Masterarbeit, 2015
91 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Literatur und Religion – eine Verhältnisbestimmung
3. Debatte um Gattungszuordnungen der Perutz’schen Romane
4. Religiöse Elemente
4.1. (göttliche) Determination
4.1.1. Die dritte Kugel
4.1.2. Der Marques de Bolibar
4.1.3. Turlupin
4.1.4. Nachts unter der steinernen Brücke
4.2. Die dunklen Gestalten der religiösen Hinterwelt
4.2.1. Die dritte Kugel und der allzu menschliche Teufel
4.2.2. Der Marques de Bolibar und der Ewige Jude
4.2.3. Die Geburt des Antichrist
4.2.4. Der Judas des Leonardo
4.3. Das Jüngste Gericht
4.3.1. Der Meister des Jüngsten Tages
4.3.2. Der schwedische Reiter
4.4. (ergebnislose) Sinnsuche
4.4.1. Das Scheitern der Sinnsuche im Marques de Bolibar
4.4.2. Sinnsuche - Nachts unter der steinernen Brücke
5. Transformationen religiöser Elemente
5.1. Ironisierung
5.1.1. Turlupin
5.1.2. Der schlagfertige Gottesräuber im Schwedischen Reiter
5.1.3. Determinismus in der Dritten Kugel
5.2. Säkularisierung und Ironisierung: Die Religionsdroge in St. Petri Schnee
5.3. Säkularisierung versus Sakralisierung
5.3.1. Der Meister des Jüngsten Tages
5.3.2. Die Hölle des Bischofs
6. Fazit
Die vorliegende Masterarbeit untersucht die Funktionen religiöser Elemente in den Werken des österreichischen Autors Leo Perutz. Dabei soll dargelegt werden, wie religiöse Traditionen und Narrative in der Erzählprosa adaptiert, transformiert und ironisiert werden, um neue inhaltliche und sprachliche Wirkungen zu erzielen, die als Kommentar zur Moderne fungieren.
4.1.1. Die dritte Kugel
In Leo Perutz’ erstem Roman, Die dritte Kugel von 1915, begegnet uns im Vorwort „Präludium: Der Wein des Doktor Ceremonius“ ein Ich-Erzähler, der aufgrund seines Glasauges Hauptmann Glasäpflein gerufen wird. Der lutherische Hauptmann befindet sich abends am Feuer des katholischen kaiserlichen Heerlagers nach der Schlacht bei Mühlberg 1547, die das Ende des Schmalkaldischen Kriegs einläutete. Da der Schlaf sich nicht einstellen will, möchte der Ich-Erzähler sich mit Erinnerungen aus seinem Leben die Zeit vertreiben. Doch er kann nicht darauf zugreifen, denn seine Erinnerungen sind nur noch eine Collage aus verwirrenden Erinnerungsfetzen, die er nicht mehr zuordnen kann:
„Und wenn meine Gedanken durch mein vergangenes Leben ziehen, so ist es, als ginge einer durch ein unbewohntes Haus, da sind viele Zimmer leer, andre wieder angefüllt mit törichtem Plunder, wurmstichigem Hausrat und verstaubtem Gerät, das wirr und sinnlos durcheinandersteht.“ (S. 10)
Tragischerweise erinnert sich nur sein stummer Knecht Melchior Jäcklein noch an alles, doch der Hauptmann kann dessen Gebärden nicht entziffern. Als Glasäpflein mitbekommt, dass Doktor Ceremonius, der Alchimist des Kaisers, im Lager ist, spricht er diesen an und fragt, ob dieser „Gewalt über die vergangenen Zeiten“ habe und längst verhallte Worte und verstorbene Menschen wieder vor sein „Antlitz gaukeln“ könnte. (DdK, S. 15) Erst weist der Alchimist diese Bitte mit der Begründung ab, dass nur Gott und Teufel diese Macht hätten, doch als Hauptmann Glasäpflein ihm eine wichtige Information geben kann, möchte der Alchimist sich dankbar erweisen. Er schenkt Glasäpflein ein Getränk ein, das dieser nicht austrinken kann, weil es ihm zu sehr im Hals brennt. Die Wirkung erinnert an einen Drogenrausch: „Das Blut schießt mir wild durch die Schläfen, und der Herzschlag dröhnt wie die Glocken beim Avegebet. Mir ist so weh und so angstvoll ums Herz, wie seit den Tagen der Jugend nicht mehr.“ (DdK, S. 16)
1. Einleitung: Definiert das Forschungsziel, die untersuchten Werke von Leo Perutz und die zentrale Fragestellung nach der Funktion religiöser Elemente in seiner Prosa.
2. Literatur und Religion – eine Verhältnisbestimmung: Diskutiert theoretische Grundlagen zur Definition von Religion und deren Verschränkung mit Literatur, insbesondere im Kontext von Säkularisierung und Phantastik.
3. Debatte um Gattungszuordnungen der Perutz’schen Romane: Analysiert die wissenschaftliche Diskussion um die Einordnung von Perutz’ Romanen als historische, phantastische oder Rätselromane.
4. Religiöse Elemente: Untersucht verschiedene religiöse Motive, wie Determination, dunkle Gestalten (Teufel, Ewiger Jude, Judas, Antichrist) und die ergebnislose Sinnsuche.
5. Transformationen religiöser Elemente: Erläutert wie Ironie und Säkularisierung dazu dienen, religiöse Versatzstücke zu verfremden und als moderne Sinnangebote zu hinterfragen.
6. Fazit: Führt die Analyseergebnisse zusammen und bestätigt, dass religiöse Elemente bei Perutz primär Kommentarfunktionen zur Identitätskrise und Sinnsuche der Moderne übernehmen.
Leo Perutz, Religion, Phantastik, Säkularisierung, Determination, Sinnsuche, Moderne, Gattungszuordnung, Ironisierung, Apokalypse, Schicksal, Identitätskrise, Literatur und Religion, Teufelsdarstellung, Drommetenrot.
Die Arbeit untersucht, wie Leo Perutz in seinen Romanen und Erzählungen religiöse Elemente einsetzt, um die existentiellen Grundfragen der Moderne zu verhandeln.
Im Fokus stehen das Verhältnis von Literatur und Religion, das Problem der Sinnsuche in einer säkularisierten Welt sowie die Ironisierung und Säkularisierung traditioneller religiöser Motive.
Ziel ist es, die Funktionen religiöser Elemente zu systematisieren und aufzuzeigen, wie sie über bloßes historisches Zeitkolorit hinaus die narrative Struktur der Texte mitbestimmen.
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die theoretische Ansätze der Religionswissenschaft, Systemtheorie und Phantastikforschung auf die Texte von Leo Perutz anwendet.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Determinismus, die Analyse dunkler religiöser Gestalten, die Funktion des Jüngsten Gerichts sowie die explizite Transformation religiöser Begriffe durch Ironisierung.
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Perutz, Säkularisierung, Phantastik, Moderne, Determinismus und Sinnsuche beschreiben.
Perutz entmystifiziert das Böse oft durch Vermenschlichung, indem er teuflische Fähigkeiten mit allzu menschlichen Schwächen kombiniert und traditionelle religiöse Muster ironisch bricht.
Es fungiert als Ausdruck urmenschlicher Angst und als Katalysator für künstlerische Kreativität, wobei es in Texten wie "Der Meister des Jüngsten Tages" oft mit Drogenerfahrungen verknüpft wird.
Weil in Perutz’ Romanen die Welt als fragmentarisch und nicht teleologisch dargestellt wird, was jede Suche nach einem absolut gültigen, göttlichen Sinn von vornherein zum Scheitern verurteilt.
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