Diplomarbeit, 2005
94 Seiten, Note: 1,3
1. Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Gang der Untersuchung
2. Europarecht und nationales Steuerrecht
2.1 Anwendungsvorrang des EG-Rechts vor nationalem Recht
2.2 Das System der Grundfreiheiten des EG-Vertrages
2.2.1 Schutzbereich der Grundfreiheiten
2.2.1.1 Freizügigkeit der Arbeitnehmer
2.2.1.2 Niederlassungsfreiheit
2.2.1.3 Kapital- und Zahlungsverkehrsfreiheit
2.2.1.4 Freizügigkeit der Unionsbürger
2.2.2 Beeinträchtigung des Schutzbereichs
2.2.2.1 Diskriminierung
2.2.2.2 Beschränkung
2.2.3 Rechtfertigung der Beeinträchtigung
2.2.3.1 Wirksame steuerliche Kontrolle
2.2.3.2 Missbrauchsverhinderung
2.2.3.3 Kohärenz des nationalen Steuersystems
2.2.3.4 Nicht als Rechtfertigung anerkannte Gründe
2.2.3.5 Verhältnismäßigkeitsgrundsatz
2.3 Theoretische Implikationen der Grundfreiheiten für den nationalen Gesetzgeber
3. Die EuGH-Entscheidung „Lasteyrie du Saillant“ und ihre Folgen
3.1 Die Entscheidung des EuGH
3.1.1 Sachverhalt und Vorlagefrage
3.1.2 Entscheidungsbegründung
3.1.3 Vergleich der französischen mit der deutschen Regelung
3.2 Zentrale Normen des deutschen Ertragsteuerrechts im Lichte der Entscheidung
3.2.1 Wegzug natürlicher Personen (§ 6 AStG)
3.2.1.1 Schutzbereich der Grundfreiheiten
3.2.1.2 Beeinträchtigung des Schutzbereichs
3.2.1.3 Rechtfertigung der Beeinträchtigung
3.2.2 Wegzug von Kapitalgesellschaften (§ 12 KStG)
3.2.2.1 Schutzbereich der Grundfreiheiten
3.2.2.2 Beeinträchtigung des Schutzbereichs
3.2.2.3 Rechtfertigung der Beeinträchtigung
3.2.3 Entstrickungstatbestände des Umwandlungssteuerrechts
3.2.3.1 § 11 UmwStG
3.2.3.2 § 20 Abs. 3 UmwStG
3.2.3.3 § 21 Abs. 2 S. 1 Nr. 2 UmwStG
3.2.4 Entstrickungstatbestände des Einkommensteuerrechts
3.2.4.1 § 6 Abs. 5 EStG
3.2.4.2 §§ 6b Abs. 4 S. 1 Nr. 3, 6b Abs. 10 S. 4 EStG
3.2.4.3 § 16 Abs. 3 EStG
3.3 Handlungsbedarf für den Gesetzgeber
4. Wege aus dem europarechtlichen Dilemma
4.1 Prinzipielle Optionen für europarechtskonforme Entstrickungsnormen
4.1.1 Stundungskonzept
4.1.2 Neutralitätskonzept
4.1.3 Die Neuregelung in Österreich
4.2 Ansatz in Deutschland – Das BMF-Schreiben vom 8.6.2005
4.3 Kritische Beurteilung der Konzepte
5. Thesenförmige Zusammenfassung
Die Arbeit analysiert die Auswirkungen der durch den EuGH ausgelegten Grundfreiheiten auf das deutsche Steuerrecht, insbesondere im Kontext von Wegzugs- und Entstrickungstatbeständen. Dabei wird untersucht, inwieweit nationale Vorschriften mit europäischem Recht vereinbar sind und welche Handlungsoptionen für den Gesetzgeber bestehen, um europarechtskonforme Lösungen zu entwickeln.
3.1.1 Sachverhalt und Vorlagefrage
Der in Frankreich unbeschränkt Steuerpflichtige Hughes de Lasteyrie du Saillant löste 1998 seinen steuerlichen Wohnsitz in Frankreich auf, um einer selbständigen Tätigkeit in Belgien nachzugehen. Frankreich besteuerte anknüpfend an seinen Wegzug unter Anwendung von Art. 167bis CGI noch nicht realisierte Wertsteigerungen von Wertpapieren des Steuerpflichtigen. Hierin sah Frankreich eine Norm zur Vermeidung der Steuerflucht.
Lasteyrie du Saillant klagte daraufhin vor dem französischen Conseil d’État, das Dekret zur Einführung des Art. 167bis CGI für nichtig zu erklären, da er die Regelung und deren Steuerwirkungen für gemeinschaftsrechtswidrig hielt. Der Conseil d’État legte daraufhin dem EuGH im Rahmen eines Vorabentscheidungsverfahrens nach Art. 234 EGV sinngemäß die Frage vor, ob die Niederlassungsfreiheit des damaligen Art. 52 EGV der Regelung des Art. 167bis CGI entgegenstehe.
Die französische Regelung umfasste in ihren Grundzügen die 16-prozentige Besteuerung latenter Wertsteigerungen von Aktien, Gesellschaftsanteilen oder Genussscheinen bei einer Mindestbeteiligung an hieraus resultierenden Gewinnen von 25% durch den Steuerpflichtigen oder dessen engen Familienangehörigen bei Wohnsitzverlegung ins Ausland. Unter den genannten Bedingungen kam es also zu einer Besteuerung der seit der Anschaffung der Anteile gebildeten stillen Reserven bei Wegzug. Ebenfalls vorgesehen war die Möglichkeit eines auf Antrag zu gewährenden Zahlungsaufschubs unter den Voraussetzungen der Leistung von forderungsäquivalenten Sicherheiten, der Ernennung eines in Frankreich ansässigen Bevollmächtigten und der Feststellung der latenten Wertsteigerungen. Bei Nichtveräußerung der Anteile innerhalb von fünf Jahren nach dem Wegzug oder einer Rückverlegung des Wohnsitzes nach Frankreich sah Art. 167bis CGI einen vollständigen Erlass der Steuer vor.
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Kollision zwischen nationalem Steuerrecht und europäischen Grundfreiheiten sowie die wachsende Bedeutung der EuGH-Rechtsprechung für den deutschen Gesetzgeber.
2. Europarecht und nationales Steuerrecht: Dieses Kapitel erläutert den Anwendungsvorrang des EU-Rechts, das System der Grundfreiheiten und die Voraussetzungen für deren Einschränkung sowie Rechtfertigungsmöglichkeiten im Steuerrecht.
3. Die EuGH-Entscheidung „Lasteyrie du Saillant“ und ihre Folgen: Die Analyse des Urteils bildet die Basis, um die Vereinbarkeit spezifischer deutscher Ertragsteuerrechtsnormen mit dem Europarecht zu prüfen und Handlungsbedarf abzuleiten.
4. Wege aus dem europarechtlichen Dilemma: Hier werden Reformoptionen, insbesondere das Stundungs- und Neutralitätskonzept, sowie die österreichische Neuregelung als Vorbild für Deutschland kritisch bewertet.
5. Thesenförmige Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer knappen, thesenartigen Zusammenfassung der Ergebnisse und Handlungsempfehlungen für den Gesetzgeber.
Europarecht, Grundfreiheiten, Steuerrecht, Wegzugsbesteuerung, Lasteyrie du Saillant, EuGH, Niederlassungsfreiheit, Entstrickung, stille Reserven, Außensteuergesetz, Körperschaftsteuer, Einkommensteuer, Kohärenz, Verhältnismäßigkeit, Binnenmarkt
Die Arbeit untersucht die Auswirkungen der europäischen Grundfreiheiten auf das deutsche Ertragsteuerrecht, insbesondere mit Blick auf die Besteuerung stiller Reserven bei einem Wegzug ins Ausland.
Zentrale Themen sind das Verhältnis von europäischem Primärrecht zum nationalen Steuerrecht, die Auslegung der Grundfreiheiten durch den EuGH sowie die verfassungs- und europarechtliche Prüfung verschiedener deutscher Wegzugsbesteuerungsnormen.
Ziel ist die Analyse, wie die Vorgaben des EuGH – insbesondere aus dem Urteil "Lasteyrie du Saillant" – die deutsche Besteuerungspraxis beeinflussen und welche Gestaltungsoptionen für den Gesetzgeber zur Wahrung der Europarechtskonformität bestehen.
Die Arbeit basiert auf einer juristischen Analyse von Primär- und Sekundärrecht der EU, der Rechtsprechung des EuGH sowie einer kritischen Auswertung der fachspezifischen Literatur und einschlägiger deutscher Steuerrechtsnormen.
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung potenziell europarechtswidriger Normen wie § 6 AStG, § 12 KStG sowie diverser Entstrickungstatbestände des Umwandlungs- und Einkommensteuerrechts im Lichte der EuGH-Rechtsprechung.
Typische Schlagworte sind Europarechtswidrigkeit, Grundfreiheiten, Wegzugsbesteuerung, Stundungs- und Neutralitätskonzept sowie die Kohärenz des nationalen Steuersystems.
Da das deutsche Steuerrecht in vielen Bereichen (z.B. § 6 AStG) ähnliche Anknüpfungsmerkmale für die Besteuerung stiller Reserven beim Wegzug nutzt wie die im Urteil beanstandete französische Regelung, steht die Europarechtskonformität dieser Normen unter massivem Druck.
Der Autor diskutiert primär das Stundungskonzept, bei dem die Steuer erst bei tatsächlicher Veräußerung fällig wird, sowie das Neutralitätskonzept, welches auf die sofortige Besteuerung verzichtet, und verweist auf das österreichische Modell als Vorbild.
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