Bachelorarbeit, 2016
25 Seiten
1. Einleitung
2. Eisenbahnbetrieb und deutscher Wald: technik- und motivgeschichtlicher Hintergrund
2.1. Eisenbahnbetrieb und Eisenbahnunfälle im 19. Jahrhundert
2.2. Der Wald als zentrales Motiv der deutschen Literaturgeschichte
3. Grundlagen-Analyse: Der Erzähltext als semiotischer Raum und die Akteur Netzwerk-Theorie als narratologische Perspektive
4. Detail-Analyse: „Things have agency“: die Handlungsmacht der Technik als erzähltheoretische Kategorie am Beispiel des Bahnwärter Thiel
4.1 Vorgeschichte
4.2 Die schrittweise Grenzüberschreitung in Bahnwärter Thiel
5. Zusammenfassung und Ausblick: Akteur-Netzwerk-Theorie als Schlüssel zur literarischen Moderne
Die Arbeit untersucht die Handlungsmacht von Natur und Technik in Gerhart Hauptmanns Novelle Bahnwärter Thiel. Ziel ist es, durch die Verbindung der Akteur-Netzwerk-Theorie mit der Narratologie nachzuweisen, dass Natur und Technik nicht nur symbolische Rahmenbedingungen darstellen, sondern als aktive Akteure in das Handlungsgeschehen eingreifen.
4.2 Die schrittweise Grenzüberschreitung in Bahnwärter Thiel
Die Grenzüberschreitung von der sujetlosen zur sujethaften Schicht in Bahnwärter Thiel geschieht nicht auf einmal, sondern stufenweise, in der Art einer Eskalation.
Für fünf Jahre lebt Thiel allein. Im sechsten Jahr heiratet er Minna und führt mit ihr eine glückliche, auf einer vergeistigten Liebe basierende Ehe. Minnas Tod im Wochenbett kann als der erste Schritt zur Grenzüberschreitung betrachtet werden. Zuvor ist Thiels Leben ereignislos, von ihrem Tod aber wird die unveränderte Lebensweise zum ersten Mal unterbrochen. Er ist jetzt allein erziehender und berufstätiger Vater und weiß nicht, wie er seinen kleinen Sohn aufziehen soll.
Um dieses Problem zu lösen, heiratet Thiel die Kuhmagd Lene, wobei sich bald neue und größere Probleme ergeben. Mit Lene muss Thiel ihre „harte herrschsüchtige Gemütsart, Zanksucht und brutale Leidenschaftlichkeit“ in Kauf nehmen. Außerdem entwickelt Thiel eine sexuelle Abhängigkeit von Lene, unter der auch sein Andenken an seine verstorbene Frau leidet. Thiel hat zunehmend Gewissensbisse.
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Novelle und Darlegung der Forschungsabsicht, die Handlungsmacht von Mensch, Natur und Technik zu untersuchen.
2. Eisenbahnbetrieb und deutscher Wald: technik- und motivgeschichtlicher Hintergrund: Darstellung der historischen Rahmenbedingungen der Eisenbahn sowie des Wald-Motivs in der deutschen Literatur als Basis für die Analyse.
3. Grundlagen-Analyse: Der Erzähltext als semiotischer Raum und die Akteur Netzwerk-Theorie als narratologische Perspektive: Theoretische Grundlegung durch die Verknüpfung von Lotmans semiotischem System und der Akteur-Netzwerk-Theorie.
4. Detail-Analyse: „Things have agency“: die Handlungsmacht der Technik als erzähltheoretische Kategorie am Beispiel des Bahnwärter Thiel: Konkrete Anwendung der Theorie auf die Vorgeschichte und die eskalierenden Grenzüberschreitungen in der Novelle.
5. Zusammenfassung und Ausblick: Akteur-Netzwerk-Theorie als Schlüssel zur literarischen Moderne: Synthese der Ergebnisse und Diskussion der Tragweite des ANT-Ansatzes für die moderne Literaturanalyse.
Bahnwärter Thiel, Gerhart Hauptmann, Akteur-Netzwerk-Theorie, Natur, Technik, Narratologie, Naturalismus, Handlungsmacht, Literaturanalyse, Grenzüberschreitung, Motivgeschichte, Isotopie-Analyse, semiotischer Raum, literarische Moderne, Eisenbahnbetrieb.
Die Arbeit analysiert Gerhart Hauptmanns Novelle „Bahnwärter Thiel“ unter dem Aspekt, dass Natur und Technik nicht bloß als Symbolik fungieren, sondern als handelnde Akteure den Verlauf der Geschichte beeinflussen.
Die Untersuchung deckt die Technikgeschichte des 19. Jahrhunderts, das literarische Wald-Motiv sowie die Anwendung der Akteur-Netzwerk-Theorie auf narrative Texte ab.
Das Ziel ist es, erzähltheoretische Begriffe um den Aspekt technischer Akteure zu erweitern und zu beweisen, dass „Agency“ (Handlungsmacht) auch nicht-menschlichen Entitäten zukommt.
Es wird eine Kombination aus dem semiotischen Modell der Isotopie-Analyse nach Greimas, dem Strukturmodell von Lotman und der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) verwendet.
Der Hauptteil gliedert sich in eine historisch-theoretische Fundierung sowie eine detaillierte Analyse der eskalierenden Handlung in der Novelle, insbesondere der „Grenzüberschreitungen“.
Die zentralen Konzepte sind Handlungsmacht (Agency), der semiotische Raum, das Zusammenspiel von Mensch, Natur und Technik sowie die literarische Moderne.
Der Wald fungiert als ein ambivalenter Ort, der sowohl als Projektionsfläche für Thiels Innenwelt dient als auch aktiv als Hilfsmittel und Ort schicksalhafter Ereignisse in die Handlung eingreift.
Das Eichhörnchen wird als ein Element der „kindlichen Weltharmonie“ eingeführt, wandelt sich aber bei seinem zweiten Erscheinen in Thiels Vorstellung zu einem destabilisierenden Faktor, der die Verbindung zwischen Lene und dem Tod von Tobias herstellt.
Die Technik der Eisenbahn wird nicht nur als neutrales Transportmittel, sondern als eine bedrohliche, unnatürliche Gewalt dargestellt, die Thiels Leben destabilisiert und schließlich in die Katastrophe führt.
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