Examensarbeit, 2006
98 Seiten, Note: 1,0
I. Einleitung
1. Eine Reise und ihre Texte
2. Forschungen
3. Zielstellung und Programm der Arbeit
II. (Sinn-) Strukturen des Textes
1. Erzählinstanzen
2. Titel
3. Äußere Struktur: Briefe
4. Kreisform des Textes und der Bewegung
5. Innere Struktur: drei mögliche Deutungen
III. Wahrnehmung und Darstellung des reiseliterarischen Raumes
1. Der erlebte Raum als Wahrnehmungsobjekt: Begriffe
a) Wahrnehmung
b) Der erlebte Raum
2. Das Schiff als erlebter und symbolischer Raum
3. Das Meer – eine Naturlandschaft
a) Das Meer in negativer Korrespondenz
b) Das Meer in positiver Korrespondenz
4. Landschaften als „картины“ oder: Raum und Kunst
a) Ankünfte in England und China
b) Insellandschaften: Madeira und Japan
c) Der locus amoenus oder: wie Wirklichkeit geboren wird
d) Sibirien: Rückkehr zur Wirklichkeit
IV. Wahrnehmung und Darstellung fremder Völker
1. Typische Wahrnehmungsobjekte
a) Sprache
b) Hautfarben
c) Augen
2. Der nationale Charakter: vom Massen- zum Einzelporträt
a) Der Engländer
b) Der Japaner
c) Asien und Europa
3. Frauen
V. Zusammenfassung
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wahrnehmungsprinzipien und Darstellungsweisen in Ivan A. Gončarovs Reisebericht „Фрегат Паллада“. Ziel ist es, die Konstruktion von Wirklichkeit im Text zu analysieren, indem der fundamentale Unterschied zwischen der erlebten, konstruierten Wahrnehmung des erzählten Ich und der narrativen Darstellung durch das erzählende Ich methodisch herausgearbeitet wird.
1. Erzählinstanzen
Für die Fragestellung von Wahrnehmung und Erzählen sind eindeutige Begrifflichkeiten bezüglich der Erzählinstanzen des Reisetextes von großer Wichtigkeit, da auf ihnen die zu untersuchenden Ebenen basieren. Es gibt in der Fachliteratur der unterschiedlichen Philologien verschiedene Termini für diese Instanzen (z.B. „Reiseschreiber“ bei Alfred Opitz, „Reiseschriftsteller“ bei Friedrich Wolfenzettel, „путешественник“ bei B. Ėngel’gardt), die jeweils verschiedene Aspekte des am häufigsten in Reisetexten auftretenden autodiegetischen Erzählers erfassen. Die vorliegende Arbeit orientiert sich an den Termini, die in der aktuellen Potsdamer Romanistik verwendet werden, weil sie die Instanzen in ihrer Verständlichkeit für den Leser und ihrer Funktionalität eindeutig voneinander abgrenzen. Es handelt sich im Wesentlichen um zwei textimmanente Instanzen: das erzählte Ich und das erzählende Ich, die zwei unterschiedliche Facetten des textexternen, empirischen Reisenden, in dem vorliegenden Falle Ivan A. Gončarov, darstellen.
Das erzählte Ich ist die im Reisebericht konstruierte literarische Figur, die vor (Reise)Ort ist und durch ihr unmittelbares Sehen und Erleben der Beglaubigung des Geschriebenen dient. Es handelt auf der Ebene der erzählten Zeit. Das erzählende Ich dagegen übt eine vermittelnde Funktion aus, indem es dem Leser Informationen übermittelt und diese mit den schon als vorhanden vermuteten Wissensbeständen abstimmt (vgl. Ette 2001:45f.). Ein sehr deutliches Beispiel Gončarovscher Reflexion einer „Abstimmung mit vermuteten Wissensbeständen“ findet sich gleich im ersten Brief aus England als Antwort auf ein Schreiben aus Sankt Petersburg:
„Сам я только что собрался обещать вам – не писать об Англии, а вы требуете, чтоб я писал, сердитесь, что до сих пор не сказал о ней ни слова. Странная претензия! Ужели вам не наскучило слышать и читать, что пишут о Европе и из Европы, особенно о Франции и Англии? Прикажете повторить, что туннель под Темзой очень . . . не знаю, что сказать о нем: скажу – бесполезен, что церков св. Павла изящна и громадна, что Лондон многолюден […]“ (Gončarov 1997:38).
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Genese des Textes ein, ordnet ihn forschungsgeschichtlich ein und definiert die methodische Zielsetzung der Arbeit.
II. (Sinn-) Strukturen des Textes: Dieses Kapitel arbeitet die textimmanenten Erzählinstanzen, die Bedeutung des Titels, die Briefform sowie die zirkuläre Komposition des Werkes heraus.
III. Wahrnehmung und Darstellung des reiseliterarischen Raumes: Der Abschnitt untersucht das Schiff, das Meer und diverse Landschaften als phänomenologische und ästhetische Wahrnehmungsobjekte.
IV. Wahrnehmung und Darstellung fremder Völker: Hier werden die Wahrnehmung von Sprache, Hautfarbe und Augen analysiert, um die sozialen Kategorien und Nationalcharakterisierungen im Reisebericht zu erörtern.
V. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung rekapituliert die zentralen Erkenntnisse über die Konstruktion von Wirklichkeit und die intertextuellen Dimensionen des Reiseberichts.
Wahrnehmung, Darstellung, Reisebericht, Ivan A. Gončarov, Фрегат Паллада, Erzählinstanzen, Narratologie, intertextuelles Feld, ästhetische Wahrnehmung, Raumtheorie, Nationalcharakter, Kolonialismus, Realismus, Fremdwahrnehmung.
Die Arbeit analysiert die Wahrnehmungsprinzipien und die narrative Darstellung in Ivan A. Gončarovs Reisebericht „Фрегат Паллада“ (Fregatte Pallas).
Zentral sind die Differenz zwischen dem erlebten Raum und der textuellen Konstruktion, die ästhetischen Wahrnehmungsmodi sowie die soziale Dimension des Berichts inklusive der Darstellung fremder Völker.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie der Autor durch die Hierarchie zwischen Wahrnehmung und Darstellung eine spezifische Wirklichkeit konstruiert und sich von traditionellen Reiseliteratur-Mustern absetzt.
Die Analyse stützt sich auf erzähltheoretische Ansätze, wahrnehmungsphilosophische Modelle (insbesondere von Martin Seel und Gernot Böhme) sowie intertextuelle Untersuchungen.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Sinnstrukturen des Textes, die Analyse des reiseliterarischen Raumes (Schiff, Meer, Landschaften) und die Betrachtung der sozialen Dimension (Wahrnehmung fremder Völker).
Zu den Schlüsselbegriffen gehören „erzähltes Ich“, „erzählendes Ich“, „ästhetische Wahrnehmung“, „Raumkonstruktion“, „Fiktionalität“ und „Intertextualität“.
Das Schiff wird sowohl als physischer Ort, als „Zuhause“ des Reisenden als auch als symbolisches Zentrum der Wahrnehmung und als intertextueller Verbindungspunkt aller Textteile gedeutet.
Die „картина“ wird als Indikator für eine imaginative Wahrnehmung des Raumes verstanden, mit der das erzählte Ich eine statische und artikulierte Darstellung anstrebt, um das Gesehene zu ordnen.
Die Arbeit zeigt einen Wandel auf: Von der anfänglichen stereotypen Betrachtung hin zu einem komplexeren Bild, bei dem der Reisende in Asien sein eigenes Selbstverständnis zunehmend als „Europäer“ konstruiert.
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