Magisterarbeit, 1999
101 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Die Systemtheorie der Gesellschaft
2.1 Kosmos oder Phrase – der Romananfang und die Begriffe Selektion, Komplexitätsreduktion und Kontingenz
2.1 Die Differenz von System und Umwelt und der Wirklichkeitsbegriff der Systemtheorie
2.3 Soziale Systeme als sinnverarbeitende Kommunikationssysteme
2.4 Gesellschaftliche Evolution als Prozeß der Verselbständigung der Kommunikation und Umstellung der Differenzierungsform
2.5 Der Verlust der gesellschaftlichen Einheit
2.6 Polykontexturale Gesellschaft und Veränderung der Semantik
2.7 Individuum und moderne Gesellschaft
2.8 Unfall oder Fall – polykontexturale Realitätskonstruktion und die ‚wilde’ Kontingenz des Gefühls am Ende des ersten Kapitels des Romans
3. Gesellschaftsbeschreibung im Romankontext
3.1 Der Roman im Spiegel der Wirkungsabsichten Robert Musils
3.1.1 Das „geistig Typische“ und der „unmaßgebliche Mensch“
3.1.2 „Bildungsroman einer Idee“ – das nicht ratioide Gebiet als utopischer Gegenpol der Beschreibungen der modernen Gesellschaft im Roman
3.2 Die multiperspektivische Erzählweise als Ausdruck der Problematik der modernen Existenz
3.3 Hintergrund und Vordergrund – Orte der Gesellschaftsbeschreibung im Romangefüge
4. Komplexität, funktionale Differenzierung, Evolution, Kontingenz – Brüchige Semantik als diffuser Hintergrund des Romans
4.1 Der „diffuse Hintergrund“ des Romans
4.2 Die Auflösung der einheitlichen Semantik
4.2.1 Vervielfältigung des Wissens und Ordnungsverlust
4.2.2 Funktionale Differenzierung und Pluralismus
4.2.3 Zusammenfassung
4.3 Wien und Kakanien als Paradigma der Gesellschaftsbeschreibung im Roman
4.3.1 Wien und Kakanien als Beschreibung einer Bewusstseinslage
4.3.2 „Wien“ – unbestimmbare Komplexität
4.3.3 „Kakanien“
4.3.3.1 Die Bedeutung der Stadtbeschreibungen im „Kakanien“-Kapitel
4.3.3.2 Die „überamerikanische Stadt“als Bild einer funktionalen Totalordnung
4.3.3.3 Der „Zug der Zeit“ als Bild gesellschaftlicher Evolution
4.3.3.4 „Kakanien“ zwischen Schein der Ordnung und Strukturwiderspruch
4.3.3.5 Die „Steinbaukastenstadt“ – Kontingenz und Entfremdung als Signum Kakaniens
4.3.3.6 Zusammenfassung
5. Der Diskurs der Uneigentlichkeit im MoE als Ausdruck der Verselbständigung des Sozialen
5.1 Der Mann ohne Eigenschaften
5.1.1 Ontologisierung der Gesellschaftskritik als Stoßrichtung im Denken Ulrichs
5.1.2 Der Möglichkeitssinn
5.1.3 Eigenschaftslosigkeit
5.1.4 Die Figurenkonstellation als Ausdruck der funktionalen Differenzierung
5.2 Die Welt von Eigenschaften ohne Mann
5.2.1 Kon- und Divergenz der theoretischen und literarischen Gesellschaftsbeschreibung
5.2.2 Konventionsdruck, Erlebnisvielfalt, mediale Aushöhlung des Erlebnisvermögens und das „Prinzip des unzureichenden Grundes“
5.2.3 Mode als Mechnismus leerlaufender Zeichenproduktion. Die Auflösung der Ganzheitsvorstellung
5.1.4 Die Entstehung der Welt von Eigenschaften ohne Mann
6. Die Parallelaktion – Sinnsuche und Produktion von Unordnung
7. Schluß
Die Arbeit analysiert Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ unter Zuhilfenahme der systemtheoretischen Perspektive von Niklas Luhmann. Ziel ist es, die in Musils Roman entwickelte phänomenologische Beschreibung der modernen Lebensverhältnisse mit einem soziologischen Gesellschaftsbegriff zu konfrontieren, um die Verselbständigung des Sozialen und die zunehmende Komplexität der modernen Welt im Romankontext aufzuzeigen.
4.3.2 „Wien“ – unbestimmbare Komplexität
Der Name und damit eine scheinbar konkrete Bezeichnung des Handlungsortes taucht im ersten Kapitel in Form eines Kompositums aus politisch-funktionaler Begrifflichkeit, als „Reichshaupt- und Residenzstadt Wien“(9), auf. Dieser Mischung aus präzisem Begriff und Namen steht in der Darstellung des Erzählers die diffuse Wahrnehmung der Großstadt gegenüber. Die Beobachtung der Großstadt zerfällt in Einzelwahrnehmungen, die sich in der Vorstellung nur vage zu einem „gleichmäßigen Puls“ oder „einem drahtigen Geräusch“(9) zusammenfassen lassen. Trotzdem verweist der Erzähler auf die Möglichkeit, daß ein Stadtbewohner das Geräusch der Stadt oder „die Bewegung in der Straße“(9), hier gelesen als lose Verbindungsform der dissoziierten Wahrnehmung, mit der Bezeichnung „Reichshaupt- und Residenzstadt Wien“ identifizieren kann.
„Städte lassen sich an ihrem Gang erkennen wie Menschen.“(9)
Der Name der Stadt wird so nur intuitiv mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung gebracht. Der Erzähler ironisiert diesen Vorgang, indem er einen Ausblick auf die fortgeschrittenen Möglichkeiten der Wissenschaft zur genauen Bestimmung eines Objektes einschiebt. Das Rot einer roten Nase ließe sich demnach auf „Mikromillimeter genau ausdrücken“(9). Von dieser Möglichkeit wird aber im allgemeinen abgesehen,
„wogegen man bei etwas so viel Verwickelterem, wie es eine Stadt ist, in der man sich aufhält, immer durchaus genau wissen möchte, welche besondere Stadt das sei.“(9/10)
Die wissenschaftliche Präzision, die sich auf eine Einzelwahrnehmung anwenden ließe - und schon dieses Streben nach Präzision wird vom Erzähler im Zusammenhang mit der Alltagswahrnehmung einer Nase persifliert - erweist sich als nicht übertragbar auf den „verwickelten“, unübersehbaren Zusammenhang einer Großstadt. Die Genauigkeit, für die der Stadtname stehen soll, entlarvt sich in dieser Gegenüberstellung als Scheingenauigkeit.
1. Einleitung: Die Einleitung stellt das Romanprojekt vor und führt die methodische Grundlage der Systemtheorie Luhmanns ein, um den Roman als Beschreibung der modernen Gesellschaft zu analysieren.
2. Die Systemtheorie der Gesellschaft: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Prämissen von Luhmann, insbesondere System/Umwelt-Differenz, Autopoiesis und funktionale Differenzierung, und überträgt diese auf die Problematik des Individuums.
3. Gesellschaftsbeschreibung im Romankontext: Hier werden Musils Absichten untersucht, die nicht in einer authentischen Zeitschilderung, sondern in einer Analyse der geistigen Verfassung der Zeit und der Entwicklung einer „Idee“ liegen.
4. Komplexität, funktionale Differenzierung, Evolution, Kontingenz – Brüchige Semantik als diffuser Hintergrund des Romans: Dieses Kapitel analysiert die Auflösung einheitlicher Weltsicht und nutzt die Beispiele Wien und Kakanien, um den Zerfall der Ordnung zu veranschaulichen.
5. Der Diskurs der Uneigentlichkeit im MoE als Ausdruck der Verselbständigung des Sozialen: Untersuchung der Eigenschaftslosigkeit Ulrichs und der Entstehung einer „Welt von Eigenschaften ohne Mann“, in der das Individuum nur noch durch soziale Rollen definiert wird.
6. Die Parallelaktion – Sinnsuche und Produktion von Unordnung: Analyse der Parallelaktion als satirisches Beispiel für den Versuch, gesellschaftliche Einheit durch einen bürokratischen Apparat wiederherzustellen, was lediglich zu gesteigertem Aktionismus führt.
7. Schluß: Zusammenfassung der Ergebnisse: Die moderne Gesellschaft ist durch Kontingenz, Komplexität und den Verlust der Einheit geprägt; Musils Roman antizipiert diese systemtheoretischen Erkenntnisse literarisch.
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Niklas Luhmann, Systemtheorie, Moderne, Kakanien, Kontingenz, funktionale Differenzierung, Eigenschaftslosigkeit, Identität, Gesellschaftstheorie, Komplexität, Entfremdung, Möglichkeiten, soziale Systeme.
Die Arbeit untersucht den Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil unter der soziologischen Perspektive der Systemtheorie nach Niklas Luhmann.
Zentrale Themen sind die moderne Gesellschaft als polykontexturales System, die Auflösung gesellschaftlicher Einheitssemantik, die Rolle des Individuums als „eigenschaftsloses“ Subjekt und die Funktionsweise moderner Organisationen.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Musil literarisch die strukturellen Umbrüche und Entfremdungsprozesse der Moderne vorweggenommen hat, die Luhmann später systemtheoretisch präzise gefasst hat.
Die Arbeit nutzt die konstruktivistische Systemtheorie von Niklas Luhmann als „Spiegel“ für die Romananalyse, um die literarischen Darstellungen der modernen Lebensverhältnisse soziologisch zu fundieren.
Im Hauptteil werden sowohl die theoretischen Grundlagen (Luhmann) als auch die literarische Umsetzung im Roman detailliert analysiert, insbesondere die Stadtbeschreibungen und die Figur des Ulrich.
Die zentralen Schlagworte umfassen neben dem Romantitel und dem Autor besonders systemtheoretische Begriffe wie Komplexitätsreduktion, Kontingenz, funktionale Differenzierung und die Moderne.
Kakanien wird als virtuelles Modell und Paradigma der modernen Gesellschaft gedeutet, an dem Musil die Widersprüchlichkeit zwischen Scheinordnung und tatsächlicher Entfremdung aufzeigt.
Diese Bezeichnung spiegelt seine bewusste Entscheidung wider, keine vorgefertigten, gesellschaftlich präformierten Eigenschaften anzunehmen, um seine „Eigenheit“ in einer Welt zu bewahren, in der Identitäten nur noch als austauschbare Versatzstücke existieren.
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