Bachelorarbeit, 2018
49 Seiten, Note: 1,7
1. Einleitung
2. Herzgewächse oder Der Fall Adams – der Faust-Mythos im Tagebuch
2.1 Wollschlägers Verarbeitung des Faust-Mythos: Parallelen zu Goethe und Mann
2.2 Der Tagebuchroman „Herzgewächse“
2.3 Die Herausgeberfiktion und Autorenschaft von Hans Wollschläger
3. Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Teufelsgesprächen
3.1 Die Kontaktaufnahme
3.2 Die Studierzimmer-Szene
3.3 Der Teufelspakt
4. Die nächste Stufe des Faust-Mythos: Abschied von der Humanität
4.1 F.A. Galland – ein böser Geist aus der Vergangenheit
4.1.1 Gallands Charakter
4.1.2 Gallands Sprache
4.2 Michael Adams – ein Faust der Vergangenheitsbewältigung
4.2.1 Doktor Faustus mit schizoiden Symptomen
4.2.2 Ein selbstkritischer Faust
4.2.3 Wir in effigie – Adams und seine „zweite Hälfte“ auf einer symbolischen Anklagebank
Die Arbeit untersucht die Instabilität der Faust-Figur in Hans Wollschlägers Roman „Herzgewächse“ durch einen intertextuellen Vergleich mit den Hypotexten von Johann Wolfgang von Goethe und Thomas Mann. Ziel ist es, die spezifische Ausprägung der faustischen Identitätsspaltung unter Berücksichtigung der historischen und psychoanalytischen Kontexte der Nachkriegszeit sowie der narratologischen Besonderheiten der Tagebuchform aufzuzeigen.
3.1 Die Kontaktaufnahme
Die Kontaktaufnahme mit einem mephistophelischen Gegner vollzieht sich in allen drei Werken sehr unterschiedlich. Bei Goethe treffen Faust und Mephistopheles sehr früh aufeinander. Mephistopheles verbirgt sich zu Beginn in der Gestalt eines schwarzen Pudels, dem Faust und sein Assistent Wagner beim Osterspaziergang in der Szene „Vor dem Tor“ begegnen. Der Auftritt dieses Pudels scheint die direkte Folge auf Fausts berühmte vorangehende Klage
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt, mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.
O gibt es Geister in der Luft,
Die zwischen Erd und Himmel herrschend weben,
So steiget nieder aus dem goldnen Duft
Und führt mich weg, zu neuem buntem Leben!
Ja, wäre nur ein Zaubermantel mein!44
Hier spricht Faust deutlich seinen Wunsch nach überirdischer Hilfe, nach Magie aus. Er erträgt seinen Zwiespalt und seine Unzufriedenheit, die ihm sein anderer Trieb45 bereitet, kaum noch. Die Kontaktaufnahme geschieht also auf Initiative von Faust. Und gleichzeitig realisiert sie sich auch nur für den anfälligen Faust unter Zutun einer ganz anderen „Gefahrenquelle“, nämlich von Seiten seines Famulus Wagner. Faust beobachtet anfänglich an dem Pudel „Feuerstrudel“46 und spürt, wie er „magisch leise Schlingen / Zu künft’gem Band um unsere Füße zieht“47. All diese dämonischen Assoziationen bleiben seinem Famulus Wagner verborgen: „Ich sah ihn lange schon, nicht wichtig schien er mir.“48 Es ist schließlich auch dieser unerschütterliche, blinde Optimist Wagner, der Faust dazu überredet, dass der drollige Hund eine „pudelnärrische“49 Unterhaltung biete und Fausts Gunst ganz und gar verdiene50. Nur deshalb
1. Einleitung: Einführung in die Faust-Rezeption bei Mann und Wollschläger sowie die Fragestellung nach der Instabilität der Figur Adams.
2. Herzgewächse oder Der Fall Adams – der Faust-Mythos im Tagebuch: Untersuchung der Gattungsform, der Intertextualität zu Goethe/Mann und der Rolle der Herausgeberfiktion.
3. Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Teufelsgesprächen: Analyse der Kontaktaufnahme, der Studierzimmer-Szenen und des Teufelspakts in den drei Vergleichswerken.
4. Die nächste Stufe des Faust-Mythos: Abschied von der Humanität: Betrachtung der Figur Galland als Projektion, der psychologischen Verfassung von Adams und der Funktion des Schreibens als Identitätsbewältigung.
Faust-Mythos, Hans Wollschläger, Herzgewächse, Thomas Mann, Johann Wolfgang von Goethe, Tagebuchroman, Teufelspakt, Identitätsspaltung, Schizophrenie, Nachkriegsliteratur, Psychologisierung, Intertextualität, Moderne, Michael Adams, F.A. Galland
Die Arbeit analysiert die moderne Faust-Adaption in Hans Wollschlägers Roman „Herzgewächse oder Der Fall Adams“ und setzt diese in Bezug zur literarischen Tradition des Faust-Stoffes bei Goethe und Thomas Mann.
Im Fokus stehen die Identitätskrise und psychische Instabilität der Hauptfigur, die Gattung des Tagebuchromans als Instrument der Selbsterkundung sowie die Dekonstruktion des Faust-Mythos in der deutschen Nachkriegszeit.
Ziel ist es, die spezifische Art der Identitätsspaltung der Figur Michael Adams nachzuweisen und zu zeigen, wie Wollschläger durch die Tagebuchform eine „psychoanalytische“ Innenschau der faustischen Problematik betreibt.
Es wird eine literaturwissenschaftliche, vergleichende Analyse durchgeführt, die intertextuelle Bezüge herausarbeitet und gattungstheoretische sowie psychoanalytische Ansätze zur Interpretation der Figurenkonstellationen einbezieht.
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der Romanstruktur (Tagebuchroman/Herausgeberfiktion), eine vergleichende Analyse der klassischen Faust-Motive (Kontaktaufnahme, Teufelspakt) und eine detaillierte Charakterisierung der ambivalenten Figuren Adams und Galland.
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie Identitätsspaltung, schizoide Symptomatik, Intertextualität, Vergangenheitsbewältigung und die Dekonstruktion des mythologischen Erbes bestimmt.
Die Zeit der „Stunde Null“, des Wiederaufbaus und der verdrängten Schuld bildet den Hintergrund, der Adams’ Wunsch nach Selbsterkenntnis und gleichzeitig seinen Widerstand gegen die gesellschaftliche Verdrängung motiviert.
Galland fungiert als mephistophelische Figuration und Alter Ego von Adams, wobei seine Figur zwischen realer Person und psychotischer Halluzination des Protagonisten oszilliert.
Diese Stelle markiert einen narrativen Bruch außerhalb der normalen Tagebuchdatierungen und dient als zentraler Moment der symbolischen Konfrontation mit der eigenen Identität auf der „Anklagebank“.
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