Wissenschaftlicher Aufsatz, 2006
16 Seiten
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
I. Einleitung
II. Weiblichkeitsentwürfe
1. Archetypische Mutterrolle
2. „Mischformen“ der Mutterrolle
3. „Säkularisierte“ Mutterrolle
4. „Hurenhafte“ Mutterrollen
5. Mutter, Geliebte und „Hure“
III. Sexualästhetische Darstellung
1. Initiation
2. La mujer metáfora Latinoamericana
IV. Sexualideologie und Welthaltung
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die unterschiedlichen Weiblichkeitsentwürfe sowie die sexualästhetische Darstellung in den Romanen "Die Blechtrommel" von Günter Grass und "Cien años de soledad" von Gabriel García Márquez unter Berücksichtigung der jeweiligen historisch-soziokulturellen Hintergründe.
1.Initiation und Koitusdarstellung
Nachdem die 17jährige Maria Truczinski von der Großmutter Anna Oskars Vater Matzerath, wahrscheinlich auch mit dem Hintergedanken als „Ersatz“ für die verstorbene Agnes ins Haus gebracht wurde, wird sie “Oskars erste Liebe“(S.342). Sie wächst in die Mutterrolle von Agnes hinein, übernimmt anfänglich ungezwungen die Überwachung der körperlichen Hygiene und abendlichen Waschungen. Dabei kommt es bei dem fast 16jährigen pubertierenden Oskar zur Entdeckung seiner Sexualität.
Maria wandelt sich für Oskar von der fürsorglichen „Mutter“ zum Objekt seiner Begierde. Diese Annäherung vollzieht sich behutsam über das Streicheln „mit weicher , verschlafener Bewegung über die kurzgeschnittenen Stoppelhaare“ (S.343), dem Wahrnehmen des „Vanillegeruch(s)“ von Maria, ihrer Nacktheit und ihrem Geschlecht: „Maria erschreckte Oskar mit ihrem behaarten Dreieck“(S.348), und es kommt zu dem instinktiven Cunnilingusversuch in der Badekabine, in der Oskar Maria als Frau entdeckt und seine erste mitgeteilte Erektion auftritt.
Als Oskar sich spontan in der Badekabine oral mit Marias Scham beschäftigt, weist sie ihn nicht zurück, „Sie ließ mich sogar bei ihrer Vanille“(S.349) , sondern scheint an der Initiation Oskars Spaß zu haben und tröstet ihn mütterlich: „Du bist mir so ain Schlingelchen! Jehst da ran und waißt nich, was is, und nachher weinste“(S.349).
Nach mehrwöchigem „Brausepulvervorspiel“ kommt es zum ersten und einzigen mitgeteilten Koitus.
I. Einleitung: Die Einleitung umreißt die feministische Fragestellung nach Weiblichkeitsentwürfen und sexueller Darstellung in den Werken von Grass und Márquez.
II. Weiblichkeitsentwürfe: Dieses Kapitel klassifiziert verschiedene Frauentypen wie die archetypische Mutter, "Mischformen", säkularisierte Rollen sowie das Bild der "Hure" in beiden Romanen.
III. Sexualästhetische Darstellung: Es erfolgt ein Vergleich der literarischen Umsetzung sexueller Initiation und die Einordnung der Frau als Metapher innerhalb der lateinamerikanischen Literatur.
IV. Sexualideologie und Welthaltung: Das Kapitel schließt mit einer Analyse der weltanschaulichen Unterschiede bei der Darstellung des Intimen, von konkret-dinglicher Symbolik bis hin zu metaphysischer Entgrenzung.
Frauenbild, Sexualästhetik, Die Blechtrommel, Cien años de soledad, Weiblichkeitsentwürfe, Mutterrolle, Initiation, Machismus, Patriarchat, Literaturvergleich, Günter Grass, Gabriel García Márquez, Postkolonialismus, Sexualideologie, Emanzipation
Die Arbeit analysiert und vergleicht das Frauenbild sowie die Darstellung von Sexualität und Liebesbeziehungen in den Romanen "Die Blechtrommel" und "Cien años de soledad".
Im Fokus stehen Weiblichkeitsentwürfe (z.B. Mutterrolle), die literarische Gestaltung sexueller Initiationen und die Einbettung dieser Darstellungen in gesellschaftliche und kulturelle Kontexte.
Die Untersuchung fragt danach, welche Weiblichkeitsentwürfe in den Werken erkennbar sind und wie sich diese vor einem historisch-soziokulturellen Hintergrund in der ästhetischen Darstellung sexueller Beziehungen widerspiegeln.
Es wird eine vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die feministische Interpretationsansätze mit kulturhistorischen Aspekten verbindet.
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Typisierung der Frauenrollen, eine Analyse der sexuellen Initiation und eine Gegenüberstellung der Sexualideologie und Weltsicht beider Autoren.
Die wichtigsten Begriffe sind Frauenbild, Sexualästhetik, Weiblichkeitsentwürfe, Initiation, Machismus und Postkolonialismus.
Während Grass eine facettenreichere, teils modernere Entwicklung der Frauenfiguren zeichnet, zeigt Márquez häufig noch postkoloniale Stereotypen, die jedoch Ansätze einer Befreiung und Selbstbestimmung in den späteren Generationen aufweisen.
Die Mutterrolle dient als zentraler Ankerpunkt für die Genealogie der Sippen, wobei sowohl positive, mythische Archetypen als auch durch gesellschaftliche Normen unterdrückte oder gebrochene Muttergestalten existieren.
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