Bachelorarbeit, 2020
50 Seiten, Note: 1,7
1 Einleitung
2 Theoretische Verortung
2.1 Sozialisation
2.2 Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung
2.3 Zentrale Begriffe der Sozialisationsforschung
2.4 Historische Sozialisationsforschung
2.5 Pädagogisch-biographische historische Sozialisationsforschung
3 Die Situation der ArbeiterInnen um 1900
4 Die Kindheit der ArbeiterInnenkinder um 1900 – allgemeine und besondere Erfahrungsmodi
Fazit
Literaturverzeichnis
Die vorliegende Arbeit untersucht die Lebensbedingungen von Arbeiterkindern im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in Deutschland. Ziel ist es, anhand von Lebenserinnerungen aufzuzeigen, wie Kinder trotz widriger sozioökonomischer Umstände aktive Bewältigungsstrategien entwickelten, um ihre Persönlichkeit zu formen und den belastenden Realitäten zu begegnen.
Wohnverhältnisse – besondere Erfahrungsmodi
Im Folgenden werden unterschiedliche Erfahrungsweisen der soeben erläuterten Wohnumstände beschrieben, die sich von den negativ gefärbten Mangelerfahrungen deutlich abheben.
Seyfarth-Stubenrauch nennt zunächst den Erfahrungsmodus Gestaltung familialer Wohnkultur. Die Wohnungen der ArbeiterInnenfamilien waren nicht das Ideal einer sauberen, aufgeräumten und gemütlichen Wohnumgebung (vgl. ebd., S. 152). Zum Aufräumen, Staubwischen und Dekorieren blieb für niemanden Zeit oder Kraft, denn auch die Arbeitskraft der Frau und der Kinder wurde in allen ArbeiterInnenfamilien für die Arbeit benötigt (vgl. ebd., S. 153f.). Trotz der unbehaglichen äußeren Bedingungen ist in vielen ArbeiterInnenlebenserinnerungen von Versuchen der Eltern zu lesen, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und zeitlichen Kapazitäten eine häusliche Atmosphäre zu schaffen (vgl. ebd., S. 154f.).
Paula Ludwig, eine Dichterin, geboren 1900 in Altenstadt, berichtet von der handwerklichen Spielzeugherstellung ihres Vaters: „Kaum aus der Werkstatt heimgekommen, stellte mein Vater sich an die eigene Hobelbank, schnitt und schnitzte, sägte und leimte: Kinderbänke für uns, Puppenstuben, einen unheimlichen Nußknacker, ein fabelhaftes Schaukelpferd! […].“ (Ludwig 1936, zit. n. Hardach-Pinke, Hardach 1978, S. 212)
1 Einleitung: Die Einleitung skizziert die Lebensrealität von Kindern der untersten Gesellschaftsschicht um 1900 und führt in die historische Sozialisationsforschung als methodischen Rahmen ein.
2 Theoretische Verortung: Dieses Kapitel definiert den Sozialisationsbegriff und erläutert das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung von Klaus Hurrelmann sowie spezifische Forschungsansätze zur historischen Sozialisation.
3 Die Situation der ArbeiterInnen um 1900: Hier werden die sozioökonomischen Rahmenbedingungen, wie Wohnungsnot, materielle Mangelwirtschaft und harte Arbeitsbedingungen, beschrieben, die den Alltag der Arbeiterklasse prägten.
4 Die Kindheit der ArbeiterInnenkinder um 1900 – allgemeine und besondere Erfahrungsmodi: Dieser Hauptteil analysiert für die Bereiche Familie, Straße, Arbeit und Schule, wie Kinder durch allgemeine Belastungen geprägt wurden und welche besonderen Bewältigungs- oder Handlungsstrategien sie entwickelten.
Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass trotz der repressiven Umstände produktive Verarbeitungsweisen existierten, die eine aktive Persönlichkeitsentwicklung ermöglichten.
Historische Sozialisationsforschung, Arbeiterkinder, Industrialisierung, produktive Realitätsverarbeitung, Erfahrungsmodi, Lebensbedingungen, Kindheit, Kindheitsforschung, Arbeiterbewegung, Sozialgeschichte, Persönlichkeitsentwicklung, Autobiografien, Untertanenmentalität, Selbstbehauptung, Emanzipation.
Die Arbeit untersucht die Lebenswelt und die Sozialisationsprozesse von Arbeiterkindern in Deutschland während des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
Zentrale Themen sind die Auswirkungen von Armut, Kinderarbeit, Wohnbedingungen und schulischer Erziehung auf die Heranwachsenden sowie deren individuelle Reaktionen darauf.
Die Forschungsfrage lautet, ob und wie Arbeiterkinder trotz struktureller Benachteiligungen produktive Bewältigungsstrategien entwickelten, um ihre Persönlichkeit erfolgreich zu entfalten.
Die Arbeit nutzt einen pädagogisch-biografischen Ansatz der historischen Sozialisationsforschung und stützt sich dabei primär auf die Auswertung von autobiografischen Dokumenten und Lebenserinnerungen.
Im Hauptteil werden allgemeine strukturelle Rahmenbedingungen (allgemeine Erfahrungsmodi) und aktive, individuelle Handlungsweisen (besondere Erfahrungsmodi) für die Bereiche Familie, Straße, Arbeit und Schule gegenübergestellt.
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie historische Sozialisationsforschung, Arbeiterkindheit, industrielle Lebenswelt und produktive Realitätsverarbeitung charakterisieren.
Diese Modi bezeichnen die Momente, in denen Kinder aktiv aus den gegebenen Zwängen ausbrachen, sei es durch Fantasie, Selbstbehauptung oder die bewusste Ablehnung von Unterdrückungsmechanismen.
Die Schule wird zwiespältig betrachtet: Einerseits als Ort der Unterdrückung und des „Untertanengeistes“, andererseits als eine der wenigen Möglichkeiten zur Bildung, die von vielen Kindern trotz schwieriger Umstände gesucht wurde.
Die Straße diente oft als notwendiger Freiraum zur Flucht aus dem häuslichen Elend, war jedoch auch ein Ort der sozialen Diskriminierung, was die Kinder zur Solidarisierung in ihren Gruppen zwang.
Das Fazit widerlegt die Annahme einer zwangsläufigen psychischen Verödung und zeigt stattdessen, dass Arbeiterkinder durch produktive Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt eigenständige Wege der Identitätsbildung fanden.
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