Masterarbeit, 2016
92 Seiten, Note: 1,3
I. Einleitung
II. Tel Quel
III. Théorie d’ensemble
III.I Production de texte
III.II Intertextualité
III.III Histoire und discours
IV. Untersuchung von Se una notte d’inverno un viaggiatore
IV.I Scrivere come processo combinatorio / Production de texte
IV.II Ogni libro nasce in presenza d’altri libri / Intertextualité
IV.III Un’avventura di lettura / Histoire und discours
V. Fazit
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit die poststrukturalistische Texttheorie der Gruppe Tel Quel, wie sie in der Sammlung Théorie d'ensemble (1968) dargelegt wurde, in Italo Calvinos Roman Se una notte d’inverno un viaggiatore (1979) aufgegriffen, umgesetzt und funktionalisiert wird, um Calvinos Positionierung zur Literatur und zum Erzählen zu bestimmen.
III.I Production de texte
In ihrer Texttheorie ist eine der zentralen Konzeptionen, der sich Tel Quel annimmt, die des Autors, welche in ihrer traditionellen Vorstellung abgelehnt wird und die es neu zu definieren gilt. Die herkömmliche und allgemein verbreitete Auffassung des Autors als Träger eines ‚Wissens‘, Sender einer ‚Botschaft‘, als jemand, der ‚etwas zu sagen‘ hat und der hierfür das Mittel der Literatur wählt, spiegelt für Tel Quel dabei das Bild der Bourgeoisie und deren Eigentumsideologie wider, die es zu bekämpfen gilt. Die Vorstellung des schreibenden Autors als Genie sollte abgelegt und dieser nur noch anhand seiner Arbeit an und mit der Sprache betrachtet werden.
War man in Frankreich, nach dem Vorbild der Methode l’homme et l’œuvre, noch einem positivistischen Biographismus zugewandt, der, auf der Suche nach einem genialen Dichter-Ich, der Biographie eines Autors große Bedeutung zuschrieb, galt es für Tel Quel nun dessen privilegierte Stellung aufzuheben. Der Aufwertung des Autors mit seiner Erscheinung als das besondere, von der Masse gewöhnlicher Produzenten abgehobene, Individuum sollte eine Absage erteilt werden. Denn Schreiben hieße nicht, über ein privilegiertes Wissen zu verfügen, sondern das zu entdecken versuchen, was jeder wisse, aber niemand sagen könne. Der nach dem lateinischen auctor bezeichnete ‚Schöpfer‘ und ‚Urheber‘ eines Werkes wird zurückgewiesen. Dagegen setzen Tel Quel nun den Begriff des scripteur: [...] le mot présente un aspect rébarbativement technique, mais il a le mérite de couper court à l’éloquence néo-romantique qui divinise l’écrivain, en fait un créateur [...] (Sollers, S. 69).
I. Einleitung: Einführung in die poststrukturalistische Theorie von Tel Quel und die Zielsetzung der Untersuchung im Kontext von Calvinos Roman.
II. Tel Quel: Kurze historische und inhaltliche Vorstellung der Gruppe Tel Quel und ihrer Positionierung gegenüber dem traditionellen Literaturbegriff.
III. Théorie d’ensemble: Detaillierte Darlegung der theoretischen Grundlagen der Texttheorie von Tel Quel.
III.I Production de texte: Analyse der Neudefinition von Autor, Werk und Text im Sinne der productivité.
III.II Intertextualité: Untersuchung des Intertextualitätsbegriffs bei Julia Kristeva und dessen Bedeutung für das Textverständnis.
III.III Histoire und discours: Erläuterung der Unterscheidung zwischen der Ebene des Geschehens und der Ebene der Vermittlung.
IV. Untersuchung von Se una notte d’inverno un viaggiatore: Anwendung des theoretischen Rahmens auf den Roman von Italo Calvino.
IV.I Scrivere come processo combinatorio / Production de texte: Fokus auf die Rollen des Lesers und Autors in der Praxis des Romans.
IV.II Ogni libro nasce in presenza d’altri libri / Intertextualité: Analyse des Gebrauchs intertextueller Strukturen und Fragmentierung im Roman.
IV.III Un’avventura di lettura / Histoire und discours: Untersuchung der Umsetzung der Erzählweisen und der Selbstreflexivität des Romans.
V. Fazit: Zusammenfassende Bewertung von Calvinos spielerischer Adaption und Umfunktionalisierung der Theorie von Tel Quel.
Tel Quel, Italo Calvino, Poststrukturalismus, Texttheorie, Autor, Scripteur, Lektüre, Intertextualität, Histoire, Discours, Produktion, Produktivität, Autoreflexivität, Literaturtheorie, Erzähltheorie.
Die Arbeit untersucht, wie Italo Calvino die poststrukturalistische Texttheorie der französischen Gruppe Tel Quel in seinem Roman Se una notte d’inverno un viaggiatore verwendet und modifiziert.
Im Zentrum stehen die Konzepte des Autors (als Scripteur), des Textes als Produktionsprozess, die Intertextualität sowie das Verhältnis von Histoire (Erzähltes) und Discours (Erzählweise).
Das Ziel ist es, zu ermitteln, ob Calvino diese theoretischen Ansätze direkt umsetzt oder ob er sie eher ironisch und dialektisch nutzt, um eine eigene, spielerische Form des Erzählens zu etablieren.
Es erfolgt eine detaillierte Textanalyse, die den Roman von Calvino systematisch auf die Umsetzung der von Tel Quel postulierten Theoreme hin überprüft.
Nach einer theoretischen Einführung in die Positionen von Tel Quel folgt eine kapitelweise Untersuchung, in der die Theoreme (Produktion, Intertextualität, Discours) nacheinander auf den Roman angewendet werden.
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Tel Quel, Poststrukturalismus, Textproduktion, Intertextualität, Autoreflexivität und Lektüreerfahrung beschreiben.
Während Tel Quel den Leser als aktiven "Textproduzenten" im Kontext einer Theorie der Schrift sieht, spielt Calvino im Roman mit einem Identifikationsangebot an den Leser, das er jedoch gleichzeitig durch ironische Brüche immer wieder in Frage stellt.
Das Happy Ending wird als ironische Geste interpretiert; es beraubt die Rahmenhandlung ihrer scheinbaren Unschuld und dient dazu, die Erwartungen des Lesers im Kontext der poststrukturalen Theorie zu problematisieren.
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