Diplomarbeit, 2004
116 Seiten, Note: Sehr gut
Fragestellung und Herangehensweise
1 Gasché: “A system beyond being”
1.1 Reflexivität ohne Ursprung
1.2 Heterologie
1.3 Infrastrukturen
2 Habermas: Der philosophische Diskurs der Moderne
2.1 Die Unaufhebbarkeit der Rationalität
2.2 Die poststrukturalistische Literaturkritik
2.3 Derridas ästhetischer Kontextualismus
3 Rorty: Pragmatismus und Dekonstruktion
3.1 Kontextualisierung
3.1.1 Gemeinsame Ausgangsposition
3.1.2 Rortys Einwände gegen die Dekonstruktion: Die Sprache als Quasi-Subjekt
3.2 Derrida und seine amerikanischen Bewunderer
3.2.1 Culler: Die Praxis der Dekonstruktion in der Literaturwissenschaft
3.2.2 Rortys Kritik an Gasché
3.3 Liberale und Ironiker – Derrida und Habermas
3.4 Die Dekonstruktion als privates Projekt
3.4.1 Private Autonomie und öffentliche Problemlösungsarbeit
3.4.2 Derrida I und Derrida II
3.5 Rorty über Derridas Autobiographie
4 Bemerkungen zu Gasché, Habermas und Rorty
4.1 Die Quasi-Transzendentalität der Dekonstruktion (Derrida und Gasché)
4.1.1 Die Unverzichtbarkeit der transzendentalen Frage
4.1.2 Einwände und eigene Bemerkungen zu Gasché
4.2 Die Dekonstruktion der Gattungsgrenzen (Derrida und Habermas)
4.2.1 Philosophie und Literatur
4.2.2 Einwände und eigene Bemerkungen zu Habermas
4.3 Singularität und Dekonstruktion (Derrida und Rorty)
4.3.1 Dekonstruktion und Pragmatismus
4.3.2 Einwände und eigene Bemerkungen zu Rorty
5 Ethik und Politik der Dekonstruktion
5.1 Falsche Lektüren
5.2 Zum quasitranszendentalen Status der „magic words“
5.3 Der Diskurs über den Parasiten
5.4 Die Bestimmung des Kontexts als politischer Akt
5.5 Radikale Alterität als ethisches Motiv
6 Cavell: A Pitch of Philosophy
6.1 Die Verteidigung der Philosophie der gewöhnlichen Sprache
6.2 Die Unterdrückung der Stimme durch den Skeptizismus
6.3 Die Autobiographie als möglicher Ort der Philosophie
6.4 Cavell und Derrida
7 Die Dekonstruktion der Autobiographie: Circumfession
7.1 Autobiographie als Strategie der Dekonstruktion
7.2 Autobiographie und Erinnerung
7.3 Autobiographie und Entfremdung
7.4 Autobiographie und das Warten auf den Anderen
7.5 Autobiographie als nicht-privates Philosophieren
Zusammenfassung und abschließende Bemerkungen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die Dekonstruktion nach Jacques Derrida im Kontext philosophischer und politischer Debatten. Ziel ist es zu klären, inwiefern Dekonstruktion als Grundlage für ethische und politische Analysen dienen kann, welche Bedeutung ihr in Bezug auf den klassischen Philosophiebegriff zukommt und welche Rolle autobiographisches Schreiben bei der Artikulation ihrer Implikationen spielt.
1.2 Heterologie
Die Heterologie als Wissenschaft vom Diskurs über die Alterität ist ein Versuch, dem Paradigma der Aneignung in der Metaphysik etwas entgegenzusetzen, das mehr ist als deren bloße Umkehrung bzw. Negierung. Die Alterität ist in diesem Sinne kein positives Anderes, das gegeben wäre und dessen Rätsel ein für allemal gelöst werden könnte. Nicht weil es unbeschreibbar („ineffable“, TM 101) ist, sondern aufgrund von Strukturen, die es immer zu etwas anderem als es selbst machen. Die Metaphysik hatte ihr jeweiliges Anderes immer zu „ihrem“ Anderen gemacht: Im Vorwort zu den Positionen schreibt Peter Engelmann in diesem Sinne: „Die Dialektik der bestimmten Negation begreift das Andere als das jeweils Andere des Begriffs, der auf diese Weise kein Anderes mehr gelten läßt, das nicht Anderes seiner selbst wäre.“ (P 1414) Für Derrida sei, so schreibt er weiter, die Setzung des Anderen mehr als die bloße Setzung des Anderen seiner selbst, es ist die „Setzung auch als Einschreibung dessen, was nicht ‚gesetzt’ werden kann“ (P 19).
Gasché bezeichnet die Dekonstruktion als „Methode“ der Heterologie. Die Anführungsstriche weisen darauf hin, dass es sich bei der Dekonstruktion nicht um eine Methode im traditionellen Sinn handelt – schließlich dekonstruiert sie auch das Konzept „Methode“. Sie ahmt also die Operation des Begründens nur nach (vgl. TM 154f.), da sie zwar eine Begründung letzten Endes für unmöglich hält, aber dennoch nicht für die völlige Aufgabe von Begründungsversuchen argumentiert. „Although a deconstruction of method, deconstruction is not a nonmethod, an invitation to wild and private lucubrations.” (TM 123) Der Dekonstruktion eignet Systematizität, “it represents a procedure all of whose movements intertwine to form a coherent theoretical configuration.” (ebd.)
1 Gasché: “A system beyond being”: Stellt Rodolphe Gaschés philosophische Rezeption der Dekonstruktion vor, die Derrida als Philosophen und nicht als Literaturkritiker betrachtet.
2 Habermas: Der philosophische Diskurs der Moderne: Analysiert Habermas’ Kritik an der Dekonstruktion, die er als Angriff auf die Rationalität und als Stütze poststrukturalistischer Literaturkritik sieht.
3 Rorty: Pragmatismus und Dekonstruktion: Diskutiert Richard Rortys Auseinandersetzung mit der Dekonstruktion, insbesondere die Differenz zwischen deren öffentlicher Relevanz und ihrem Nutzen als privates Projekt.
4 Bemerkungen zu Gasché, Habermas und Rorty: Stellt die Positionen von Derrida den kritischen Einwänden gegenüber, mit Fokus auf quasi-transzendentales Fragen und die Beziehung zur Literatur.
5 Ethik und Politik der Dekonstruktion: Untersucht die ethischen und politischen Implikationen der Dekonstruktion, insbesondere die Analyse des Parasitären und die Bedeutung der Alterität.
6 Cavell: A Pitch of Philosophy: Behandelt Stanley Cavells Ansatz, die Autobiographie als legitimen Ort des Philosophierens und als Mittel gegen den Skeptizismus zu etablieren.
7 Die Dekonstruktion der Autobiographie: Circumfession: Analysiert Derridas *Circumfession* als autobiographische Strategie der Dekonstruktion und Ausdruck ethischer Verantwortung.
Dekonstruktion, Jacques Derrida, Rodolphe Gasché, Jürgen Habermas, Richard Rorty, Stanley Cavell, Alterität, Singularität, Autobiographie, Ethik, Politik, Rationalität, Différance, Literaturkritik, Philosophie
Die Diplomarbeit widmet sich einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Denken Jacques Derridas und untersucht, inwieweit die Dekonstruktion ethische und politische Fragestellungen aufgreifen kann.
Die Arbeit fokussiert auf das Verhältnis von Dekonstruktion zu Philosophie und Literatur, das ironische versus liberale Denken, die Bedeutung von Singularität und Alterität sowie die Rolle der Autobiographie im philosophischen Diskurs.
Das Hauptziel ist es, die "Privatisierung" der Dekonstruktion durch Denker wie Richard Rorty zu hinterfragen und ihr Potenzial für ethische und politische Analysen unter Rückgriff auf Derridas eigene Texte und autobiographische Ansätze aufzuzeigen.
Es wird keine rein dekonstruktive Methode angewandt, sondern eine kritische Analyse und ein systematischer Vergleich der Positionen ausgewählter Philosophen (Gasché, Habermas, Rorty, Cavell, Caputo) zu den Texten von Derrida.
Der Hauptteil gliedert sich in drei Abschnitte: Die Auseinandersetzung mit den Kritikern Derridas, die Untersuchung der Ethik und Politik der Dekonstruktion sowie die Analyse der Bedeutung autobiographischen Schreibens in diesem Kontext.
Wichtige Begriffe sind Dekonstruktion, Singularität, Alterität, ethische Verantwortung, Kontextualismus und die Autobiographie als nicht-privates Philosophieren.
Für Derrida ist die Anerkennung der irreduziblen Andersheit des Anderen der Ausgangspunkt jeder Ethik. Die Dekonstruktion bewahrt diese Alterität davor, durch allgemeine Konzepte oder Totalisierungen angeeignet zu werden.
Sie dient Derrida nicht als bloßer Rückzug ins Private, sondern als ein Weg, die Unmöglichkeit der Identitätsbildung und die Kontamination des Transzendentalen durch das Empirische sowie die eigene Betroffenheit durch Ausschließungen explizit zu thematisieren.
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