Jahre
III. 'Ein Sturm von Leidenschaften' - Psychoanalytische Theorien des Geschlechtserwerbs
1. Von der psychischen Bisexualität des Säuglings zu Mann und Frau - S. Freuds Auffassung zur Geschlechterdifferenz
1.1. Steine des Anstoßes
1.1.1. Unbewußte Seelentätigkeit
1.1.2. Kindliche Sexualität
1.1.3. Der übermächtige Vater
1.1.4. 'Anatomie ist Schicksal'
1.2. Phasen psychosexueller Entwicklung
1.3. Erwerb von Geschlechtsidentität
1.3.1. Bisexualität des Säuglings
1.3.2. Präödipale Sexualität
1.3.3. Ödipaler Konflikt
1.3.3.1. Verlauf beim Jungen
1.3.3.2. Verlauf beim Mädchen
2. Von der Symbiose zur Individuation - M. Mahlers Konzept der Subphasen frühkindlicher Entwicklung
2.1. Autistische und symbiotische Phase
2.2. Erste Subphase: Differenzierung und Entwicklung des Körperschemas
2.3. Zweite Subphase: Das Üben
2.4. Dritte Subphase: Wiederannäherung
2.5. Vierte Subphase: Konsolidierung der Individualität und Anfänge emotionaler Objektkonstanz
IV. Grenzenlose Liebe oder 'J'adore ce qui me brûle'? Verschiedene Aspekte weiblichen Leidens und Abhängigkeit in der Liebesbeziehung
1. Vom menschlichen Leiden zur weiblichen Leidensbereitschaft - Eine kleine Etymologie
2. Das bürgerliche Erbe - Die moderne Frau und ihr Schuldkomplex
3. Förderung abhängiger Verhaltensweisen in der Kindheit und ihre Auswirkungen
3.1. Grenzlinien
3.2. Weibliche Abhängigkeit - Versuch einer Definition
3.3. Ein Kindermärchen
3.4. Formationen von Abhängigkeit
3.4.1. Körperlichkeit und Sexualität
3.4.2. Sprache und nonverbale Kommunikation
3.5. Das 'Projekt Liebesbeziehung'
4. Psychoanalytische Aspekte von Abhängigkeit und Leiden
4.1. Partnerwahl
4.2. Die narzißtische Wunde
4.3. Hypermaskulinität und Unterwerfung
4.4. Verschmelzungssehnsucht und Angst vor Nähe - Die weiblich - männliche Doublette
4.5. Das Eine ohne das Andere?
V. Die Un-Dinge der Liebe oder 'Illusionen von Autonomie'
1. Und noch mehr Aufklärung! Oder die Mär von der Überwindung der weiblichen Geschlechtsrolle
2. Von Hexen, Sirenen und Xanthippen - Die falsch verstandene 'Neue Weiblichkeit'
3. 'Ein fragiles Sein zur Welt' - Gebrochene Identität und die Öffnung zum anderen
3.1. Die List des Odysseus
3.2. Der Blick des Anderen
VI. Zwischenlösungen oder 'Niemals sind wir ungeschützter gegen das Leiden, als wenn wir lieben'
1. Zwischen Sehnsucht und Verweigerung
2. Zwischen ursprünglicher Erfahrungskraft und herrschendem Prinzip
3. Die Sage von Narziß und Echo
Die Arbeit untersucht die tief verwurzelten Ursachen und Bedingungen weiblicher Leidensbereitschaft und Abhängigkeit in Liebesbeziehungen. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern gesellschaftliche Sozialisationsprozesse, bürgerliche Rollenbilder und psychoanalytische Dynamiken dazu beitragen, dass Frauen trotz zunehmender beruflicher Emanzipation in emotional abhängigen Verhaltensmustern verharren.
Die soziale Situation der Frau im 19. Jahrhundert - eine Skizze
Neben der Tätigkeit in der Landwirtschaft, die trotz Industrialisierung noch das gesamte 19. Jahrhundert hindurch Bedeutung hatte, arbeiteten Frauen oft in Heimarbeit. Dies hatte den Vorteil, daß der Familienzusammenhang bewahrt blieb. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken waren als katastrophal zu beschreiben. So betrug beispielsweise die Arbeitszeit nicht selten siebzehn Stunden pro Tag. Die Werkstätten waren unhygienisch und die Arbeiterinnen kamen fast nie in den Genuß eines Sonnenstrahls, denn sie begannen und beendeten ihre Arbeit in der Nacht. (3) Erst im Jahre 1874 wurde gesetzlich eingegriffen. Die neue Gesetzgebung verbot Nachtarbeit für Minderjährige und ihre Arbeitszeit sollte sich auf zwölf Stunden pro Tag beschränken. Den erwachsenen Frauen wurde lediglich die Arbeit unter Tage und in den Steinbrüchen untersagt.
Die Entlohnung entsprach der Hälfte des Gehalts männlicher Arbeitnehmer. Da die Frau oft 'nur' dazuverdiente und nicht für die Bedürfnisse der gesamten Familie aufkommen mußte, wurde sie dazu verleitet, diesen Umstand als normal zu empfinden: "Wird die Frauenarbeit als Zusatzverdienst verstanden legitimiert sich bei beiden, beim Unternehmer wie bei den Frauen selbst und auch bei den Männern, eine mindere Bezahlung." (4)
Eine weitere große Gruppe der erwerbstätigen Frauen stellten Dienst- mädchen. Sie wurden im Zuge der Industrialisierung vermehrt in städtischen Haushalten beschäftigt. Schenk mißt dem Beruf des Dienstmädchens eine wesentliche Vermittlerrolle bei der Verbreitung bürgerlicher Normen bei, die sie in Fleiß, Sparsamkeit und Häuslichkeit sieht. (5) Nicht zuletzt weise der Beruf des Dienstmädchens bereits relativ moderne Attribute auf: Nicht die Herkunftsfamilie sorgt für die Berufstätigkeit des Mädchens, sondern sie selbst, indem sie allein vom Land in die Stadt zieht. Auf diese Weise löst sie sich auch von ihrem Milieu und kann so unabhängig von der Familie eine Partnerwahl treffen. Ein Nachteil des Dienstbotenberufes ebenso der Fabrikarbeit war jedoch, daß beide Tätigkeiten nur in der 'Übergangszeit' bis zu Eingehen einer Ehe ausgeführt werden konnten.
I. Exkurs: 'Das lineare Leid' oder Frauen in Familie und Gesellschaft von der industriellen Revolution bis zur Moderne: Beleuchtung der historischen Entwicklung des bürgerlichen Familienideals und dessen langfristigen Einfluss auf das moderne Geschlechterverhältnis.
II. Auf dem Weg zur Weiblichkeit oder 'Ich bin ein Geschöpf, dazu geschaffen, Freude zu spenden' - Theorie und Praxis geschlechtsspezifischer Sozialisation: Darstellung verschiedener Entwicklungstheorien, die erklären, wie geschlechtsspezifisches Verhalten bereits im frühen Kindesalter erlernt und gefestigt wird.
III. 'Ein Sturm von Leidenschaften' - Psychoanalytische Theorien des Geschlechtserwerbs: Analyse der psychoanalytischen Sichtweisen, insbesondere Freuds und Mahlers, auf die psychosexuelle Entwicklung und die Entstehung von Geschlechtsidentität.
IV. Grenzenlose Liebe oder 'J'adore ce qui me brûle'? Verschiedene Aspekte weiblichen Leidens und Abhängigkeit in der Liebesbeziehung: Untersuchung der Ursachen und Folgen weiblicher Leidensbereitschaft und der Mechanismen unbewusster Partnerwahl.
V. Die Un-Dinge der Liebe oder 'Illusionen von Autonomie': Kritische Diskussion feministischer Konzepte zur Identitätsstärkung und Autonomie, insbesondere im Hinblick auf ihre Eignung in der Praxis von Liebesbeziehungen.
VI. Zwischenlösungen oder 'Niemals sind wir ungeschützter gegen das Leiden, als wenn wir lieben': Zusammenführung der Ergebnisse und Plädoyer für ein tieferes, ambivalenteres Verständnis von Liebe und Individualität jenseits einseitiger Autonomie-Forderungen.
Weibliche Leidensbereitschaft, Abhängigkeit, geschlechtsspezifische Sozialisation, Liebesbeziehung, Psychoanalyse, Geschlechtsidentität, Patriarchat, Autonomie, Individuation, bürgerliches Familienideal, Frauenspezifische Rollenmuster, Identitätsbildung, Emotionalität, Machtverhältnisse.
Die Arbeit untersucht die historisch und sozial bedingten Wurzeln von weiblicher Leidensbereitschaft und emotionaler Abhängigkeit innerhalb von Liebesbeziehungen im Kontext moderner Geschlechterverhältnisse.
Die Schwerpunkte liegen auf der bürgerlichen Historie der Familie, verschiedenen Sozialisationstheorien (lerntheoretisch, kognitiv, psychoanalytisch) und der Frage, wie diese Strukturen weibliches Verhalten in der Liebe prägen.
Das Ziel ist es, die komplexen Ursachen für das Festhalten von Frauen an leidvollen Beziehungen aufzudecken und ein tieferes Verständnis für das Spannungsfeld zwischen Autonomie und Hingabe zu entwickeln.
Die Arbeit basiert auf einer interdisziplinären Literaturanalyse, die pädagogische Diskursfelder mit Erkenntnissen aus Soziologie, Psychologie und insbesondere der Psychoanalyse verbindet.
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse, eine tiefgehende Auseinandersetzung mit Sozialisationstheorien und eine psychoanalytische Untersuchung von Abhängigkeitsmustern und der Partnerwahl.
Zentrale Begriffe sind Weibliche Abhängigkeit, Leidensbereitschaft, Geschlechtsspezifische Sozialisation, Psychoanalytische Theorie, Identitätsbildung und das Spannungsverhältnis zwischen Autonomie und Hingabe.
Die Psychoanalyse dient als entscheidendes Erklärungsmodell, um unbewusste Motive wie Triebdynamiken, die Mutter-Kind-Bindung und narzisstische Kränkungen für die Entstehung von Abhängigkeitsmustern transparent zu machen.
Die Autorin setzt sich kritisch mit radikalen feministischen Forderungen nach strikter Autonomie auseinander, da sie diese teilweise als "Suggestiv-Falle" betrachtet, die die existenzielle Bedeutung von Hingabe und Ambivalenz in der Liebe verleugnet.
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