Masterarbeit, 2016
77 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Zur Tradition des Puppenspiels
2.1. Herkunft vom Jahrmarkt
2.2. Rituelle Puppen
2.3. Bruch mit der Tradition
3. Das dezentrierte Subjekt
3.1. Subjektgenese
3.2. Subjekt und Körper
3.3. Subjektivität auf Plot-Ebene in „Jerk“
4. Theater als Therapie oder Therapie als Theater
4.1. Theater als Therapie
4.2. Therapie als Theater
5. Stimme
5.1. Geräuschkulisse in „Jerk“
5.2. Funktionen der Stimme
5.2.1. Stimme und Sprache
5.2.2. Über die Sprache hinaus
5.2.3. Subjekt
5.2.4. Leiblichkeit der Laute
6. Leib-Körper
6.1. aktueller Körperkanon: autonomes In-Dividuum
6.2. der groteske Leib
6.2.1. Der Mund als Körperteil an der Grenze
6.2.2. Abjekte
6.3. Puppenspiel – der geteilte Körper
6.4. Sound der Körper
7. Schluss
Die vorliegende Masterarbeit analysiert das Puppentheaterstück „Jerk“ von Gisèle Vienne im Hinblick auf das fragmentierte Ich und die Rolle der leiblichen Geräusche, wobei untersucht wird, wie das Stück die Auflösung von Subjektgrenzen akustisch und theatral umsetzt.
5.1. Geräuschkulisse in „Jerk“
Betrachten wir nun sämtliche Laute und Nicht-Laute, die in „Jerk“ genutzt werden, fällt auf, dass eine große Bandbreite an Möglichkeiten abgedeckt wird. Zu Beginn ist ein Schauspieler zu sehen, der ohne erwähnenswerte Bühnenspannung beinah privat auf die Bühne tritt, das Publikum (ein fiktives Publikum) begrüßt und ausschließlich mit der Stimme Jonathan Capdevielles agiert. Dadurch hat der Zuschauer gleich das Gefühl einer Nähe zum Spieler. Capdevielle wirkt dabei zurückhaltend, bescheiden, fast ein wenig unsicher.
Was diese Privatheit auf der Bühne bricht, ist die Tatsache, dass er sich nicht als der Spieler Capdevielle vorstellt, sondern als Puppenspieler in Therapie, als David Brooks, der Gehilfe eines Massenmörders. Außerdem begrüßt er eine Psychologie-Klasse, die zwar nicht anwesend ist, aber den Eindruck vermittelt, dass es sich hierbei nicht um eine rein äußerliche Kunst des Puppenspiels handelt, sondern dass im folgenden Stück Fragen nach der Psyche des Spielers Brooks und nach Identität aufgeworfen werden.
Hinzu kommt nun eine weitere Ebene. Brooks stellt seine Puppen vor. Die letzte Puppe ist er selbst. Tatsächlich stellt er sich gleichzeitig als Spieler und als Puppe vor. Bei der Vorstellungsrunde der Puppen demonstriert er die Stimmen der jeweiligen Figuren. Die Stimme der David Brooks-Puppe ist, so seine Erläuterung, seine eigene. Damit ist die Verwirrung komplett. Brooks spielt sich selbst als Puppe. Diese Tatsache erlangt noch besondere Wichtigkeit, wenn am Ende der Spieler Brooks und die Puppen verschwinden und nur eine bauchredende menschliche Puppe zurück bleibt.
1. Einleitung: Einführung in das Thema der Vielstimmigkeit und das Puppentheaterstück „Jerk“ als Untersuchungsgegenstand.
2. Zur Tradition des Puppenspiels: Betrachtung der historischen und rituellen Hintergründe des Puppenspiels sowie dessen Bruch mit der Tradition im Stück.
3. Das dezentrierte Subjekt: Theoretische Auseinandersetzung mit der Subjektkonstitution, der Spaltung des Ichs und der Fragmentierung des Selbst.
4. Theater als Therapie oder Therapie als Theater: Analyse des therapeutischen Potentials und Scheiterns von puppenspielerischen Ansätzen in „Jerk“.
5. Stimme: Tiefgehende Untersuchung der Geräuschkulisse, der Funktionen der Stimme und deren Bedeutung für Identität und Schmerz.
6. Leib-Körper: Untersuchung der verschiedenen Körperbilder, vom autonomen Körperkanon bis hin zum grotesken Leib und dem Puppenkörper.
7. Schluss: Synthese der Ergebnisse über die Inszenierung von Gewalt, das Scheitern des Subjekts und die Wirkung auf das Publikum.
Jerk, Gisèle Vienne, Puppentheater, dezentriertes Subjekt, Vielstimmigkeit, Bauchrednerei, Körperbilder, Grotesker Realismus, Identität, traumatische Erfahrung, Abjekt, Klangraum, Gewalt, Therapie, Fragmentierung.
Die Arbeit untersucht das Puppentheaterstück „Jerk“ von Gisèle Vienne mit einem Fokus auf die Rolle von Klängen, Stimmen und die Darstellung eines fragmentierten, dezentrierten Subjekts.
Die zentralen Themen umfassen das Verhältnis von Puppenspiel und Gewalt, die psychologische Konstitution des Subjekts nach Freud und Lacan, sowie die theoretische Aufarbeitung von Körperkonzepten in der Performance.
Das Ziel ist es, zu verstehen, wie die akustische Gestaltung und die Wahl des Mediums (Puppenspiel/Bauchrednerei) das Scheitern eines Individuums an der eigenen Vergangenheit und Identität erfahrbar machen.
Die Autorin nutzt eine Kombination aus theaterwissenschaftlicher Analyse, psychoanalytischer Theorie (Freud, Lacan), sprachphilosophischen Ansätzen (Waldenfels, Wittgenstein) und kulturtheoretischen Konzepten (Bachtin, Kristeva).
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der detaillierten Analyse der Geräuschkulisse, der Rolle der Stimme und der Leiblichkeit in „Jerk“, sowie der theoretischen Verknüpfung dieser Elemente mit dem Konzept des grotesken Leibes.
Wichtige Schlüsselbegriffe sind das dezentrierte Subjekt, der groteske Leib, das Abjekt, die Vielstimmigkeit und die therapeutische Dimension des Puppenspiels.
Er dient als reale historische Vorlage für das Stück, wobei die Figur im Puppenspiel genutzt wird, um Machtstrukturen, das Begehren nach Kontrolle über Opfer und die Zerbrechlichkeit von Identität abzubilden.
Da die Zuschauer durch die als „Fanzines“ bezeichneten Hefte und die Inszenierung als psychologische Klasse gezwungen werden, sich aktiv zum grausamen Geschehen zu verhalten, werden sie unfreiwillig in die therapeutische Dynamik des Stückes einbezogen.
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