Bachelorarbeit, 2019
48 Seiten, Note: 1,0
1. Theoretischer Teil und Methodik der Analyse
2. Einleitung
3. Das Unfassbare in Worte fassen
3.1. Ausdruck des Unaussprechlichen
3.1.1. Das Unausgesprochene
3.1.2. Das Unaussprechliche
3.2. Die veränderte Perspektive – aus den Augen der Kinder
3.3. Überleben durch Spiel und Imagination
4. Fazit
Die Arbeit untersucht Ilse Aichingers Roman "Die größere Hoffnung" mithilfe eines rezeptions- und kognitionswissenschaftlichen Ansatzes der "cognitive poetics". Ziel ist es zu analysieren, wie durch eine kindliche Erzählperspektive und eine hochpoetische Sprachgestaltung das Unaussprechliche und Unfassbare der NS-Zeit für die LeserInnen erfahrbar gemacht wird, ohne dabei auf eine konventionelle, lineare Erzählweise zurückzugreifen.
3.1.1. Das Unausgesprochene
In Aichingers Roman stellen vor allem die unfassbaren Erfahrungen des Todes das Unausgesprochene dar. So wird Ellens gewaltsamer Tod durch eine Granate nicht als solcher genannt und auch der Selbstmord ihrer Großmutter wird nicht als Tod beschrieben. Statt dem Sterben der Großmutter werden durch die metaphorische Sprache Aichingers vielmehr ausdrucksstarke Vorstellungen vermittelt.
Die Nase der Großmutter trat spitz hervor, ihre Wangen fielen ein. Der Meister selbst tat die letzten Griffe und verwischte das Verwischende. Ellen riß die Augen auf, sie bewegte formend die Hände, als könnte sie der Dämmerung das Wort entreißen, das die Großmutter erweckte. Zum Sprung geduckt lag sie am Fußende des Bettes und verharrte in Stille, in dem Schweigen der Bereitschaft.
Das Hemd der Großmutter war zerrissen, die Decke abgeworfen. Mit ihren letzten Schatten ersetzte sie die Nacht. (DgH, S.183)
Die bildhafte Sprache verdeutlicht damit sowohl das Unausgesprochene als auch das Unfassbare der kindlichen Wahrnehmung. Zudem entstehen durch die fehlenden Beschreibungen der Geschehnisse außerhalb des kindlichen Wahrnehmungsrahmens sowie die Ort- und Zeitlosigkeit der Handlung viele Leerstellen im Text, die erst durch das kulturell historische Wissen der Rezipienten mit geschichtlichen Ereignissen in Verbindung gesetzt werden. Die evozierten Bilder und Assoziationen füllen somit die Informationslücken, die die kindliche Erzählperspektive hinterlässt. Auf diese Weise generiert der Roman bedeutende kognitiv-emotionale Effekte, denn die durch die textuellen Lücken hervorgerufenen Vorstellungen sind umso präsenter in der kognitiven Repräsentation des erzählten Geschehens sowie im individuellen Sinnbildungsprozess der Rezipienten.
1. Theoretischer Teil und Methodik der Analyse: Einführung in den rezeptions- und kognitionswissenschaftlichen Ansatz der "cognitive poetics" zur Analyse der poetischen Sprachgestaltung.
2. Einleitung: Vorstellung des Romans "Die größere Hoffnung" als literarisches Zeugnis der NS-Zeit aus der Perspektive kindlicher Verfolgter.
3. Das Unfassbare in Worte fassen: Untersuchung der Problematik, traumatisches Grauen mit konventioneller Sprache darzustellen, und wie Aichinger durch Poetisierung neue Bedeutungsrahmen schafft.
3.1. Ausdruck des Unaussprechlichen: Analyse der sprachlichen Strategien, mit denen das Unaussprechliche durch Konnotationen und Bilder (statt Fakten) vermittelt wird.
3.1.1. Das Unausgesprochene: Fokus auf die metaphorische Darstellung von Tod und Verlust, die den Leser zum "hilflosen Zeugen" macht.
3.1.2. Das Unaussprechliche: Diskussion, wie abstrakte Begriffe (z.B. "Polen") semantisch neu besetzt werden, um das Grauen als abstrakten, aber erfahrbaren Zustand zu fassen.
3.2. Die veränderte Perspektive – aus den Augen der Kinder: Analyse der kindlichen Erzählperspektive als Mittel, um die Wahrnehmung der Verfolgten zu fokussieren und Opfer-Rollen neu zu definieren.
3.3. Überleben durch Spiel und Imagination: Untersuchung der Bedeutung von Träumen, Phantasien und kindlichen Spielen als Schutzraum und Bewältigungsstrategie gegen die unbegreifliche Realität.
4. Fazit: Zusammenfassende Würdigung der Sprachkunst Aichingers als "sprachliche Grenzüberschreitung", die durch Verfremdung und Poetisierung eine tiefere Wahrheit über das Unfassbare erzeugt.
Ilse Aichinger, Die größere Hoffnung, Cognitive Poetics, Kognitive Literaturwissenschaft, NS-Zeit, Kindliche Perspektive, Trauma, Unaussprechlichkeit, Holocaust, Literaturanalyse, Sprachästhetik, Metaphorik, Rezeptionsprozesse, Sinnkonstitution, Erinnerungskultur
Die Arbeit analysiert Ilse Aichingers Roman "Die größere Hoffnung" hinsichtlich der Frage, wie die Autorin das Unaussprechliche des Holocaust durch eine spezifische, poetische Sprache und eine kindliche Erzählperspektive literarisch greifbar macht.
Die zentralen Themen umfassen die kognitive Wirkungsweise literarischer Texte, das Verhältnis von Sprache und Trauma, die Bedeutung der kindlichen Imagination sowie die ästhetische Gestaltung von Verfolgung und Angst.
Das Ziel ist aufzuzeigen, mit welchen sprachlichen Mitteln Aichinger das "Unausgesprochene" und das "Unaussprechliche" der nationalsozialistischen Ära darstellt, ohne in eine konventionelle, dokumentarische Erzählweise zu verfallen.
Die Analyse stützt sich auf den interdisziplinären Ansatz der "cognitive poetics" (kognitive Poetik) bzw. die Kognitive Literaturwissenschaft, um die Wirkung sprachlicher Ausdrucksformen auf die kognitiven Modelle der Rezipienten zu untersuchen.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des "Unfassbaren", die Analyse des Ausdrucks des Unaussprechlichen durch sprachliche Bilder, die Bedeutung des "Kinderblicks" als veränderte Erzählperspektive und die Rolle von Spiel und Imagination als Bewältigungsstrategien.
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Ilse Aichinger, Cognitive Poetics, Holocaust, Trauma, kindliche Erzählperspektive, Sprachästhetik und Poetisierung beschreiben.
Das Spiel ermöglicht den Kindern eine fließende Grenze zwischen Realität und Imagination. Dies dient dazu, das unbegreifliche Grauen der nationalsozialistischen Umwelt subjektiv zu verarbeiten und sich der passiven Opferrolle durch selbstbestimmtes Handeln in Spiel-Räumen zu entziehen.
Indem Aichinger auf historisch-faktische Bezeichnungen (wie spezifische Täterorganisationen) verzichtet und stattdessen stark konnotierte Bilder verwendet, wird der Leser gezwungen, den historischen Kontext durch eigenes Wissen aktiv zu erschließen, was eine intensivere, "erlebbare" Wirkung des Schreckens erzeugt.
Der Stern ist polyvalent: Während er historisch für Stigmatisierung und Ausgrenzung steht, wird er im Roman aus der kindlichen Perspektive als Zeichen der "größeren Hoffnung", der Zugehörigkeit und des Lichts in einer finsteren Zeit umgedeutet.
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