Diplomarbeit, 2005
113 Seiten, Note: Sehr gut
Einleitung
I Konstruktivistische Anthropologie
1 Systemtheorie
1.1 Allgemeine Systemtheorie
1.2 Prozess und Muster
1.3 Autopoietische Systeme
1.4 Struktur und struktureller Wandel
1.5 Selbstreferenz und Kontingenz
2 Kybernetische Epistemologie – Theorie des Wissenserwerbs
2.1 Was ist Kybernetik?
2.2 Die Erfindung der Wirklichkeit
2.3 Die Konstruktion von Ordnung
2.4 Rekursives Errechnen der Wirklichkeit
3 Der Beobachter
4 Radikaler Konstruktivismus vs. Naiver Realismus
5 Objektivität und Wissenschaft
6 Viabilität und Verantwortung
II Soziale Konstruktionen
1 Das Problem des Solipsismus
2 Radikal- konstruktivistische Sozialtheorie
2.1 Das Verhältnis von Biologie und Sozialität
2.2 Interaktionsprozesse lebender Systeme
2.3 Soziale Systeme, Kultur und Sprache
3 Zusammenfassung
III Linear- Kausales Denken als Grundlage der Wissenschaft
1 Zum Begriff der Trivialisierung
1.1 Prämissen der Naturwissenschaft 1
1.2 Prämissen der Naturwissenschaft 2
1.3 Triviale und Nicht- triviale Maschinen
2 Das Paradigma der Psychologie
2.1 Der Begriff des Paradigmas
2.2 Das Postulat der Zweckfreiheit
2.3 Methodischer Monismus
3 Die empirischen Methoden
3.1 Das Induktionsverfahren
3.2 Das Deduktionsverfahren
3.3 Zum Problem der Kausalität
4 Pädagogik und Psychologie
5 Konstruktivismus und personale Erziehung
IV Theorie und Praxis pädagogischer Verantwortung
1 Theorie der Verantwortung
1.1 Der Begriff Verantwortung
1.2 Die Frage nach der Freiheit des Willens
1.3 Die existenzielle Dimension (pädagogischer) Verantwortung
1.4 Die soziale Dimension (pädagogischer) Verantwortung
2 Praxis pädagogischer Verantwortung
2.1 Dimensionen pädagogischer Verantwortung
2.2 Diskursive Verantwortungsethik als pädagogisches Ethos
2.3 Diagnostische Verantwortung
2.4 Systemtheorie und Erziehung
V Schlusswort
Diese Diplomarbeit untersucht das Menschenbild des radikalen Konstruktivismus und analysiert, inwiefern sich dieses in die anthropologischen Grundströmungen (naturalistisch, soziologisch, personalistisch) einordnen lässt. Ziel ist es zu erörtern, ob der pädagogische Bildungsbegriff, der den Menschen als selbstbestimmtes und verantwortliches Wesen auffasst, innerhalb eines konstruktivistischen Rahmens neu begründet werden kann.
2.2 Die Erfindung der Wirklichkeit
Der nun folgenden Erörterung der kybernetischen Epistemologie möchte ich ein Postulat Heinz VON FOERSTERS vorausschicken:
„Die Umwelt, die wir wahrnehmen, ist unsere Erfindung“ (VON FOERSTER 1993, 26)
Entgegen der alltäglichen Vorstellung, die Umwelt sei etwas, das wir entdecken, dass z.B. Kinder „die Welt entdecken“, vertritt der radikale Konstruktivismus den Standpunkt, dass wir die Welt, in der wir leben, selbst erfunden haben.
Um dies zu veranschaulichen möchte ich mit einem kleinen Experiment beginnen: Der Leser soll das Kreuz in der Abbildung unten mit dem rechten Auge fixieren, sein linkes Auge schließen und das Blatt in einem Abstand von ca. 40cm vor den Augen vor und zurückbewegen. Dabei wird er an einem bestimmten Punkt bemerken, wie der schwarze Kreis auf der Abbildung plötzlich verschwindet. Dies geschieht, weil in dieser Position die Abbildung des Kreises auf den Bereich der Netzhaut fällt, der für das Licht unempfindlich ist, da dort der Sehnerv (= Verbindung der Netzhaut mit dem Gehirn) austritt. Man nennt diesen Bereich blinder Fleck (vgl. VON FOERSTER 1985, 26).
Das Interessante an diesem Experiment ist, dass wir nicht den Eindruck haben, den Kreis nicht zu sehen, sondern glauben, dass er verschwunden sei. Natürlich ist er nach wie vor an derselben Stelle, aber wir sehen nicht, dass wir ihn nicht sehen. Darüber hinaus haben wir keine Erklärung parat, warum wir nicht bemerken, dass unsere visuelle Wahrnehmung auch im Alltag permanent ein Loch hat.
1 Systemtheorie: Dieses Kapitel erläutert die Grundlagen systemischen Denkens, bei dem nicht isolierte Objekte, sondern Wechselwirkungen und Muster im Vordergrund stehen, um komplexe menschliche Beziehungen zu verstehen.
2 Kybernetische Epistemologie – Theorie des Wissenserwerbs: Hier wird dargelegt, wie der Mensch als Beobachter durch interne Referenzwerte und kognitive Schemata eine für ihn stimmige Wirklichkeit konstruiert.
3 Der Beobachter: Dieses Kapitel thematisiert die Subjektivität jeder Erkenntnis, bei der der Beobachter als aktiver Teil des Systems selbst an der Konstruktion seiner Welt beteiligt ist.
4 Radikaler Konstruktivismus vs. Naiver Realismus: Es erfolgt eine Abgrenzung zum naiven Realismus, indem aufgezeigt wird, dass eine objektive Abbildung der Welt nicht möglich ist.
5 Objektivität und Wissenschaft: Wissenschaft wird als eine Form kognitiver Handlungskoordinierung zwischen Menschen begriffen, statt als ein Mittel zur Erreichung absoluter Wahrheit.
6 Viabilität und Verantwortung: Die zentrale These, dass anthropologische Ansätze nur relative Gültigkeit besitzen und ihre Angemessenheit an ihrer "Viabilität", also ihrer Nützlichkeit für die Lösung von Problemen, gemessen wird.
Radikaler Konstruktivismus, Systemtheorie, Kybernetik, Pädagogische Anthropologie, Verantwortung, Bildung, Wirklichkeit 2. Ordnung, Beobachter, Autopoiesis, Strukturdeterminiertheit, Viabilität, Person, Pädagogischer Dialog, Subjektivität, Diskursive Verantwortungsethik.
Die Diplomarbeit befasst sich mit den anthropologischen Grundlagen des radikalen Konstruktivismus und untersucht, welche Konsequenzen dieser Ansatz für das Verständnis von Verantwortung in der Erziehung und Pädagogik hat.
Zentrale Themen sind die Systemtheorie, die kybernetische Erkenntnistheorie, das Konzept des Beobachters, soziale Wirklichkeitskonstruktionen sowie die Theorie und Praxis pädagogischer Verantwortung.
Das Ziel ist die Untersuchung, inwieweit der klassische Bildungsbegriff – der das Individuum als selbstbestimmte "PERSON" betrachtet – innerhalb eines konstruktivistischen Menschenbildes neu interpretiert und legitimiert werden kann.
Die Arbeit basiert auf einer fundierten theoretischen Analyse der konstruktivistischen Schriften (u.a. von Maturana, Varela, von Foerster, von Glasersfeld) und einer kritischen Auseinandersetzung mit diesen Theorien im Hinblick auf ihre pädagogische Anwendbarkeit.
Der Hauptteil gliedert sich in vier Teile, die von der anthropologischen Fundierung über soziale Konstruktionen und die Kritik am naturwissenschaftlich-kausalen Paradigma bis hin zur konkreten Entwicklung einer diskursiven Verantwortungsethik für Pädagogen reichen.
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie "Viabilität" (anstatt Wahrheit), "Autopoiesis", "Strukturdeterminiertheit", "Person" als formale Relation und "dialogische Erziehung" als ethisches Prinzip.
Wirklichkeit 1. Ordnung umfasst die physikalischen Eigenschaften einer Sache, während Wirklichkeit 2. Ordnung die Bedeutungen, Werte und sozialen Konstruktionen beschreibt, die Menschen diesen Dingen zuschreiben und durch die sie ihr Zusammenleben strukturieren.
Weil der Mensch als kognitiv geschlossenes System keine objektive, vom Beobachter unabhängige Realität "erkennen" kann. Erkenntnis ist immer eine individuelle oder konsensuelle Konstruktion, die an der Lebenspraxis ausgerichtet ist.
Pädagogen können nicht mehr als "Wahrheitsvermittler" auftreten. Sie müssen sich ihrer eigenen Konstruktionstätigkeit bewusst werden und Erziehung als einen dialogischen Prozess gestalten, der die Selbstverantwortung des Kindes als Person fördert.
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