Examensarbeit, 2005
127 Seiten, Note: 1
1. Einleitung
1.1 Motivation
1.2 Der Aufbau dieser Arbeit
2. Ideologische Grundlagen des DDR-Geschichtsunterrichts
2.1 Der Marxismus-Leninismus
2.1.1 Theorie
2.1.2 Praktische Umsetzung
2.2 Der historische Materialismus
2.2.1 Theorie
2.2.2 Praktische Umsetzung
3. Geschichtsmethodik in der DDR
3.1 Ziele
3.2 Anforderungen an die Geschichtslehrer
3.3 Inhalte
3.4 Methoden
4. Die Geschichtserzählung
4.1 Allgemeines
4.2 Postulate der DDR-Geschichtsmethodik an eine Lehrererzählung
4.2.1 Wissenschaftlichkeit und ideologische Klarheit
4.2.2 Realismus, Einfachheit, Anschaulichkeit und Lebendigkeit
4.2.3 Erzieherischer Wert
4.3 Problem des Verfassens einer Erzählung
5. Biographie Herbert Mühlstädts
6. „Der Geschichtslehrer erzählt“
6.1 Entstehung
6.2 Zielsetzung
6.3 Inhalte
6.3.1 Band I
6.3.2 Band II
6.3.3 Band III
6.3.4 Ergänzungsband
6.3.5 Zusammenfassung
6.4 Vorbemerkungen
6.5 Auswertungsmöglichkeiten
6.5.1 Band I
6.5.2 Band II und III
6.5.3 Ergänzungsband
6.6 Grundlagen
6.7 Erzählerische Besonderheiten
6.7.1 Erzähler
6.7.2 Zeitfaktor
6.7.3 Ortsfaktor
6.7.4 Handlung
6.8 Umsetzung in den Unterrichtshilfen
7. Personalisierung und Personifizierung
7.1 Personalisierung
7.1.1 Allgemeines
7.1.2 Vertreter der Progression
7.1.3 Vertreter der Reaktion
7.2 Personifizierung
7.2.1 Allgemeines
7.2.2 Namensgebung
7.2.3 Vertreter der Progression
7.2.4 Vertreter der Reaktion
7.3 Fazit
8. Hans Ebelings „Deutsche Geschichte“ als Vorlage?
9. Mühlstädts Forderung nach Wissenschaftlichkeit
10. Widerspiegelung des Wandels des Luther-Bildes in der DDR bei Mühlstädt?
10.1 Ablehnung Luthers bis in die frühen 60er Jahre
10.2 Das Konzept der „frühbürgerlichen Revolution“ der 60er Jahre
10.3 Die Luther-Ehrung 1983
10.4 Fazit
11. „Der Geschichtslehrer erzählt“ – Neue Fassung
11.1 Entstehung
11.2 Inhalte
11.3 Aufbau
11.4 Differenziertere Personenbetrachtung
11.5 Vergleich
11.6 Die Neuauflage von 1991
12. Das Fortleben von Mühlstädts Werk
12.1 Bernd Hildenbrand, Erzählte Geschichte(n)
12.2 Eckhard Jander, Geschichten zur Geschichte
13. Didaktische Überlegungen: Mühlstädt im heutigen Geschichtsunterricht?
13.1 Was spricht für Mühlstädt?
13.2 Was spricht gegen Mühlstädt?
13.3 Didaktische Konsequenzen
13.3.1 Theoretische Überlegungen
13.3.2 Praktische Umsetzung
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die didaktische und literarische Gestaltung der „Geschichtserzählung“ im Geschichtsunterricht der DDR am konkreten Beispiel des mehrbändigen Werkes „Der Geschichtslehrer erzählt“ von Herbert Mühlstädt. Ziel ist es, die ideologische Ausrichtung dieser Erzählungen, ihre methodische Einbettung in das totalitäre Erziehungssystem sowie deren Rezeptionsgeschichte kritisch zu analysieren und didaktisch auf ihre heutige Anwendbarkeit zu prüfen.
4.1 Allgemeines
Die Geschichtserzählung beabsichtigt die Darstellung eines Sachverhaltes zum Zwecke der Wissensvermittlung. Die zentralen Ziele sind Fremdverstehen, Perspektivenübernahme und Anteilnahme. Ein geschlossener Handlungsablauf in linearer zeitlicher Ordnung, ausschmückende Details, Individualisierung und Personifizierung sind Hauptmerkmale der Erzählung. Im Vordergrund stehen handelnde und leidende Personen. Die Erzählung dient der Aufgabe, geschichtliche Vorgänge von den Schülern nacherleben zu lassen. Ihr wird also deutlich eine emotionale Zielsetzung zugeordnet.
In der didaktischen Literatur wird die Erzählung als eine mögliche Ausformung des Lehrervortrags zu den Aktionsformen des Lehrers gerechnet. Bei der Erzählung, so Aschersleben, „geht es um die Darstellung eines zeitlichen Nacheinanders, das Subjektivität [...] und affektives Beteiligtsein des Vortragenden gestattet und unter besonderen Gesichtspunkten sogar erfordert“. Max Rösner beschreibt die Geschichtserzählung als Geschenk, das von den Schülern nicht verlangt, in abfragbares Wissen umgesetzt zu werden. Sie stellt eine emotionale Form des Lehrervortrages dar, die durch sich selbst wirken soll.
Die Besonderheit der Lehrererzählung liegt also in der starken gefühlserregenden Wirkung, die darauf beruht, dass der Sachverhalt in Form einer Handlung dargestellt wird, die in einem dramatisch-bewegten Aufbau zur Klärung führt. In einer Erzählung erlebt man das Schicksal der handelnden Personen nach, empfindet mit ihnen und gelangt über das Gefühl zu einer bestimmten, vom Dichter beabsichtigten Erkenntnis der Realität und einer bestimmten Einstellung zu ihr.
Was die Erzählung vom Bericht und von der Schilderung abgrenzt, ist das Vorhanden-sein eines Erzählers, der nicht mit dem Autor identisch zu sein braucht. Durch dessen Perspektive werden die dargestellten Sachverhalte geordnet, kommentiert und bewertet. Genau hier liegt aber die Gefahr der Geschichtserzählung: es werden Werte nacherlebt, mit denen die Schüler manipuliert und indoktriniert werden können. Der Erzähler gibt seinem Text eine sinnstiftende Ausgestaltung, welcher Wertkonzepte zu Grunde liegen, die oft von einer Ideologie abgeleitet sind.
1. Einleitung: Diese Einleitung motiviert die Untersuchung und legt den strukturellen Aufbau der Analyse über die Rolle der Geschichtserzählung in der DDR fest.
2. Ideologische Grundlagen des DDR-Geschichtsunterrichts: In diesem Kapitel werden die theoretischen Fundamente des Unterrichts, der Marxismus-Leninismus und der historische Materialismus, als staatliche Vorgaben detailliert dargelegt.
3. Geschichtsmethodik in der DDR: Das Kapitel erläutert die Ziele, Anforderungen an die Lehrer und die stark durch Frontalunterricht geprägten Lehrmethoden im SED-Staat.
4. Die Geschichtserzählung: Hier werden die methodischen Anforderungen an Lehrererzählungen sowie der erzieherische Wert, den die DDR-Didaktik diesem Format zumaß, kritisch beleuchtet.
5. Biographie Herbert Mühlstädts: Dieses Kapitel zeichnet den Lebensweg und die ideologische Prägung von Herbert Mühlstädt nach.
6. „Der Geschichtslehrer erzählt“: Dies ist eine detaillierte Untersuchung der Bände, ihrer Entstehung, Zielsetzung und der erzählerischen Besonderheiten wie Personalisierung und Personifizierung.
7. Personalisierung und Personifizierung: Das Kapitel analysiert, wie Mühlstädt historische Akteure und das Schicksal der Massen nutzte, um politische und ideologische Ziele zu transportieren.
8. Hans Ebelings „Deutsche Geschichte“ als Vorlage?: Hier wird der Frage nachgegangen, ob westdeutsche Lehrmaterialien als Vorbild für Mühlstädts Arbeit dienten, was die Analyse jedoch weitgehend verneint.
9. Mühlstädts Forderung nach Wissenschaftlichkeit: Anhand von Prozessberichten zu Rosa Luxemburg wird die tatsächliche quellengetreue Arbeitsweise Mühlstädts überprüft.
10. Widerspiegelung des Wandels des Luther-Bildes in der DDR bei Mühlstädt?: Das Kapitel untersucht, wie sich die wechselnde staatliche Bewertung Martin Luthers in den verschiedenen Auflagen von Mühlstädts Werk widerspiegelt.
11. „Der Geschichtslehrer erzählt“ – Neue Fassung: Eine Analyse der in den 80er Jahren erfolgten Überarbeitungen und der späteren Neuauflage von 1991 vor dem Hintergrund der DDR-Bildungspolitik.
12. Das Fortleben von Mühlstädts Werk: Das Kapitel betrachtet die Rezeption von Mühlstädts Arbeit in späteren Nachfolgewerken und diskutiert Plagiatsvorwürfe.
13. Didaktische Überlegungen: Mühlstädt im heutigen Geschichtsunterricht?: Abschließend wird erörtert, ob und in welcher Weise Mühlstädts Erzählungen als Medium im modernen Geschichtsunterricht sinnvoll eingesetzt werden können.
DDR-Geschichtsdidaktik, Herbert Mühlstädt, Geschichtserzählung, Lehrererzählung, Marxismus-Leninismus, historischer Materialismus, Indoktrination, Personalisierung, Personifizierung, Luther-Bild, Geschichtsschreibung, Lehrmethodik, Schulbuchgeschichte, DDR, SED-Ideologie
Die Arbeit analysiert die didaktische Konzeption und ideologische Funktion von Geschichtserzählungen in der DDR am Beispiel des Werkes „Der Geschichtslehrer erzählt“ von Herbert Mühlstädt.
Zentrale Themen sind die ideologischen Fundamente (Marxismus-Leninismus), die spezifische Methodik der Lehrererzählung in der DDR, die Personalisierung und Personifizierung von Geschichte sowie der Umgang mit sich ändernden historischen Interpretationen, etwa beim Luther-Bild.
Ziel ist die kritische Evaluation, inwieweit Mühlstädts Erzählungen zur Indoktrination und politischen Manipulation eingesetzt wurden, während gleichzeitig ihr Anspruch auf didaktische Anschaulichkeit und ihre Eignung für den heutigen Geschichtsunterricht bewertet wird.
Die Autorin kombiniert eine kritische Textanalyse der Erzählungen und Vorbemerkungen mit einer Untersuchung von Lehrplänen, Unterrichtshilfen und der fachwissenschaftlichen Sekundärliteratur zur DDR-Geschichtsdidaktik.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Mühlstädts Werk (Biografie, Aufbau, methodische Besonderheiten), einen Vergleich mit zeitgenössischen Autoren und eine detaillierte Fallstudie zum Wandel des Luther-Bildes in den verschiedenen Fassungen von Mühlstädts Werk.
Die zentralen Begriffe sind Geschichtsdidaktik, Indoktrination, Parteilichkeit, Klassenkampf, Personalisierung, historische Narrative und die Instrumentalisierung von Geschichte in der DDR.
Die Analyse zeigt, dass Mühlstädt das Luther-Bild kontinuierlich an den sich wandelnden offiziellen Kurs der SED-Historiografie anpasste, wobei Luther anfangs negativ und später, im Zuge der „frühbürgerlichen Revolution“-These, als progressiver Akteur dargestellt wurde.
Die Autorin sieht in Mühlstädts Erzählungen ein Mittel, um bei Schülern Interesse und emotionale Anteilnahme zu wecken, warnt jedoch vor der notwendigen kritischen Distanz, da die Texte durch ihre suggestive Art manipulativ wirken können.
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