Examensarbeit, 2005
95 Seiten, Note: 1,5
1. Einleitung
2. Chancenungleichheiten im deutschen Bildungssystem
2.1 Benachteiligungen von Migrantenkindern im deutschen Bildungssystem
2.1.1 Bildungsabschlüsse im Vergleich
2.1.2 Überrepräsentation von Migrantenkindern an der Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen
2.1.3 Folgen für die weitere Bildungs- und Berufskarriere
2.2 Nationalitäten im Vergleich
2.3 Resümee
3. Erklärungsversuche
3.1 Sozio-ökonomische Faktoren
3.1.1 Regionale Verteilung
3.1.2 Erwerbssituation und finanzielle Lage
3.1.3 Wohnverhältnisse und Familiengröße
3.1.4 Benachteiligungen durch sozio-ökonomische Faktoren
3.2 Sozio-kulturelle Faktoren
3.2.1 Zum Kulturbegriff
3.2.2 Kulturelle Transformationen
3.2.3 Sprachliche Voraussetzungen
3.2.4 Religion
3.2.5 Benachteiligung durch sozio-kulturelle Faktoren
3.2.5.1 Schule und Zweisprachigkeit
3.2.5.2 Schule und Religion
3.2.5.3 Kulturelle Heterogenität im Schulsystem
3.3 Schulorganisatorische Faktoren
3.3.1 Institutionelle Diskriminierung
3.3.2 Vorschulische Erziehung
3.4 Rechtliche Faktoren
3.5 Resümee
4. Migranten türkischer Herkunft in der deutschen Gesellschaft
4.1 Migrationsgeschichtlicher Hintergrund
4.1.1 von Gastarbeitern über Ausländer zu Zuwanderern
4.1.2 Resümee
4.2 Stellung der 2. und 3. Generation türkischer Migranten in der deutschen Gesellschaft
4.2.1 Psychosoziale Situation und soziale Identität
4.2.2 Arbeiterstatus als Stigma
4.2.3 Berufliche Stellung
4.2.4 Wohnverhältnisse und Familiengröße
4.2.5 kulturelle Bindungen
4.2.6 Religion
4.2.7 Sprachgebrauch
4.2.8 Resümee
5. Migranten türkischer Herkunft im deutschen Schulsystem
5.1 Bildungserfolg von Migrantenkindern türkischer Herkunft
5.2 Einfluss bestimmter Sozialisationsbedingungen auf den Schulerfolg
5.2.1 Migrationsgeschichtlicher Hintergrund
5.2.2 Auswirkungen des Sprachgebrauchs auf den Schulerfolg
5.2.3 Bildungsniveau und berufliche Stellung
5.2.4 Auswirkungen der Wohnverhältnisse und Familiengröße auf den Schulerfolg
5.2.5 Traditionelle Erziehungsziele und Religion
5.3 Resümee
6. Perspektiven und Chancen für ein gerechtes deutsches Schulsystem
6.1 Umgang mit dem Fremden
6.2 Ressourcen des deutschen Bildungssystems
6.3 Defizite und mögliche Veränderungen
6.3.1 Förderung der Sprachkenntnisse
6.3.2 Religion als Brücke nutzen
6.3.3 Qualifikation des Personals
6.3.4 Alternativen zum mehrgliedrigen System – (un)möglich?
7. Schlusswort
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ursachen für die Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen nicht-deutscher Herkunft – mit einem besonderen Fokus auf Migranten türkischer Herkunft – im deutschen Bildungssystem. Ziel ist es, das komplexe Zusammenspiel sozio-ökonomischer, sozio-kultureller, schulorganisatorischer und rechtlicher Faktoren zu ergründen, die zu einer Chancenungleichheit führen, und Perspektiven für ein gerechteres Schulsystem aufzuzeigen.
1. Einleitung
Mein Berufsschullehrer war der Meinung, ich würd’ den Beruf nicht schaffen und auch nicht die Prüfung. Wozu aber gehe ich zur Schule? (…) Jedes Mal nach dem Unterricht, hat er alle rausgehen lassen, nur mit mir wollte er noch mal reden: ‚Das schaffen sie nicht, gucken sie mal ihre Arbeiten an, lauter Fünfen.’ (…) Er wollte, dass ich mir eine Arbeitsstelle suche und die Lehre nicht zu Ende mache. Er hat das schon mal mit einem Schüler gemacht, das war auch ein Türke. (…) Ich hab einen deutschen Kollegen gehabt, Detlef, der kein Wort Englisch konnte. Manchmal ist er gar nicht zum Unterricht gekommen. Dem hat er das nicht gesagt, aber mir. (Jugendlicher in: Tietze (2004: 127))
Die Bundesrepublik Deutschland ist seit ihrem Bestehen durch unterschiedlichste Formen der Migration gekennzeichnet: Die Flucht und Vertreibung der Nachkriegszeit, die Anwerbung von Arbeitsmigranten zwischen 1955 und 1973, Familienzusammenführungen von Arbeitsmigranten, die deutsch-deutsche Wanderung vor dem Bau und nach dem Fall der Berliner Mauer und der Zuzug von Aussiedlern und Asylbewerbern, bilden die wesentlichen Zuwanderungsbewegungen Deutschlands. (Motte/Ohlinger/Oswald (1999: 15))
Es lebten 2001 7,3 Millionen Menschen nicht-deutscher Staatsbürgerschaft in Deutschland. Dies entspricht 8,9 % der Gesamtbevölkerung. Die gesamte Gruppe der Migranten ist bei weitem eine noch viel größere, da unter diesem Begriff auch bereits eingebürgerte Zuwanderer der verschiedenen Einwanderergenerationen, Flüchtlinge, Asylbewerber und Spätaussiedler verstanden werden. Die Zahl an Menschen mit Migrationshintergrund wird derzeit auf 14 Millionen geschätzt. (vgl. Die Beauftragten der Bundesregierung (2005: 3)) „Jede fünfte Eheschließung ist heute binational, jedes vierte Neugeborene hat mindestens einen ausländischen Elternteil, jeder dritte Jugendliche in Westdeutschland hat einen Migrationshintergrund.“ (3)
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Migrationsgeschichte Deutschlands und verdeutlicht anhand eines Fallbeispiels die defizitäre Integrationserfahrung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Schulsystem.
2. Chancenungleichheiten im deutschen Bildungssystem: Das Kapitel belegt durch statistische Daten die herkunftsbezogene Selektivität des deutschen Schulsystems, insbesondere die Überrepräsentation von Migrantenkindern an Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen.
3. Erklärungsversuche: Hier werden die verschiedenen Ursachen für Bildungsbenachteiligungen systematisiert, wobei zwischen sozio-ökonomischen, sozio-kulturellen, schulorganisatorischen und rechtlichen Faktoren unterschieden wird.
4. Migranten türkischer Herkunft in der deutschen Gesellschaft: Dieses Kapitel widmet sich differenziert der größten Migrantengruppe in Deutschland, betrachtet deren Migrationsgeschichte und die Lebenssituation der zweiten und dritten Generation.
5. Migranten türkischer Herkunft im deutschen Schulsystem: Hier wird der spezifische Einfluss von Sozialisationsbedingungen auf den Schulerfolg dieser Gruppe analysiert, inklusive Sprachgebrauch, Wohnverhältnissen und dem Stellenwert von Religion.
6. Perspektiven und Chancen für ein gerechtes deutsches Schulsystem: Abschließend werden Forderungen für eine systemische Veränderung formuliert, darunter verbesserte Sprachförderung, interkulturelle Qualifikation des Personals und eine kritische Auseinandersetzung mit der Mehrgliedrigkeit des Schulwesens.
7. Schlusswort: Das Schlusswort betont, dass Bildungserfolg kein Produkt kultureller Eigenheiten ist, sondern stark von politischer Gestaltung und der Vermeidung institutioneller Diskriminierung abhängt.
Bildungsbenachteiligung, Migrationshintergrund, Chancengleichheit, Förderschule, Selektivität, Türkische Migranten, Integration, Sozio-ökonomische Faktoren, Sozio-kulturelle Faktoren, Mehrgliedriges Schulsystem, Identitätsbildung, Interkulturelle Pädagogik, Sprachgebrauch, Religion, Institutionelle Diskriminierung.
Die Arbeit befasst sich mit den Schwierigkeiten von Schülern mit Migrationshintergrund beim schulischen Lernen im deutschen Bildungssystem, unter besonderer Berücksichtigung sozio-kultureller Faktoren.
Zu den Kernbereichen gehören die Analyse von Chancenungleichheiten, sozio-ökonomische Erklärungsansätze, die Rolle von Kultur und Sprache sowie die institutionellen Rahmenbedingungen des deutschen Schulsystems.
Ziel ist es, die Komplexität der Bedingungsfaktoren für schulischen Misserfolg zu verdeutlichen und aufzuzeigen, dass dieser nicht einfach auf kulturelle Eigenheiten zurückzuführen ist, sondern durch systemische Faktoren verstärkt wird.
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung und Literaturanalyse, die verschiedene Studien (wie PISA, IGLU, SOEP) und Fachliteratur zur Bildungsforschung und Migration auswertet.
Der Hauptteil gliedert sich in eine allgemeine Analyse der Chancenungleichheiten, eine spezifische Betrachtung der türkischen Migrantenbevölkerung und einen ausführlichen Teil zu den Erklärungsversuchen für den Bildungsstand in deutschen Schulen.
Schlüsselbegriffe sind Migrationshintergrund, Bildungsbenachteiligung, Selektivität, Interkulturelle Pädagogik und institutionelle Diskriminierung.
Sie stellt die zahlenmäßig größte Migrantengruppe in Deutschland dar und dient der Arbeit als exemplarischer Fall, um die komplexen Faktoren der Bildungsbenachteiligung differenzierter und abseits von pauschalen Stereotypen zu untersuchen.
Die Religion wird hier als eine Ressource für Jugendliche gesehen, die zur Identitätsfindung und als Zuflucht bei Diskriminierungserfahrungen dienen kann; die Schule sollte den Islam als Brücke nutzen, statt ihn als Hindernis zu betrachten.
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