Bachelorarbeit, 2017
54 Seiten, Note: 1,0
Prolegomena
a) Fragestellung: Dient die mythologische Motivik in Claudians Dichtung dem Anliegen einer kulturellen Repaganisierung?
b) Motivgeschichtlicher Gehalt, intertextuelle Bezüge und erzähltechnisch-poetische Funktion der Unterweltmotivik in den beiden Büchern In Rufinum – Divergenz oder Konvergenz?
c) Zur Methode und zum Aufbau dieser Untersuchung
Kapitel 1: (Un-)Einheitlichkeit, Gattung und Stil von Ruf. 1 und 2
a) Argumente für die (Un-)Einheitlichkeit der beiden Rufinbücher
b) Zur Gattung
c) Zum Stil und zur Erzähltechnik
Kapitel 2: Die Unterweltmotivik in Ruf. 1
a) Rufin als neuer Python (pr.Ruf. 1)
b) Das concilium deforme der Furien (Ruf. 1,25–122)
c) Megaera als Instigatrix ihres Ziehsohnes Rufin (Ruf. 1,123–175)
d) Megaera als Gegenspielerin zu Iustitia (Ruf. 1,354–387)
Kapitel 3: Die Unterweltmotivik in Ruf. 2
a) Das Fehlen jeglicher Unterweltmotivik in Ruf. 2,1–455 sowie der prognostische Traum Rufins (Ruf. 2,327–335)
b) Die Katabasis Rufins in die Unterwelt (Ruf. 2,454–465)
c) Das Totengericht (Ruf. 2,466–Schluß)
d) Rufins Ausweisung aus der Unterwelt (Ruf. 2,520–527)
Kapitel 4: Die Verzahnung der Rufin-Gestalt des liber alter mit den Furien des liber prior
a) Zur Möglichkeit eines metaphorical twist zwischen den Furien und den epischen Akteuren
b) Inhaltliche Übereinstimmungen zwischen den Furiae in Buch I und Rufin in Buch II
c) Strukturelle Bezüge zwischen den Furiae im liber prior und Rufin im liber alter
Kapitel 5: Sinngehalte und Funktionen der Unterweltmotivik in den Rufinbüchern
a) Kein theologisch-metaphysischer Gehalt der Unterweltmotivik
b) Keine vorrangig apologetische Funktion der Unterweltmotivik
c) Die allegorische und narratologische Funktion der Unterweltmotivik
d) Die Geschichte übertrifft den Mythos (Ruf. 1,283: taceat superata vetustas) – und macht die Furien überflüssig (vgl. Theb. 11,537: nec iam opus est furiis)
e) Die produktionsästhetische und metapoetische Funktion der Unterweltmotivik
f) Rezeptionsästhetische Dimensionen der Unterweltmotivik bei Claudian
Die Untersuchung analysiert die Funktion und den gehaltlichen Stellenwert der mythologischen Unterweltmotivik in Claudians Invektiven gegen Rufin, um zu prüfen, ob diese Elemente einer bewussten kulturellen Repaganisierung dienen oder primär rhetorisch-narratologische sowie politisch-propagandistische Zwecke verfolgen.
b) Das concilium deforme der Furien (Ruf. 1,25–122)
α) Allgemeine Beobachtungen: Im Musenanruf, mit dem das Proömium schließt (Ruf. 1,24), wird als ausdrückliches Thema des liber prior die aitiologische Bestimmung des ortus der „so gewaltigen Seuche“ (tanta lues = Rufinus) genannt. Die Frage nach diesem kosmologisch aufgefaßten Ursprung motiviert den Beginn der Handlung in der Unterwelt, wobei Claudian sich auf kreative Weise bei der traditionellen Unterwelttopik bedient, wie sie v.a. aus Hom.Od. 11, aus Verg.Aen. 6, Ov.met. 4,432sqq. und 10,1sqq., aus Val.Fl. 1,827sqq., Stat.Theb. 4; 8 und 11 sowie aus Sil. 13,381sqq. bekannt ist.
Dabei gibt es trotz der vielen Topik gleichwohl originell claudianische Erzählmuster zu beobachten, die sich auch in anderen seiner Schriften wiederfinden. Wie z.B. in Claudians rapt.Pros. 1,30–47 der Unterweltgott Pluto, so begehrt hier in Ruf. 1,25–67 die Erinnye Allecto gegen die Weltordnung auf, indem sie damit droht, die Welt ins Chaos zu stürzen (v. 65: rerum vexare fidem). Doch wie in rapt.Pros. 1,48–75 durch die Vermittlung der Parze Lachesis der Zorn des Pluto von vornherein in diplomatischere und geordnetere Bahnen umgelenkt wird, so wird in Ruf. 1,74–117 durch Megaera ein Vorschlag gemacht, der das unterweltliche Aufbegehren gleich zu Beginn dämpft und mit der unumstößlichen Weltordnung konziliiert (v. 86sq.: signa quidem, sociae, divos attollere contra / nec fas est nec posse reor).
Damit ist der Wirkungsbereich des Bösen in der Perspektive von Ruf. 1 von vornherein auf einen partiellen innergeschichtlichen Bereich eingeschränkt und von einer größeren kosmologischen Ordnung gebändigt. Das unterweltlich Böse in Ruf. 1 erweist sich nicht so sehr als ein der Weltordnung absolut opponierendes manichäisches Prinzip, wie Nesselrath meinte, es scheint vielmehr Teil einer umfassenderen Ordnung zu sein. Man wird demnach Vorsicht walten lassen, von Allectos Aufbegehren her einen weltanschaulichen Gegensatz zwischen dem liber prior und dem liber alter konstruieren zu wollen.
Prolegomena: Einführung in die Forschungsfrage bezüglich einer möglichen „Repaganisierung“ in Claudians Dichtung und Darstellung der methodischen Vorgehensweise.
Kapitel 1: (Un-)Einheitlichkeit, Gattung und Stil von Ruf. 1 und 2: Diskussion über die gattungstypologische Einordnung der beiden Bücher und deren strukturelle Zusammengehörigkeit.
Kapitel 2: Die Unterweltmotivik in Ruf. 1: Analyse der mythologischen Unterweltbilder im ersten Buch, insbesondere des Furienkonzils und der Rolle Megaeras.
Kapitel 3: Die Unterweltmotivik in Ruf. 2: Untersuchung der bewussten mythologischen Leerstelle in weiten Teilen des zweiten Buches sowie der Totengerichtsszene am Ende.
Kapitel 4: Die Verzahnung der Rufin-Gestalt des liber alter mit den Furien des liber prior: Nachweis der strukturellen Parallelen zwischen den Furien-Allegorien des ersten und dem menschlichen Handeln des zweiten Buches.
Kapitel 5: Sinngehalte und Funktionen der Unterweltmotivik in den Rufinbüchern: Synthese der Ergebnisse zur allegorischen, narratologischen und produktionsästhetischen Bedeutung des Mythos bei Claudian.
Claudian, In Rufinum, Unterweltmotivik, römische Epik, epideiktische Dichtung, Furien, Repaganisierung, Stilicho, mythologische Allegorie, Panegyrik, intertextuelle Bezüge, Antike, Invektive, politische Propaganda.
Die Arbeit untersucht die Funktion mythologischer Unterweltelemente in Claudius Claudians politischer Invektive "In Rufinum" und beleuchtet das Verhältnis zwischen mythologischer Tradition und historischer Zeitgeschichte.
Im Zentrum stehen die narratologische Verwendung von Unterweltmotiven, die gattungsspezifische Einordnung der Dichtung sowie die kritische Auseinandersetzung mit Thesen zur religiösen Gesinnung Claudians.
Es soll geklärt werden, ob Claudian durch mythologische Motivik eine religionspolitische Agenda zur "Repaganisierung" verfolgt oder ob der Mythos lediglich als literarisches Werkzeug zur politischen Profilierung dient.
Die Arbeit nutzt Ansätze der Literaturwissenschaft, insbesondere die intertextuelle Analyse, das Close Reading sowie gattungstheoretische Untersuchungen der Epik und Epideiktik.
Der Hauptteil analysiert detailliert die Unterweltmotivik in beiden Büchern, die strukturelle Verzahnung zwischen mythologischen und historischen Akteuren sowie die Verschiebung von den Furien im ersten zum menschlichen Tyrannen im zweiten Buch.
Die wichtigsten Begriffe sind Claudian, In Rufinum, Unterweltmotivik, Repaganisierung, Politische Dichtung und Narratologie.
Die Arbeit argumentiert, dass Rufin im zweiten Buch selbst die Rolle der Furien übernimmt, wodurch der mythologische Apparat als "ausgelagerte" Kraft hinfällig und durch die "reale" Bosheit der historischen Figur ersetzt wird.
Es verknüpft die archaisch-mythologische Vorstellung eines Totengerichts mit platonisch geprägten Ideen einer philosophischen Gerechtigkeit und stellt einen bewussten Kontrast zur "ungerechten" Welt der Lebenden dar.
Nein, die Arbeit warnt davor, die mythologische Dichtung als authentisches Glaubensbekenntnis zu interpretieren, und ordnet die paganen Motive eher in den literarischen Traditionshorizont der Zeit ein.
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