Masterarbeit, 2009
113 Seiten
Einleitung
Thema und Fragestellung
Theoretische Bezugspunkte
Zur Wahl des Forschungsfeldes
Literaturlage
Aufbau der Arbeit
Teil 1: Theoretischer und konzeptioneller Rahmen
1.1 Gedächtnis und Geschichte in der Sozialanthropologie
1.2 Das kollektive Gedächtnis nach Halbwachs
1.3 Das kommunikative und kulturelle Gedächtnis der Assmanns
1.4 Lieux de mémoire
1.5 Das Gedächtnis im Raum
1.6 Orte der Erinnerung als touristische Attraktionen
1.7 Erinnerungen und Diskurse
Teil 2: Forschungsprozess
2.1 Datenerhebung
2.2 Vom Feld zum Text
Teil 3: Forschungskontext
3.1 Das Neue Berlin
3.2 Die DDR im wiedervereinten Deutschland
3.3 Erinnerung und Propaganda vor 1989
Teil 4: Resultate
4.1 Die Vermarktung Berlins
4.2 Ein Überblick über die Berliner Erinnerungslandschaft
4.2.1 Kalter Krieg und geteilte Stadt
4.2.2 Der Stasi-Staat
4.2.3 Widerstand und Opposition
4.2.4 Der realsozialistische Alltag
4.2.5 Was fehlt?
4.3 Die Diskursgemeinschaften
4.3.1 Die Ankläger
4.3.2 Die Politiker
4.3.3 Die Pragmatiker
4.3.4 Die (N)Ostalgiker
4.5 Argumentationsmuster
4.5.1 Die Autorität der Produzenten
4.5.2 Die zwei deutschen Diktaturen
4.5.3 Die Wahl des Ortes
4.5.4 Auf der Suche nach Authentizität
Schlussdiskussion
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie im heutigen Berlin DDR-Geschichte in Museen, Gedenkstätten und im Stadtbild „produziert“ wird, wessen Geschichte erzählt wird und wie diese durch die Akteure legitimiert wird.
1.2 Das kollektive Gedächtnis nach Halbwachs
Einer der ersten, der sich mit dem Gedächtnis aus sozialwissenschaftlicher Sicht auseinandersetzte, war der Soziologie Maurice Halbwachs.4 Bereits in den 1920er Jahren untersuchte er die Bedeutung der gemeinsamen Erinnerung als Bindeglied von Gruppen und leitete daraus die Existenz eines Gruppengedächtnisses ab. Sein Konzept des kollektiven Gedächtnisses erlebte in den letzten Jahren ein bemerkenswertes Revival. Es sind drei Werke Halbwachs, die dabei immer wieder zitiert werden: Les cadres sociaux de la mémoire (1925, im Folgenden 1985), la topographie légendaire des évangiles en terre sainte (1941, im Folgenden 2003) sowie das erst posthum erschienene mémoire collective (1950, im Folgenden 1997).
Wie der Titel des erstgenannten Werks besagt, geht es ihm darum, auf die soziale Bedingtheit des Erinnerns hinzuweisen. Damit tritt er gegen „alle Gebietsansprüche des Biologismus und naturalistischen Psychologismus in den ‚Wissenschaften vom Menschen‘“ an (Egger 2003: 223). Im Anschluss an Durkheim und gegen die These von der Subsistenz der Erinnerung im Unbewussten versucht Halbwachs nachzuweisen, das der Mensch sich nur als Teil einer sozialen Gruppe erinnern kann.
Das individuelle Erinnern ist immer schon in einen sozialen Rahmen eingebettet und es gibt „kein mögliches Gedächtnis ausserhalb derjenigen Bezugsrahmen, deren sich die in der Gesellschaft lebenden Menschen bedienen, um ihre Erinnerungen zu fixieren und wiederzufinden“ (1985: 121). Wir erinnern uns nur, weil wir uns auf die Gedächtnisse unserer Mitmenschen stützen können.
Das bedeutet zum einen, dass uns viele Erinnerungen entgleiten, sobald wir nicht mehr unter den gleichen Menschen leben, mit denen wir diese Erinnerungen bzw. den sozialen Rahmen teilen (1985: 50). Zum anderen bedeutet dieser soziale Charakter des Erinnerns auch, dass wir uns an Ereignisse erinnern, die wir nicht selber erlebt, sondern von denen wir nur gehört oder gelesen haben (1997: 98). Je weiter in die Vergangenheit wir zurückgehen, desto begrenzter ist die Anzahl der Tatsachen, die in Erinnerung bleiben. Diese Tatsachen sind nicht willkürlich oder individuell, sondern sie resultieren „aus dem Umstand, dass das Gedächtnis der Menschen von den sie umgebenden Gruppen und den Ideen oder Bildern abhängt, für die diese Gruppen sich am meisten interessieren“ (1985: 195). Die sozialen Gruppen, an denen wir teilhaben, bestimmen, an was wir uns erinnern.
Teil 1: Theoretischer und konzeptioneller Rahmen: Einführung in die gedächtnistheoretischen Grundlagen, insbesondere der Arbeiten von Maurice Halbwachs sowie Jan und Aleida Assmann, und deren Anwendung auf räumlich verankerte Erinnerungsorte.
Teil 2: Forschungsprozess: Darstellung der methodischen Vorgehensweise bei der Datenerhebung in Berlin, einschliesslich der Nutzung von Interviews, Beobachtungen und schriftlichen Dokumenten.
Teil 3: Forschungskontext: Untersuchung des Wandels Berlins seit 1989 und der erinnerungspolitischen Landschaft im Deutschland vor und nach der Wiedervereinigung.
Teil 4: Resultate: Detaillierte Analyse und Interpretation der erhobenen Daten, gegliedert in die Vermarktung Berlins, die Erinnerungslandschaft, verschiedene Diskursgemeinschaften und deren Legitimationsstrategien.
DDR, Berlin, Erinnerungskultur, Kollektives Gedächtnis, Mauer, Stasi, Tourismus, Identität, Diskurs, Authentizität, Erinnerungsorte, Geschichtspolitik, DDR-Museum, Aufarbeitung, Soziale Konstruktion
Die Arbeit analysiert, wie in Berlin 20 Jahre nach dem Fall der Mauer DDR-Geschichte im Stadtbild und in der Erinnerungskultur durch verschiedene Akteure produziert, vermarktet und legitimiert wird.
Die zentralen Themen sind das kollektive Gedächtnis, der Prozess der Institutionalisierung von Geschichte, die Rolle des Tourismus bei der Gestaltung von Stadtimages sowie die Analyse konkurrierender Narrative über die DDR.
Die Arbeit untersucht, wessen Geschichte in Berlin erzählt wird, welche Akteure die Deutungshoheit über DDR-Erinnerungsorte besitzen und wie diese Akteure ihre Deutungen durch unterschiedliche Strategien legitimieren.
Es handelt sich um eine sozialanthropologische Feldforschung, die qualitative Interviews, teilnehmende Beobachtungen an Erinnerungsorten und die Analyse von Dokumenten wie Werbeprospekten kombiniert.
Die Arbeit unterscheidet vier Diskursgemeinschaften: die "Ankläger", die "Politiker", die "Pragmatiker" (kommerzielle Anbieter) und die "(N)Ostalgiker".
Der Tourismus fungiert als wesentlicher Treiber bei der Produktion von Bildern und Symbolen, wobei historische Orte oft als "authentische" Kulisse für die Vermarktung der Stadt dienen.
Viele Besucher suchen in Berlin ein "unmittelbares Erleben" der Geschichte. Die Authentizität wird hier oft durch den historischen Ort selbst oder durch die Glaubwürdigkeit der Produzenten (z.B. Zeitzeugen) legitimiert, auch wenn die historische Korrektheit teils hinter die emotionale Wirkung zurücktritt.
Das Image des "Neuen Berlins" als weltoffene Metropole des Wandels drängt die dunkleren Kapitel der DDR-Vergangenheit teilweise in den Hintergrund, sofern sie nicht als Alleinstellungsmerkmale für den Tourismus (wie die Mauer) genutzt werden können.
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