Examensarbeit, 2006
112 Seiten, Note: 1,3
Einleitung
I. Literaturtheoretische Voraussetzungen
1. Das Genre der Zeugnisliteratur
1.1 Definition und Entwicklung
1.2 Die Zeugnisliteratur und ihre Merkmale
1.2.1 Die frühen Texte
1.2.2 Exkurs: Die Problematik einer Benennung der Judenvernichtung
1.2.3 Die ‚postfaktische’ Zeugnisliteratur
2. Die Autobiographie als literarisches Genre
2.1 Allgemeine Merkmale der Autobiographie
2.2 Der ‚autobiographische Pakt’ nach Philippe Lejeune
2.3 Die Autobiographie in der Zeugnisliteratur und ihre Probleme
2.4 Kindheitsautobiographien zur Shoa
3. Der Fall Wilkomirski
3.1 Vorbemerkungen
3.2 Perspektive des Kindes
3.3 Der autobiographische Pakt in Wilkomirskis ‚Bruchstücke’
3.4 Verwendete Topoi der Holocaust-Literatur
3.4.1 ‚Bruchstücke’ der Erinnerung
3.4.2 Sprachlosigkeit
3.4.3 Traumatisierung
3.5 Konsequenzen für die Zeugnisliteratur
3.6 Abschließende Bemerkungen
II. Textanalyse ausgewählter Kindheitsautobiographien
1. Jona Oberski: Kinderjahre
1.1 Vorbemerkungen
1.2 Literarische Einordnung
1.3 Literarische Darstellung der Kinderperspektive
1.3.1 Erzählverfahren
1.3.2 Der ‚Vergegenwärtigungseffekt’ in Kindheitsautobiographien
1.3.3 Fehlende innere Rede
1.3.4 Körpererinnerungen
1.4 Funktion der Eltern
1.5 Traumatisierung und literarische Darstellung
1.5.1 Erste Sequenz: Verfolgungs- und Diskriminierungszeit
1.5.2 Zweite Sequenz: Direkte Verfolgung
1.5.3 Dritte Sequenz: Nachkriegszeit
1.6 Abschließende Bemerkungen
2. Cordelia Edvardson: Gebranntes Kind sucht das Feuer
2.1 Vorbemerkungen
2.2 Literarische Einordnung
2.3 Stilistische Mittel
2.4 Wichtige Topoi in Edvardsons Gebranntes Kind sucht das Feuer
2.4.1 Bedeutung der deutschen Sprache
2.4.1.1 Die mythische Sprache
2.4.1.2 Ein Vergleich mit dem schwedischen Original
2.4.2 Rolle der Mutter
2.4.2.1 Der gescheiterte Dialog zwischen Mutter und Tochter
2.4.2.2 Der unterlassene Muttermord
2.4.3 Feministische Perspektive
2.4.4 Verhältnis zum Judentum
2.4.5 Traumatisierung
2.5 Abschließende Bemerkungen
3. Ruth Klüger: weiter leben
3.1 Vorbemerkungen
3.2 Literarische Einordnung
3.3 Erzählverfahren
3.3.1 Formaler Aufbau des Textes
3.3.2 Stilistische Mittel
3.3.2.1 Unterschiedliche Perspektiven
3.3.2.2 „Narrative Pausen“
3.4 Wichtige Topoi in Klügers weiter leben
3.4.1 Verhältnis zu Deutschland und der deutschen Sprache
3.4.2 Verhältnis zur Mutter
3.4.3 Kindheit
3.4.4 Verhältnis zum Judentum
3.4.5 Feministische Perspektive
3.4.6 Traumatisierung
3.5 Abschließende Bemerkungen
4. Schlussbetrachtung
Die Arbeit untersucht, inwieweit Kindheitsautobiographien als Zeugnisliteratur zur Shoah verstanden werden können, indem sie die spezifischen Erzählweisen und die literarische Position der Texte von Jona Oberski, Cordelia Edvardson und Ruth Klüger analysiert.
1.3.2 Der ‚Vergegenwärtigungseffekt’ in Kindheitsautobiographien
Wie im Zusammenhang mit Kindheitsautobiographien zur Shoah bereits erwähnt, ist nach Sloterdijk und Coe die Darstellung der Erinnerung mithilfe kleiner und individueller Details ein wesentliches Merkmal von Kindheitsautobiographien. In Oberskis autobiographischem Roman finden sich ebenfalls sehr viele dieser Szenen, die eine Zuordnung des Textes, neben der verwendeten Perspektive des Kindes, in den Bereich der Kindheitsautobiographien ermöglichen.
Als Beispiel für eine solch individuelle Erinnerungsszene soll an dieser Stelle das Kapitel dienen, in dem der Protagonist von einem Arzt beauftragt wird, die Mutter über den unmittelbar bevorstehenden Tod des Vaters zu informieren. Anstatt auf direktem Weg zu seiner Mutter zu laufen, inszeniert der Junge ein eigenes Spiel, über das er seinen eigentlichen Auftrag vergisst.
Es war schon hell, und die Sonne schien auf das grüne Gras. Ich lief auf die Wiese. Sie war naß, und die Tropfen glitzerten auf den Grashalmen. Ich blieb stehen und trat gegen das Gras. Die großen Tropfen fielen herunter, aber das Gras blieb weiter naß. Ich steckte die Hände in Vaters Schuhe und lief auf vier Schuhen durch das Gras. (O. 75)
Nur der Leser weiß in diesem Moment, dass der Vater bereits im Sterben liegt und dass die Mutter vielleicht nicht mehr rechtzeitig zu ihm gehen kann, da sie diese wichtige Nachricht nicht erhält. Besonders durch die Erwähnung der Schuhe des Vaters, die der Arzt dem Jungen mitgegeben hatte, verdeutlicht in dieser Schilderung die Präsenz des bevorstehenden Todes des Vaters und lässt die ganze Szene umso absurder erscheinen. Dieses persönliche Spiel ist nicht nur als eine Fluchtmöglichkeit aus der grausamen Realität des Lageralltags zu verstehen, sondern ebenso als eine Form der Verarbeitung.
I. Literaturtheoretische Voraussetzungen: Dieser Teil legt die theoretische Basis durch die Definition von Zeugnisliteratur, Autobiographietheorie und die Untersuchung der Rolle von Kindheitsautobiographien sowie des Falles Wilkomirski.
II. Textanalyse ausgewählter Kindheitsautobiographien: Hier werden die Werke von Oberski, Edvardson und Klüger detailliert auf ihre Erzählverfahren, Topoi und die Darstellung der Traumatisierung hin untersucht.
4. Schlussbetrachtung: Die Ergebnisse werden zusammengeführt, wobei die stilistischen Entwicklungen innerhalb des Genres und die Bedeutung der kindlichen Perspektive für die Darstellung der Shoah reflektiert werden.
Holocaust-Literatur, Zeugnisliteratur, Kindheitsautobiographien, Shoah, Autobiographie, Kinderperspektive, Traumatisierung, Erinnerungskultur, Identität, Intertextualität, Erzählverfahren, Sprachlosigkeit, Jona Oberski, Cordelia Edvardson, Ruth Klüger.
Die Arbeit analysiert autobiographische Texte von Autoren, die die Shoah als Kinder oder Jugendliche überlebt haben, um deren Besonderheiten als Zeugnisliteratur und Autobiographien zu bestimmen.
Die Schwerpunkte liegen auf der kindlichen Perspektive, der Darstellung von Traumata, dem Verhältnis zur Mutter und der Frage nach der Authentizität in autobiographischen Texten zur Shoah.
Das Ziel ist es, zu untersuchen, ob und wie Kindheitsautobiographien als Autobiographien klassifiziert werden können und welche spezifischen narrativen Strategien sie nutzen, um das Unfassbare der Shoah darzustellen.
Es wird eine literaturtheoretische und textanalytische Methode angewandt, die Begriffe wie den ‚autobiographischen Pakt’ nach Lejeune sowie Konzepte zur Traumatisierung bei Kindern einbezieht.
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil (Genre-Definitionen) und einen textanalytischen Teil, in dem die Werke von Oberski, Edvardson und Klüger hinsichtlich ihrer Erzählstruktur und Topoi untersucht werden.
Zentrale Begriffe sind Holocaust-Literatur, Zeugnisliteratur, Kindheitsautobiographien, Traumatisierung, Identitätsbildung und der literarische Erinnerungsdiskurs.
Oberski hält durchgehend an einer strikten, kindlichen Perspektive fest und verzichtet auf explizite Erläuterungen oder Reflektionen des erwachsenen Ichs, was den Text besonders dokumentarisch wirken lässt.
Der Fall Wilkomirski dient als Fallbeispiel für eine gefälschte Autobiographie, um die Kriterien der Authentizität und die Erwartungshaltung von Lesern gegenüber Texten der Shoah zu verdeutlichen.
In diesen Texten ist die Auseinandersetzung mit der Mutter zentral, da die traumatischen Erfahrungen der Shoah das Verhältnis stark belastet haben und die Protagonistinnen ihre Identität oft über eine Abgrenzung oder kritische Reflexion dieses Verhältnisses suchen.
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