Bachelorarbeit, 2015
32 Seiten, Note: 1,7
1. Einleitung
2. Nord
2.1. Heimat: Tonio Kröger auf der Schwelle
2.2. Ordnung und Tanz
3. Süd
3.1. Bellezza und das kalte Herz: Tonio Kröger erschließt seinen Süden
3.2. Innen und Außen in München
4. Nord-Nord
4.1. Verlorene Heimat: Tonios Rückkehr in den Süden
4.2. Tonio tanzt nicht: Der Erkenntnisraum Dänemark
5. Fazit
Die wissenschaftliche Arbeit untersucht Thomas Manns Erzählung Tonio Kröger mittels einer raumsemantischen Analyse, um die Identitätsfindung des Protagonisten im Spannungsfeld zwischen Kunst und Bürgertum sowie zwischen Norden und Süden zu ergründen. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert sich darauf, wie Räume in der Erzählung konzipiert und besetzt sind und welche Bedeutung räumliche Grenzüberschreitungen für die Entwicklung der Figur haben.
2.1. Heimat: Tonio Kröger auf der Schwelle
Der Anfang der Novelle ist in einer norddeutschen Kleinstadt angesiedelt, die wie u.a. Blödorn (2004: 188) festgestellt hat, als Lübeck zu erkennen ist. Hier wird der Ursprungsraum des Protagonisten, der Norden eingeführt. Draußen, lange auf einem Fahrdamm wartend, steht der junge Tonio Kröger, dem nassen Niederschlag in einer zugigen, engen Stadt ausgesetzt. Es ist trüb, die Wintersonne scheint „milchig und matt hinter Wolkenschichten“ (Mann 2011: 1). Der auktoriale Erzähler, der immer wieder fließend zum personalen wird, zeichnet eine unwirtliche, fast melancholische Stimmung.
Im Gegensatz dazu strömen die als „Scharen der Befreiten“ bezeichneten Schüler ausgelassen durch die Gatterpforte aus der Schule: „kleines Volk setzte sich lustig in Trab“ (Mann 2011: 1), unter ihnen Hans Hansen, Tonios Freund. In dieser gegenteiligen Aufteilung liegt eine Verschmelzung von Innen- und Außenwelt vor, wie sie Bryndhildsvoll beschrieben hat: „Der Mensch überträgt seine Stimmung auf die Umwelt, die ihm daher im Lichte seiner eigenen Befindlichkeit erscheint“ (1993: 9). Neben dieser Verschmelzung besteht jedoch auch eine Unterteilung des Raumes in innen und außen.
Zum inneren Raum gehört Hans Hansen, er ist Teil des „kleine[n] Volk[es]“, das aus dem Gebäude kommt. Tonio besetzt nicht nur topographisch durch seine Positionierung den Außenraum, er fällt auch bereits wegen seines Namens heraus. Er ist nicht Teil der Gruppe, sondern wird schon durch die Bezeichnung der Schüler als „Volk“ als Fremder und Außenstehender klassifiziert. Der Fahrdamm, auf dem er wartet, stellt ihn heraus, lässt ihn auf die anderen herabschauen, sie beobachten. Mit dem Zusammenkommen von Hans Hansen und Tonio Kröger werden die Pole Innen - Außen gelöst. Nach Borśo (2004: 27) werden Grenzen zu Schwellen, sobald die eigentlich scharfe Beschaffenheit der Grenze zu einer fließenden wird. Auf ihrem Spaziergang nehmen die Freunde einen Schwellenraum ein und bewegen sich gemeinsam in einer Grenzregion.
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die raumtheoretische Analyse literarischer Texte ein und begründet die Anwendung des „spatial turn“ sowie Lotmans Raumkonzept auf Thomas Manns Erzählung.
2. Nord: Das Kapitel beleuchtet Tonios Kindheit in der norddeutschen Heimat, wobei der Fokus auf seiner Positionierung als Außenseiter zwischen dem bürgerlichen Hans Hansen und der eigenen Künstlernatur liegt.
2.1. Heimat: Tonio Kröger auf der Schwelle: Hier wird der Norden als Ursprungsraum eingeführt und die symbolische Bedeutung des Fahrdamms sowie die Verschränkung von Innen- und Außenwelt analysiert.
2.2. Ordnung und Tanz: Dieser Abschnitt untersucht die Tanzstunde als Kompensationsheterotopie, in der Tonio erneut an der strikten Konformität der bürgerlichen Welt scheitert.
3. Süd: Tonio verlässt nach dem Tod des Vaters seine Heimat und begibt sich in den Süden, um dort seine künstlerische Identität in großen Städten und schließlich in München zu explorieren.
3.1. Bellezza und das kalte Herz: Tonio Kröger erschließt seinen Süden: Das Kapitel thematisiert den Aufbruch in den Süden als vertikale Bewegung und das Ringen mit dem Erbe seiner Mutter versus der Distanz des Vaters.
3.2. Innen und Außen in München: Die Analyse des Ateliers in München verdeutlicht die Unvereinbarkeit von bürgerlichem Leben und an die Substanz gehender Kunst anhand der Lichtführung und Raumgestaltung.
4. Nord-Nord: Tonio kehrt in den Norden zurück, besucht seine Heimatstadt und reist weiter nach Dänemark, um sich dort seiner bürgerlichen Seite zu stellen.
4.1. Verlorene Heimat: Tonios Rückkehr in den Süden: Dieser Abschnitt thematisiert die Rückkehr in die Vaterstadt und die Verwandlung des einstigen Wohnhauses in eine Volksbibliothek als Zeichen des Zerfalls der alten Ordnung.
4.2. Tonio tanzt nicht: Der Erkenntnisraum Dänemark: Die Analyse konzentriert sich auf das Fest im Hotel in Dänemark als Illusionsheterotopie und Tonios endgültige Akzeptanz seiner Identität als „Mischwesen“.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der raumsemantischen Analyse zusammen und bestätigt, dass die Raumtheorie nach Lotman und Foucault entscheidende Einblicke in Tonios Identitätskonflikt ermöglicht.
Raumsemantik, Tonio Kröger, Thomas Mann, Narratologie, spatial turn, Lotman, Heterotopie, Foucault, Künstlertum, Bürgertum, Grenzüberschreitung, Identitätsfindung, Nord-Süd-Dichotomie, Literaturanalyse, Raumtheorie
Die Arbeit bietet eine raumsemantische Analyse der Novelle Tonio Kröger von Thomas Mann und untersucht, wie der Protagonist durch die Strukturierung und Besetzung verschiedener Räume seine Identität zwischen den Polen Kunst und Bürgertum entwickelt.
Die zentralen Themen sind die raumtheoretische Erfassung der norddeutschen Heimat und des Südens, das Konzept der Grenzüberschreitung, die Bedeutung von Identität als „Mischwesen“ sowie der Kontrast zwischen bürgerlicher Ordnung und künstlerischer Existenz.
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Tonio Kröger Räume im Verlauf der Erzählung entwirft und bewohnt und wie diese Räume seine Entwicklung sowie die Grenzüberschreitungen zwischen inneren und äußeren Lebenswelten widerspiegeln.
Die Autorin stützt sich primär auf die strukturalistische Raumtheorie von Jurij M. Lotman (Grenzüberschreitung, semantische Felder) sowie das Konzept der Heterotopien von Michel Foucault (Kompensations- und Illusionsheterotopien).
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Nordraums (Kindheit, Tanzstunde), des Südraums (Aufbruch, München, Atelier) und die Rückkehr in den Norden (Dänemark, Bibliotheksbesuch), wobei die Räume systematisch hinsichtlich ihrer semantischen Aufladung und ihrer Bedeutung für Tonio Kröger untersucht werden.
Die wichtigsten Begriffe sind Raumsemantik, Heterotopie, Grenzüberschreitung, Nord-Süd-Dichotomie, Identitätsfindung und das Spannungsfeld zwischen Kunst und Bürgertum.
Die Tanzstunde dient als Beispiel für eine Kompensationsheterotopie, in der gesellschaftliche Konventionen strikt ausgeübt werden und Tonio durch seinen „Tanzfehler“ seine Außenseiterrolle und die Unvereinbarkeit seiner Existenz mit der bürgerlichen Norm manifestiert bekommt.
Die Umwandlung wird als Hinweis auf den Zerfall der alten bürgerlichen Ordnung interpretiert; das Haus, das früher exklusiver Familienraum war, ist nun öffentlich zugänglich, was Tonios Suche nach einem festen Platz weiter erschwert.
Der GRIN Verlag hat sich seit 1998 auf die Veröffentlichung akademischer eBooks und Bücher spezialisiert. Der GRIN Verlag steht damit als erstes Unternehmen für User Generated Quality Content. Die Verlagsseiten GRIN.com, Hausarbeiten.de und Diplomarbeiten24 bieten für Hochschullehrer, Absolventen und Studenten die ideale Plattform, wissenschaftliche Texte wie Hausarbeiten, Referate, Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Dissertationen und wissenschaftliche Aufsätze einem breiten Publikum zu präsentieren.
Kostenfreie Veröffentlichung: Hausarbeit, Bachelorarbeit, Diplomarbeit, Dissertation, Masterarbeit, Interpretation oder Referat jetzt veröffentlichen!

