Magisterarbeit, 2005
148 Seiten, Note: 1,15
Vorwort
1. Einleitung
2. Wissenschaftstheoretische Präzisierung des Ursachenbegriffs
2.1. Theoretische Vorüberlegung zum Ursachenbegriff
2.1.1. Ausformulierung der Theorie am Beispiel der Lese- Rechtschreibschwäche
2.1.2. Notwendige und hinreichende Bedingungen
2.1.2.1. Wissenschaftstheoretische Voraussetzung für Bedingungsnetze
3. Begrifflichkeit der Lese-Rechtschreibschwäche
3.1. Versuch einer Definition
3.1.1. Ursachenannahme und Ätiologie der Lese- Rechtschreibschwäche
4. Zusammenhang von Intelligenz und Lese-Rechtschreibschwäche
4.1. Definitionsversuch der Lese- Rechtschreibschwäche unter Rückgriff auf die Intelligenz: Analyse
4.1.1. Kritische Betrachtung der „diskrepanten“ Lese- Rechtschreibschwäche: Analyse
4.2. Phänomenologischer Definitionsversuch der Lese-Rechtschreibschwäche
4.2.1. Aufzählung legasthenietypischer Fehler
4.2.2. Legastheniespezifische Fehler am Beispiel der WR-Fehler
4.2.3. Legastheniespezifische WR-Fehler oder Maskierungseffekt?: Überlegung
4.3. Sachlogische Überlegungen zum phänomenologischen Definitionsansatz: Analyse
4.3.1. Sachlogische Überlegungen zur Methodik des phänomenologischen Definitionsversuchs
5. Wissenschaftstheoretische Überlegung zum Konzept der phonologischen Bewusstheit
5.1. Die phonologische Bewusstheit: Exkurs
5.1.1. Theorie der phonologischen Bewusstheit
5.1.2. Begrifflichkeit der phonologischen Bewusstheit
5.1.3. Die Phonologie des Lesens
5.1.4. Sachlogische Überlegungen zur Messmethodik der phonologischen Bewusstheit: Analyse
6. Kognitive Modelle der Sprachverarbeitung: Exkurs
6.1. Grundlegende Annahmen zur Sprachverarbeitung: Darstellung
6.1.1. Sprachperzeption
6.1.2. Lexikalische Verarbeitung
6.1.3. Kommunikationsmodelle
6.2. Kognitive Modelle der visuellen Sprachverarbeitung: Exkurs
6.2.1. Das Logogen-Modell: Darstellung
6.2.2. Kritische Betrachtung des Logogen-Modells: Analyse
6.2.3. Das Dual-Route-Model: Darstellung
6.2.4. Kritische Betrachtung des Dual-Route-Models: Analyse
7. Lerntheoretische Annahmen des traditionellen Legastheniekonzepts: Darstellung
7.1. Lerntheoretische Grundlagen
7.1.1. Lerntheoretisch begründete Interventionsverfahren
7.2. Gegenüberstellung von lerntheoretischen und neurobiologischen Konzepten
7.2.1. Lerntheoretische Annahmen
7.2.2. Neurobiologische Annahmen
7.2.3. Benenngeschwindigkeit versus phonologisches Bewusstsein
7.2.3.1. Theoretische Annahmen
7.2.3.2. Praxis
7.3. Zur Geschichte der Benenngeschwindigkeit: Exkurs
7.3.1. Die Methode der Benenngeschwindigkeit
8. Untersuchung lerntheoretisch begründeter Therapieverfahren: Darstellung
8.1. Das Trainingsprogramm von Hans-Joachim Kossow
8.1.1. Theorie und Aspekte
8.1.1.1. Inhaltliche Aspekte
8.1.1.2. Pädagogisch-psychologische Aspekte
8.1.1.3. Lerntheoretische Aspekte
8.1.1.4. Kybernetische Aspekte
8.1.2. Die Praktische Umsetzung
8.2. Untersuchung des Trainingsprogramms: Analyse
9. Alternative Therapieansätze: Überlegung
9.1. Neurobiologische Annahmen von Funktionsstörungen
10. Neurobiologische Grundlagen des Sehens: Exkurs
10.1. Augenbewegungen beim Lesen
10.1.1. Blickbewegung des kompetenten Lesers
10.1.2. Durch Wortarten bedingte Augenbewegungen
10.1.3. Gestörte Augenbewegungen
10.1.4. Augenbewegungen legasthener Kinder
11. Legasthenie durch Sehstörungen: Darstellung
11.1. celeco - RICHTIG LESEN LERNEN von Werth
11.1.1. Fähigkeit der Buchstabenunterscheidung
11.1.2. Sensorisches Intervall
11.1.3. Fähigkeit der Graphem-Phonem-Zuordnung
11.1.4. Fähigkeit zur Identifikation von Buchstabenbestimmung mit Benennung
11.1.5. Fähigkeit zur Identifikation von Buchstabenbestimmung ohne Benennung
11.1.6. Blickrichtungskontrolle
12. Lerntheoretische versus alternative Therapien: Analyse
13. Zeitverarbeitung
13.1. Zusammenhang von Zeitverarbeitung und Sprachverarbeitung
13.2. Zeitstruktur versus Frequenzstruktur: Analyse
13.3. Gegenüberstellung von lerntheoretischen Annahmen und phonetischen Tatsachen: Analyse der 1. Lösungsstrategie
13.4. Frequenzanalyse
13.5. Grapho-motorische Lösungsstrategie aus lerntheoretischer Sicht: Darstellung
13.6. Analyse der grapho-motorischen Lösungsstrategie
14. Zusammenfassung
Die Arbeit verfolgt das Ziel, eine wissenschaftstheoretische Untersuchung gegenwärtiger Theorien zur Lese-Rechtschreibstörung (LRS) durchzuführen. Dabei liegt der Fokus auf dem Vergleich zwischen traditionell lerntheoretisch begründeten Ansätzen und neueren, alternativ begründeten neurobiologischen Konzepten, um deren theoretische Fundierung und Wirksamkeit kritisch zu beleuchten.
4.1.1. Kritische Betrachtung der „diskrepanten“ Lese-Rechtschreibschwäche: Analyse
„Die Forschung bietet kaum Befunde, die die Unterscheidung zwischen den beiden Gruppen rechtfertigen könnte, obwohl viele Forscher auch weiterhin mit der Diskrepanzdefinition arbeiten. Wie bereits erwähnt, verliert die unerwartete Diskrepanz zwischen der Lese- und Rechtschreibleistung auf der einen und der Intelligenz auf der anderen Seite schon durch die in der Regel nur mittelhohe Korrelation zwischen beiden Variablen an Bedeutung (Pfeiffer & Zielinski 1975). Die Klassifikation der Kinder ist nicht nur abhängig von den verwendeten Tests, sondern auch sehr instabil über die Zeit: Nur etwa ein Viertel der von Share & Silva (1986) untersuchten Kinder wurde sowohl im Alter von 7 als auch mit 9 Jahren der gleichen diagnostischen Kategorie zugeordnet“ (Scheerer-Neumann 1996, Kap. 2.2).
Außerdem verändern sich die Lese- Rechtschreibleistungen des Kindes während des Erwerbsprozesses kontinuierlich. Manche Kinder bleiben länger auf einer Entwicklungsstufe der Rechtschreibung stehen, während wiederum andere Kinder bestimmte Entwicklungsstufen im Rechtschreibprozess schneller durchlaufen. Auch die Kinder, bei denen eine Verzögerung auf einer bestimmten Stufe offensichtlich ist, können auf einer anderen Stufe ohne Probleme vorankommen. Auch dann, wenn es sich bei der Verzögerung um einen längeren Zeitraum handelt. Die längere Verweildauer auf einer Stufe muss nicht zwangsläufig als Legasthenie bezeichnet werden oder zu dieser führen, da es sich beim Lesen- und Schreibenlernen ja um einen Entwicklungsprozess handelt, der individuell ausfällt.
1. Einleitung: Diese Einleitung klärt den wissenschaftstheoretischen Rahmen der Untersuchung und umreißt den Aufbau sowie die Zielsetzung der Arbeit bezüglich der LRS-Theorien.
2. Wissenschaftstheoretische Präzisierung des Ursachenbegriffs: Das Kapitel untersucht aus einer wissenschaftstheoretischen Perspektive, wie der Begriff der Ursache im Kontext von Leistungsdefiziten präzise definiert und in Bedingungsnetzen verstanden werden kann.
3. Begrifflichkeit der Lese-Rechtschreibschwäche: Es wird die terminologische Unsicherheit und die historische Entwicklung der Begriffsdefinitionen wie „Legasthenie“ und „LRS“ sowie deren wissenschaftliche Einordnung diskutiert.
4. Zusammenhang von Intelligenz und Lese-Rechtschreibschwäche: Dieses Kapitel hinterfragt kritisch das Diskrepanzkriterium der Intelligenz bei der Diagnose und analysiert phänomenologische Definitionsansätze sowie spezifische Fehlerkategorien.
5. Wissenschaftstheoretische Überlegung zum Konzept der phonologischen Bewusstheit: Es erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit der phonologischen Bewusstheit als (vermeintliche) Ursache der LRS und der wissenschaftlichen Validität dieses Konzepts.
6. Kognitive Modelle der Sprachverarbeitung: Exkurs: Dieses Kapitel stellt zentrale kognitive Modelle der Sprachverarbeitung vor, um deren Relevanz und Grenzen für das Verständnis von Lese- und Schreibprozessen zu verdeutlichen.
7. Lerntheoretische Annahmen des traditionellen Legastheniekonzepts: Darstellung: Hier werden die theoretischen Grundlagen traditioneller Förderprogramme beschrieben und lerntheoretische Konzepte sowie die Rolle der Benenngeschwindigkeit erläutert.
8. Untersuchung lerntheoretisch begründeter Therapieverfahren: Darstellung: Anhand des Programms von Kossow werden die Prinzipien der lerntheoretischen Therapie, wie etwa das kybernetische Verständnis von Lernprozessen, detailliert beschrieben.
9. Alternative Therapieansätze: Überlegung: Dieses Kapitel setzt sich kritisch mit alternativen, insbesondere neurobiologisch begründeten Therapieansätzen auseinander und hinterfragt die Annahme homogener Störungsbilder.
10. Neurobiologische Grundlagen des Sehens: Exkurs: Es werden die neurobiologischen Grundlagen der visuellen Informationsaufnahme und die Bedeutung von Augenbewegungen (Fixationen, Sakkaden) beim Lesen dargestellt.
11. Legasthenie durch Sehstörungen: Darstellung: Dieses Kapitel beschreibt das Programm „celeco“ und diskutiert, wie durch das gezielte Training visueller Leistungen die Synthetisierungsfähigkeit bei legasthenen Kindern verbessert werden kann.
12. Lerntheoretische versus alternative Therapien: Analyse: Hier werden die Unterschiede zwischen lerntheoretischen und alternativen Therapieansätzen in Bezug auf die Annahmen über die zugrunde liegenden Störungen diskutiert.
13. Zeitverarbeitung: Dieses Kapitel untersucht die Rolle der Zeitverarbeitung bei der Sprachverarbeitung und analysiert verschiedene Lösungsstrategien, insbesondere zur Vokaldifferenzierung, im lerntheoretischen Vergleich.
14. Zusammenfassung: Die Arbeit fasst zusammen, dass die traditionellen Klassifikationsschemata und Diagnosekriterien (wie die Intelligenzdiskrepanz) wissenschaftstheoretisch problematisch sind und für eine ursachenbezogene Therapie wenig hilfreich erscheinen.
Lese-Rechtschreibstörung, LRS, Legasthenie, Wissenschaftstheorie, Lerntheorie, Neurobiologie, Phonologische Bewusstheit, Benenngeschwindigkeit, Diagnose, Diskrepanzkriterium, Sprachverarbeitung, Fehleranalyse, Therapieansätze, Augenbewegungen, Wortidentifikation
Die Arbeit bietet eine wissenschaftstheoretische Untersuchung verschiedener Theorien zur Lese-Rechtschreibstörung (LRS) und vergleicht dabei traditionelle lerntheoretische Ansätze mit neueren, neurobiologisch begründeten Therapiekonzepten.
Die zentralen Themen sind die wissenschaftstheoretische Präzisierung von Ursachen, die Kritik an gängigen Definitionen (einschließlich des Intelligenz-Diskrepanzkriteriums), die Analyse von kognitiven Sprachverarbeitungsmodellen sowie der Vergleich verschiedener Therapieansätze.
Das Hauptziel ist es, die wissenschaftliche Stichhaltigkeit herkömmlicher LRS-Konzepte zu prüfen und aufzuzeigen, inwieweit diese auf unsicheren oder willkürlichen Definitionen basieren, um alternative, ursachenbezogene Therapieansätze differenzierter betrachten zu können.
Die Autorin nutzt eine wissenschaftstheoretische Analyse und Literaturkritik. Sie vergleicht Annahmen aus der traditionellen Lerntheorie mit aktuellen psycholinguistischen und neurobiologischen Forschungsergebnissen.
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit Definitionsversuchen der LRS, der Rolle von Intelligenz und phonologischer Bewusstheit, kognitiven Modellen der Sprachverarbeitung sowie der Untersuchung spezifischer lerntheoretisch begründeter (z.B. Kossow) und alternativ-neurobiologischer Therapieansätze (z.B. celeco).
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Lese-Rechtschreibstörung, Wissenschaftstheorie, Legasthenie, Lerntheorie, Neurobiologie, Diagnosekritik und phonologische Bewusstheit zusammenfassen.
Die Autorin argumentiert, dass das Diskrepanzkriterium ein „psychometrisches Kunstprodukt“ darstellt, das nicht empirisch belegt ist und bei der Diagnose von LRS zu willkürlichen Ergebnissen führt, da die Korrelation zwischen Intelligenz und Lese-Rechtschreibfähigkeit nur moderat ist.
Die phonologische Bewusstheit wird als ein wissenschaftlich unpräziser Begriff kritisiert, dessen Rolle als unabdingbare „Vorläuferfunktion“ für das Lesen in der Forschung umstritten ist und der eher als eine Fertigkeit betrachtet werden sollte, die sich parallel zum Schriftspracherwerb entwickelt.
Die Arbeit stellt fest, dass traditionelle Therapien, die auf Lerntheorien und einer Fokusierung auf Fehleranalysen (wie z.B. „Lautnuancentaubheit“) basieren, oft wenig effektiv sind und der Trainingseffekt im Verhältnis zum enormen zeitlichen Aufwand gering ausfällt.
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