Masterarbeit, 2005
104 Seiten, Note: 2.0
I Einleitung
II Theorie der Wahrnehmung
1. „Der gedehnte Blick“
1.1 Die ‚Ästhetik der Nachhaltigkeit’
1.2 Kinder und der gedehnte Blick
2. „Das Exil der Blicke“: Individualisierung durch Wahrnehmung
3. „Abstand gibt es nicht im Sonderangebot“: Abweichung (→ Individualisierung) durch ästhetische Opposition
III Werkanalyse
1. Fremde Kämpfe (1984)
1.1 Ausgangssituation
1.2 Erzählsituation
1.3 Wahrnehmung
1.4 Raum: Der getriebene Fußgänger in der Stadt
1.5 Pescheks Ausstieg aus der Gesellschaft
1.5.1 Abkehr durch kindliches Verhalten bei Peschek
1.5.2 Abkehr durch Kriminalität (vs. Verankerung in der Welt durch Arbeit)
1.5.3 Wohnungseinbruch
1.5.4 Peschek und die Anderen
1.5.4.1 Pescheks Beziehung zu Dagmar
1.5.4.2 Die Anderen
1.6 Alternativen der Abweichung
1.6.1 Ideal: Leben als Künstler
1.6.2 Leben als Künstler: gescheitert (Kunstmaler Hirrlinger)
1.7 Symbole für Individualisierung bzw. Kollektivismus
1.7.1 Der Traum vom Zugverpassen
1.7.2 Mäuse
1.7.3 Vögel
1.7.4 Wohnsituation
2. Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz (1989)
2.1 Ausgangssituation
2.2 Erzählsituation
2.3 Wahrnehmung
2.3.1 Beobachten vs. Schauen
2.3.2 Beobachtungsexperimente
2.4 Raum: Der schweifende Fußgänger
2.5 Individuum und Gesellschaft
2.5.1 Private Opposition: Flucht/Reise als vorübergehender Ausbruch aus der Gesellschaft
2.5.2 Gesa und W.
2.5.3 Epiphanie: Verrücktheit oder Selbstbegnadigung; der Künstler in der Gesellschaft
2.5.4 Symbole für Individualisierung bzw. Kollektivismus
2.5.4.1 Züge
2.5.4.2 Vögel
2.5.4.3 Schuhe
2.5.4.4 Kleidung
2.5.4.5 Wohnsituation
3. Ein Regenschirm für diesen Tag (2001)
3.1 Ausgangssituation
3.2 Erzählsituation
3.3. Wahrnehmung
3.3.1 Beobachten
3.3.2 Urlaub vom Sehen
3.4 Raum: Der urbane Fußgänger
3.5 Individuum und Gesellschaft
3.5.1 Grundeinstellung des Protagonisten
3.5.2 Die innere Genehmigung
3.5.3 Arbeit
3.5.4 Die Gesamtmerkwürdigkeit des Lebens
3.5.5 Wahn als Ausflucht
3.5.6 Die Beziehungen des Protagonisten
3.5.6.1 Die Frauen: Lisa und Susanne
3.5.6.2 Die Anderen
3.5.6.3 Himmelsbach, der Fotograf (Fast-Scheitern vs. Scheitern)
3.5.7 Individualität vs. Erlebnisproletariat
3.5.8 Epiphanie: Der Junge auf dem Balkon
3.5.9 Symbol: Schuhe
IV Schlussbetrachtungen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Werk von Wilhelm Genazino im Hinblick darauf, wie die Protagonisten durch spezifische Wahrnehmungsweisen versuchen, eine Distanz zur Gesellschaft aufzubauen, um eine eigenständige Individualität zu erlangen oder zu bewahren. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwiefern eine erfolgreiche Selbstfindung durch ästhetische Opposition und durch die Gestaltung eines „bedeutungsvollen Sehens“ in den Romanen Fremde Kämpfe, Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz sowie Ein Regenschirm für diesen Tag gelingt.
1.2 Kinder und der gedehnte Blick
Eine besondere Bedeutung im Zusammenhang mit dem gedehnten Blick misst Genazino der Wahrnehmung von Kindern bei. Er beschreibt, wie Kinder sich ganz dem Sehen hingeben und diesem ihre ganze Aufmerksamkeit schenken; „Das Kind ist in solchen starken Seh-Momenten nicht ganz bei sich oder nicht ganz es selbst; es hat einen Teil seiner Souveränität an sein Sehen abgegeben. Wir beobachten an Kindern zum ersten Mal das, was wir den gedehnten Blick nennen können.“ (GB 48)
Wichtig bei diesem Prozess ist vor allem der Versuch der Kinder, sich durch das Schauen die Welt begreiflich zu machen. Dieser Vorgang ist es, den auch die erwachsenen Protagonisten bei Genazino weiterhin verfolgen, da sie wie die Kinder das Gefühl haben, von vielen Dingen nur den Anfang zu verstehen. „Wir haben (...) nichts anderes hervorgebracht als eine raffinierte Perfektionierung unseres kindlichen Sehens, das (...) immer schon damit zu kämpfen hatte, dass es über die kruden Anfänge eines Verstehens selten hinausgekommen war.“ (GB 55) Das Gefühl von Fremdheit, mit dem der Mensch also leben muss, gilt es anzuerkennen. („Das Kind (...) bemerkt rasch, dass auch eine starke Dehnung der Blicke nicht ausreicht, um der Objektwelt ihre Fremdheit zu nehmen.“ GB 49) Es scheint darauf anzukommen, auf welch unterschiedliche Weise die verschiedenen Protagonisten mit dieser Erkenntnis leben. Ideal wäre es nach Genazino, sich mit dem mangelnden Verstehen abzufinden; „Die Perplexion ist das allmähliche Vertrautwerden mit der uns melancholisch stimmenden Zumutung, dass wir immer nur Splitter und Bruchstücke verstehen.“ (GB 51) Man sollte nicht versuchen, das Verstehen zu erzwingen, sondern danach streben, die Fremdheit hinzunehmen und das Verstehen auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben; „Die Kinder sind jetzt (...) sprachlose Sehende geworden, die soeben anfangen, mit gedehnten Blicken auf die Welt zurückzuschauen, die aus einem Versuch des Verstehens die Vertagung des Verstehens macht.“ (GB 58) Die Wahrnehmung der Kinder gilt also bei Genazino als Ideal; auch Erwachsene sollten sich einen kindlichen Blick auf die Welt bewahren.
I Einleitung: Diese Einleitung führt in die zentrale Thematik der Literatur bei Wilhelm Genazino ein, nämlich wie das Subjekt in die Welt hineinpasst, und skizziert die wissenschaftliche Untersuchung der Wahrnehmung und Individualisierung in seinem Werk.
II Theorie der Wahrnehmung: Hier werden die theoretischen Grundlagen erarbeitet, insbesondere die Technik des „gedehnten Blicks“ als Mittel zur individuellen Distanzschaffung und als notwendige Antwort auf die gesellschaftliche Umwelt.
III Werkanalyse: In diesem Hauptteil wird das Werk von Wilhelm Genazino anhand ausgewählter Romane (Fremde Kämpfe, Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz, Ein Regenschirm für diesen Tag) chronologisch und thematisch analysiert.
IV Schlussbetrachtungen: Die Schlussbetrachtungen führen die Ergebnisse der Werkanalyse zusammen und stellen fest, dass nach 1984 eine Wende eintritt, bei der die Protagonisten durch veränderte Wahrnehmungsweisen erfolgreichere Strategien der Lebensbewältigung in der Gesellschaft entwickeln.
V. Literatuverzeichnis: Umfassendes Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Wilhelm Genazino, Wahrnehmung, Individualisierung, Ästhetik, gedehnter Blick, Gesellschaft, Distanz, Epiphanie, Subjekt, Großstadt, Flaneur, Fremdheit, Selbstbehauptung, Identität, Literaturwissenschaft.
Die Arbeit analysiert das literarische Werk von Wilhelm Genazino unter dem Aspekt, wie seine Protagonisten durch eine spezifische, genaue Wahrnehmungsweise („den gedehnten Blick“) versuchen, sich als Individuen innerhalb der Gesellschaft zu behaupten.
Zentrale Themen sind die Dreierkonstellation aus Gesellschaft, Individualisierung und Ästhetik, die Bedeutung des Beobachtens als identitätsstiftender Prozess und die Abgrenzung zur gesellschaftlichen Normierung.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich die Strategien der Protagonisten zur Positionierung in der Gesellschaft über die Jahre, insbesondere vor und nach der „Wende“ im Jahr 1989, verändert haben.
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Werkanalyse, die auf der Phänomenologie der Wahrnehmung basiert und soziologische Ansätze (etwa von Norbert Elias oder Georg Simmel) in die Untersuchung miteinbezieht.
Der Hauptteil gliedert sich in drei große Werkanalysen: „Fremde Kämpfe“ (1984), „Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz“ (1989) und „Ein Regenschirm für diesen Tag“ (2001), in denen die jeweiligen Ausgangssituationen, Erzählsituationen, Raumkonzepte und Epiphanien untersucht werden.
Zu den Schlüsselbegriffen gehören „gedehnter Blick“, „ästhetische Opposition“, „Epiphanie“, „Privat-ästhetische Distanzierung“ und das Spannungsfeld zwischen „Erlebnisproletariat“ und individueller Wahrnehmung.
Wolf Peschek in „Fremde Kämpfe“ scheitert an seiner Umwelt, da er die Abweichung von der Gesellschaft automatisch mit Kriminalität gleichsetzt und keine tragfähige Identität aufbauen kann, während spätere Protagonisten (wie in „Der Fleck...“) durch Reisen und Kunst flexibler reagieren können.
Die „innere Genehmigung“ fungiert als Metapher für die notwendige psychische und soziale Einwilligung des Individuums, sich dem Kampf der gesellschaftlichen Anforderungen zu stellen und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.
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