Magisterarbeit, 1990
118 Seiten
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Die vorliegende Arbeit untersucht das "Bild und die Darstellung des Judentums" im Werk Clemens Brentanos. Sie geht davon aus, dass Brentanos Darstellung des Judentums nicht isoliert, sondern in Beziehung zu anderen Themen, Motiven und seiner Biographie betrachtet werden muss. Es werden politische und soziale Aktivitäten, Freundschaften, Liebesbeziehungen und Selbstreflexion des Dichters in die Analyse einbezogen, um eine umfassende Interpretation zu ermöglichen und die Ambivalenz seiner Darstellungen zu erläutern.
Der Philister vor, in und nach der Geschichte
Der Grund für diese Diskrepanz liegt nicht etwa darin, daß vom gegenwärtigen Standpunkt aus die weitere Wirkung solcher und anderer romantischer judenfeindlicher Äußerungen überblickt werden kann; vielmehr ist er bereits in den Begriffen "Jude" und "Philister" selbst zu suchen. Die Worte "Philister" bzw. "Philiströs" sind Begriffe aus der Studentensprache, von den Romantikern in ihr spezifisches Vokabular übernommen, um sie als Summenformel aller Eigenschaften und Verhaltensweisen zu benutzen, die ihren ästhetischen und moralischen Idealen widersprachen. Es gibt also keine (z.B. zahlenmäßig) genau zu bestimmende Personengruppe, die diesem Begriff in der Wirklichkeit entspricht, wenngleich (so läßt sich zumindest vermuten) einzelne Vertreter des Typs "Philister" existieren. Wenn ein Mensch einen anderen als "Philister" bezeichnet, so ist damit keine objektive Wahrheit, sondern lediglich die Perspektive des Betrachters ausgedrückt.
Es liegt auf der Hand, daß es sich mit dem Begriff des "Juden" vollkommen anders verhält. Die Bezeichnung einer Person als "jüdisch" macht eine faktische Aussage über deren Religions- und Volkszugehörigkeit, und selbstverständlich hatten auch die Mitglieder der "Tischgesellschaft" den Ghettojuden oder den begüterten Handelsjuden ihrer Zeit vor Augen, wenn Brentano vom "Juden" sprach. Aus diesem Grunde ist es ein entscheidender Unterschied, ob "Philister" oder ob "Juden" attackiert werden. Verwirrung stellt sich allerdings ein, wenn man unter den "Sätzen, die verteidigt werden können" (963) den zweiten Satz genauer analysiert: "Was hier als jüdisch aufgeführt wird, ist nur, was jeder Jude um alles in der Welt gern los würde, außer ums Geld, und was ein edler Jude selbst an unedlen Christen verachtet".
Abgesehen davon, daß mit den Worten "um alles in der Welt außer ums Geld" das Stereotyp des Juden als eines Geizhalses und Schacherers strapaziert wird und daß die Figur des "Edlen Juden" durch die Kontrastierung mit der Neuschöpfung des "Unedlen Christen" mit einem ironischen Seitenhieb versehen wird (und mit ihr das Drama der Aufklärung), macht Brentano hier eine eigentümliche Aussage: "Was hier als jüdisch aufgeführt wird, ist nur, ... was ein edler Jude selbst an unedlen Christen verachtet". Mit anderen Worten: Das Adjektiv "jüdisch" wird als Synonym für alles Unedle, Minderwertige benutzt, wobei gleichgültig ist, ob es sich auf Eigenschaften und Handlungen eines Juden oder eines Christen bezieht. Im Sinne der vorangegangenen Betrachtung hätten die Bilder vom Juden und vom Philister dann doch wiederum vergleichbare Funktionen. Daß Brentano mit diesem Satz tatsächlich eine deutliche Unterscheidung des Gebrauchs von "jüdisch" im gewohnten Sinne gegenüber dem Gebrauch innerhalb seiner individuellen Definition machen wollte, muß aber bezweifelt werden. Zu Konfus und widersprüchlich sind die "Sätze, die verteidigt werden können" dazu insgesamt; sie waren wohl auch nicht im Hinblick auf Logik und Folgerichtigkeit konzipiert, worauf Gustav Kars verwiesen hat: "Dem Juden wird Streben nach "Veredelung" zugestanden, welchem aber durch seine Geldgier Grenzen gesetzt sind. Wer diesem Streben seinen Vorteil opfert, ist für den Philister ein Ekel, für den Juden aber ein Ekel, das heißt, etwas seinem unnütten Wesen Wider-sprechendes. Wer aber das Unedle "loswerden" möchte, kann das Streben nach dem Edlen nicht als "Ekel" empfinden"6
Kapitel 1 (Einführung): Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die Forschungslandschaft zum Thema Antijudaismus und Preußischer Judenemanzipation und stellt die Forschungsfrage sowie die methodische Herangehensweise der Arbeit vor, die Brentanos Texte im literarischen und biographischen Kontext untersucht.
Kapitel 2 (Vereinzelte Angriffe auf Juden und Judentum im Frühwerk Clemens Brentanos): Hier werden frühe judenfeindliche Tendenzen in Brentanos Werk analysiert, insbesondere die Verknüpfung der Darstellung von Juden mit dem Mythos der unheilbringenden Frau in Texten wie "Treulieb" und "Aloys und Imelde".
Kapitel 3 (Offener Antijudaismus im Werke Clemens Brentanos zwischen 1811 und 1820): Dieses Kapitel beleuchtet den explizit politisch und wirtschaftlich motivierten Antijudaismus in Brentanos zeitkritischen Texten dieser Periode, wobei die Unterscheidung zwischen dem "Philister" und dem "Juden" sowie das Judentum als "Surrogat des Geheimnisvollen" thematisiert werden.
Kapitel 4 ("Da kamen die falschen Juden gegangen...": Latenter Antijudaismus im religiösen Spätwerk Clemens Brentanos): Untersucht den latenten Antijudaismus in Brentanos späterem religiösen Werk, insbesondere in den "Gockelmärchen" und "Das bittere Leiden unsers Herrn Jesu Christi", wo das Judenbild oft mit dem Gottes- und Christusmordmotiv verknüpft wird.
Kapitel 5 ("Denn nichts werfe ich euch vor als meine eigne Schuld": Brentanos Selbstdarstellung im Bilde des Ewigen Juden): Dieses Kapitel analysiert Brentanos Selbstdarstellung im Kontext des Motivs des "Ewigen Juden" und untersucht, wie seine persönlichen Erfahrungen und psychologischen Dispositionen das Judenbild in seinem Werk beeinflussten.
Clemens Brentano, Judentum, Antijudaismus, Romantik, Frühwerk, Spätwerk, Judenbild, Philister, Treulieb, Ewiger Jude, Selbstreflexion, Literaturanalyse, Christlich-Deutsche Tischgesellschaft, Emanzipation, Mythos.
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse des Bildes und der Darstellung des Judentums im literarischen Werk von Clemens Brentano, von seinem Frühwerk bis zum religiösen Spätwerk.
Zentrale Themenfelder sind der Antijudaismus in Brentanos Schriften, die Verknüpfung des Judenbildes mit mythologischen Frauenfiguren, das Judentum als "Surrogat des Geheimnisvollen" und die Selbstdarstellung des Autors im Kontext des "Ewigen Juden".
Das primäre Ziel ist es, die Darstellung des Judentums in Brentanos Werk nicht isoliert zu betrachten, sondern in einem umfassenden Kontext seiner anderen Themen und Motive sowie seiner persönlichen Biographie zu analysieren.
Die Arbeit verwendet eine literaturwissenschaftliche Analysemethode, die textimmanente Interpretationen mit dem Vergleich außerliterarischer Äußerungen und Aktivitäten des Dichters verbindet.
Der Hauptteil behandelt chronologisch die Entwicklung des Judenbildes in Brentanos Frühwerk, seine explizit antijudaistischen Texte aus der Zeit um 1811-1820, den latenten Antijudaismus im religiösen Spätwerk und Brentanos Selbstdarstellung im Bilde des Ewigen Juden.
Schlüsselwörter sind Clemens Brentano, Judentum, Antijudaismus, Romantik, Frühwerk, Spätwerk, Judenbild, Philister, Treulieb, Ewiger Jude, Selbstreflexion, Literaturanalyse, Christlich-Deutscher Tischgesellschaft, Emanzipation.
Die Arbeit erklärt, dass "Philister" ein von Romantikern übernommener Begriff aus der Studentensprache ist, der ästhetischen und moralischen Idealen widersprechende Eigenschaften zusammenfasst und subjektiv ist. Im Gegensatz dazu bezieht sich "Jude" auf eine faktische Religions- und Volkszugehörigkeit und war für Brentano stets mit konkreten Stereotypen verbunden.
Die Arbeit argumentiert, dass Brentanos persönliche Erfahrungen, politische und soziale Aktivitäten, Freundschaften und Liebesbeziehungen sowie seine Selbstreflexion untrennbar mit der Darstellung des Judentums in seinem Werk verbunden sind und diese maßgeblich beeinflussten.
Die Arbeit zeigt auf, dass Brentano in seinem Frühwerk das Judenbild mit dem Mythos der unheilbringenden Frau verknüpft, wobei Motive wie Anziehung und Ablehnung, Identifikationsversuch und Hass, sowie Täuschung und Verrat eine zentrale Rolle spielen.
Die Arbeit hebt hervor, dass Brentano als Mitglied der "Christlich-Deutschen Tischgesellschaft" in der Zeit um 1811-1820 einen politisch motivierten Antijudaismus vertrat, der die Assimilation ablehnte und Juden aus nationalen und anti-aufklärerischen Gründen ausgrenzte.
Der GRIN Verlag hat sich seit 1998 auf die Veröffentlichung akademischer eBooks und Bücher spezialisiert. Der GRIN Verlag steht damit als erstes Unternehmen für User Generated Quality Content. Die Verlagsseiten GRIN.com, Hausarbeiten.de und Diplomarbeiten24 bieten für Hochschullehrer, Absolventen und Studenten die ideale Plattform, wissenschaftliche Texte wie Hausarbeiten, Referate, Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Dissertationen und wissenschaftliche Aufsätze einem breiten Publikum zu präsentieren.
Kostenfreie Veröffentlichung: Hausarbeit, Bachelorarbeit, Diplomarbeit, Dissertation, Masterarbeit, Interpretation oder Referat jetzt veröffentlichen!

