Magisterarbeit, 2004
130 Seiten, Note: 1,3
EINLEITUNG
1. BEGRIFFSKLÄRUNG
2. THEORETISCHE VORÜBERLEGUNGEN
2.1. DIE ÖKONOMISCHE THEORIE DER FAMILIE
2.2. DER EINFLUSS KULTURELLER NORMEN AUF DAS FERTILITÄTSVERHALTEN
2.3. ZUSAMMENFASSUNG
3. KULTURELLER HINTERGRUND
3.1. DAS LAND UND SEINE BESONDERHEITEN
3.2. DIE POLITIK DES LANDES
3.2.1. Der Gang der Gesetzgebung
3.2.2. Die Familienpolitik im Spannungsfeld der politischen Landschaft
4. DER ITALIENISCHE WOHLFAHRTSSTAAT UND SEINE FAMILIENPOLITIK
4.1. ENTSTEHUNG UND ENTWICKLUNG DES ITALIENISCHEN WOHLFAHRTSSTAATES
4.1.1. Die “opere pie”
4.1.2. Die Anfänge italienischer Sozialgesetzgebung
4.1.3. Einflüsse aus der Zeit des Faschismus
4.1.4. Qualitative und Quantitative Expansion während des „miracolo economico“
4.1.5. Das Anwachsen der Staatsschulden am Ende der 70er Jahre
4.1.6. Der Zusammenbruch der „Ersten Republik“ und die Konsolidierungs-politik der 90er Jahre
4.2. FAMILIENPOLITISCHE RAHMENBEDINGUNGEN
4.2.1. Das Familienbild in der italienischen Gesellschaft
4.2.2. Strukturen und Akteure der Familienpolitik
4.2.3. Familienpolitische Leistungen
4.2.3.1. Maßnahmen zum Ausgleich der Familienlasten
4.2.3.2. Vereinbarkeit von Familie und Beruf
4.2.3.3. Familienrecht
4.3. CHARAKTERISIERUNG DES ITALIENISCHEN WOHLFAHRTSSTAATES
4.3.1. Warum ein vierter Wohlfahrtstyp?
4.3.2. Das “Southern Model of Welfare in Social Europe” bei Maurizio Ferrera
4.3.3. Die Familie im italienischen Wohlfahrtsstaat aus feministischer Sicht
4.4. ZUSAMMENFASSUNG
5. ENTWICKLUNGSLINIEN
5.1. DIE ZÖGERNDE PLURALISIERUNG DER LEBENSFORMEN
5.1.1. Die Verlängerung der Jugendphase
5.1.2. Ehe vs. nichteheliches Zusammenleben
5.1.3. Das Entstehen neuer Familientypen
5.1.3.1. Die Einpersonenhaushalte
5.1.3.2. Alleinerziehende
5.1.3.3. Paare mit Kindern vs. Paare ohne Kinder
5.1.3.4. Rekonstituierte Familien
5.1.4. Ehetrennungen und Ehescheidungen
5.2. FERTILITÄTSENTWICKLUNG
5.2.1. Geburtenzeitpunkt und Geburtenziffern
5.2.2. Die Verzahnung von Ehe und Geburt
5.2.3. Kinderlosigkeit
5.2.4. Frauenerwerbstätigkeit und Fertilität
5.2.5. Regionale Differenzen
5.2.6. Kontrazeption und Schwangerschaftsabbrüche
5.3. ZUSAMMENFASSUNG
6. DER EINFLUSS DES ITALIENISCHEN WOHLFAHRTSSTAATES AUF DIE FAMILIENENTWICKLUNG
7. AUSBLICK
Die Arbeit analysiert die wechselseitige Beziehung zwischen den institutionellen Merkmalen des italienischen Sozialstaates und der Familien- sowie Fertilitätsentwicklung. Dabei wird untersucht, inwiefern politische Rahmenbedingungen und strukturelle Faktoren das generative Verhalten italienischer Frauen beeinflussen und zu den historisch niedrigen Geburtenraten beitragen.
4.1.1. Die “opere pie”
Lange bevor 1898 mit der Einführung der obligatorischen Arbeiterunfallversicherung der Grundstein für die moderne italienische Sozialgesetzgebung gelegt wurde, hatte in Italien ein breit gestreutes Netz katholischer, karitativer Einrichtungen (die sog. “opere pie”) das Monopol im Bereich der Fürsorge inne. Während sich die junge italienische Republik anfangs zurückhaltend verhielt und sich später nur zögernd um die Versorgung Bedürftiger kümmerte, baute die katholische Kirche ihre Einrichtungen landesweit aus und konnte bereits 1860 auf ca. 18.000 Standorte verweisen. Der Norden und die städtischen Regionen waren hierbei weitaus besser versorgt, als die ländlichen Gegenden des Mezzogiorno. 73% der finanziellen Mittel entfielen auf die 122 wichtigsten Städte mit 20% der italienischen Bevölkerung. Während nur 14 der 284 comuni capoluoghi (städtische Kommunen) über keine opere pie verfügten, waren es bei den übrigen Kommunen 2880 von 5995. Die opere pie übernahmen z.B. die Versorgung Schwangerer, geistig und körperlich Kranker, kümmerten sich um Waisen- und Findelkinder und waren mit Krankentransporten und Bestattungen betraut. Auf diese Weise gelang es der katholischen Kirche ihren Einfluss auszubauen. Im Gegensatz dazu verhielt sich der Staat bzgl. fürsorglicher Leistungen lange Zeit passiv. “Eine gesetzliche Armenhilfe durch die öffentliche Hand wurde abgelehnt.” Der italienische Staat beschränkte sich vorerst auf die Organisation von Ärzten und die Geburtshilfe für die Armen. Erst in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts rückte die „questione sociale“ immer weiter in das politische Blickfeld. 1890 versuchte Ministerpräsident Crispi (mit Hilfe der sog. legge crispi) die Macht der Kirche zu beschneiden, indem er alle Hilfseinrichtungen in „öffentliche Einrichtungen der Hilfe und Wohltätigkeit“ (IPAB) umwandelte. Doch sein Ziel erreichte er damit nicht, denn es kam zu keiner einheitlichen Regelung des Armenfürsorgewesens. Zudem wurde das Gesetz nur zögerlich umgesetzt.
EINLEITUNG: Die Einleitung stellt die konträre Entwicklung dar, bei der Italien trotz starker familiärer Traditionen eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit aufweist, und leitet daraus die zentrale Forschungsfrage nach der Rolle institutioneller Faktoren ab.
1. BEGRIFFSKLÄRUNG: Dieses Kapitel erörtert die Definition des Familienbegriffs in Italien und beleuchtet den starken Einfluss der katholischen Kirche sowie die zögerliche politische Anerkennung nicht-traditioneller Familienformen.
2. THEORETISCHE VORÜBERLEGUNGEN: Hier werden die ökonomische Theorie der Familie sowie kulturelle Erklärungsansätze für generatives Verhalten dargelegt und kritisch diskutiert.
3. KULTURELLER HINTERGRUND: Dieses Kapitel betrachtet die sozio-ökonomischen Besonderheiten Italiens, insbesondere den Nord-Süd-Dualismus, und die politische Landschaft.
4. DER ITALIENISCHE WOHLFAHRTSSTAAT UND SEINE FAMILIENPOLITIK: Eine tiefgehende Analyse der Entstehung des italienischen Sozialstaates, der fragmentierten familienpolitischen Strukturen und der diskriminierenden Auswirkungen auf erwerbstätige Frauen.
5. ENTWICKLUNGSLINIEN: Dieser Teil untersucht die statistischen Trends bei Lebensformen und Fertilität, einschließlich des verzögerten Auszugs junger Erwachsener aus dem Elternhaus.
6. DER EINFLUSS DES ITALIENISCHEN WOHLFAHRTSSTAATES AUF DIE FAMILIENENTWICKLUNG: Das Kapitel führt die theoretischen Ansätze mit den empirischen Befunden zusammen und verdeutlicht, wie staatliche Strukturen individuelles Verhalten determinieren.
7. AUSBLICK: Der Ausblick resümiert die aktuelle politische Debatte und die inkonsequenten Versuche der Regierung, die familienpolitischen Rahmenbedingungen zu reformieren.
Italien, Familienpolitik, Sozialstaat, Fertilität, Wohlfahrtsstaat, Frauen, Erwerbstätigkeit, Familienentwicklung, Geburtenrate, Institutionen, Familialismus, Demographie, Geschlechterrollen, Sozialgesetzgebung, Familienrecht
Die Arbeit befasst sich mit dem italienischen Wohlfahrtsstaat und dessen maßgeblichen Einfluss auf das generative Verhalten und die Familienentwicklung in Italien, unter besonderer Berücksichtigung der Situation von Frauen.
Zentral sind die historische Entwicklung des italienischen Sozialsystems, die Analyse der Familienpolitik, der Einfluss kultureller Normen sowie die empirische Entwicklung von Familienformen und Geburtenziffern.
Die Forschungsfrage lautet, welche spezifischen institutionellen Merkmale des italienischen Sozialstaates das generative Verhalten und die Familiengründung determinieren und wie diese die unterschiedliche Entwicklung der Familienformen und Fertilitätsraten beeinflussen.
Die Autorin kombiniert eine theoretische Fundierung (ökonomische Theorie, kulturelle Ansätze) mit einer historischen und strukturellen Analyse des Wohlfahrtsstaates und wertet hierfür umfangreiche demographische Daten und sozialwissenschaftliche Studien aus.
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Aufarbeitung der Sozialgesetzgebung, eine Analyse der familienpolitischen Rahmenbedingungen, eine feministische Kritik am Wohlfahrtsmodell sowie eine detaillierte Darstellung von Entwicklungslinien wie der zögernden Pluralisierung von Lebensformen.
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Familienpolitik, Wohlfahrtsstaat, Fertilität, geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, Familialismus und Nord-Süd-Dualismus definiert.
Der Dualismus zwischen dem industrialisierten Norden und dem agrarischen, klerikal geprägten Süden ist essentiell, da sich soziale Unterschiede, Erwerbsbeteiligung und das generative Verhalten in beiden Landesteilen drastisch unterscheiden.
Die Arbeit kritisiert, dass das italienische Wohlfahrtsmodell Frauen durch die Förderung des Alleinverdienermodells und den Mangel an staatlicher Kinderbetreuung systematisch benachteiligt und ihre ökonomische Unabhängigkeit erschwert.
Es beschreibt südeuropäische Sozialstaaten, die durch eine hohe institutionelle Fragmentierung, Klientelismus und die Familie als zentralen Kompensationsort bei sozialstaatlichem Versagen gekennzeichnet sind.
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