Magisterarbeit, 2006
94 Seiten, Note: 1,0
1 Einleitung
2 Erzählen im Alltag als soziale Interaktion
2.1 Einführung in die begrifflichen Zusammenhänge
2.1.1 Narration: Erzählung, Erzählen oder Geschichte?
2.1.2 Alltägliches Erzählen
2.1.3 Erzählen ist Interaktion
2.2 Erzählen als kommunikative Gattung
2.3 Die sozialen Funktionen des Erzählens
2.4 Sinnkonstitution und Erfahrungsreproduktion in narrativen Interaktionen
3 Sozialisation durch Interaktion – Theoretische Grundlagen
3.1 Sozialisation und narrative Sozialisation
3.2 Sozialisation durch symbolisch vermittelte Interaktionen (MEAD)
3.3 Narrative Sozialisation in den Zonen der nächstfolgenden Entwicklung (WYGOTSKI)
4 Sozialisation zum Erzählen - Erzählerwerb als sozialisatorische Interaktion
4.1 Das Interaktionsmodell von HAUSENDORF/QUASTHOFF
4.2 Narrative Sozialisation als Hineinwachsen in Sinn- und Bedeutungssysteme (BRUNER)
5 Sozialisation durch Erzählen – Die sozialisatorische Wirkung von narrativen Umwelten (MILLER)
5.1 Das Modell der Sozialisation durch sprachlichen Diskurs
5.2 Narrative Sozialisation durch Erzählen von persönlichen Geschichten in Familieninteraktionen
5.2.1 Geschichten über persönliche Erfahrungen
5.2.2 Narrative Umwelten
5.2.3 Praktiken des Erzählens persönlicher Geschichten
5.2.4 Interkultureller Vergleich der Ergebnisse
5.3 Narrationen als Methode von Sozialisation
5.3.1 Auswirkungen auf Sozialisation und Identitätsentwicklung
5.3.2 Theoretische Reflektion der Ergebnisse
6 Weitere Prozesse und Instanzen narrativer Sozialisation
6.1 Narrative Sozialisation durch das Kinderspiel
6.1.1 Spielen und Erzählen
6.1.2 Geschlechtspezifische Sozialisation durch das Erzählen von Geschichten mit Spielfiguren (FUCHS)
6.2 Narrative Sozialisation in der Schule
6.3 Narrative Sozialisation durch Unternehmenskultur
6.4 Narrative Sozialisation durch Massenmedien
7 Biografische Sozialisation und narrative Identität
7.1 Biografische Sozialisation und die Lebensgeschichte
7.2 Narrative Identität als Ergebnis narrativer Sozialisation
8 Zusammenfassung und Ausblick
Die Magisterarbeit untersucht das Potenzial alltäglicher Erzählungen für die Sozialisation von Individuen und etabliert ein soziologisches Verständnis von „narrativer Sozialisation“ als Interaktionsprozess zwischen Individuum und Gesellschaft.
2.1.1 Narration: Erzählung, Erzählen oder Geschichte?
Die meist vollkommen unterschiedlose Verwendung der Begriffe „Narration“, „Erzählung“ und „Geschichte“ verweist auf den Umstand, dass ein einziger integrativer Terminus bis dato nicht zur Verfügung steht. Mit Narration oder Erzählung wird dabei sowohl der Akt des Erzählens als auch die dabei gebildete Geschichte gemeint (vgl. Echterhoff/Straub 2003, S. 329). Dennoch kann aufgrund der tendenziellen Verwendung in der Literatur unter Zuhilfenahme etymologischer Kriterien zumindest die Narration von der Geschichte getrennt werden. So bedeutet Narration sowohl im Lateinischen (narratio) als auch im Englischen (narration) definitiv „Erzählung“ und nicht „Geschichte“ und gibt als solche den strukturellen und formalen Rahmen für die Handlung einer Geschichte (englisch: plot) ab, die auf den Inhalt der Erzählung, also die Fabel, verweist. Diese Trennung ist jedoch nur analytischer Natur, da die Geschichte als Inhalt einer Erzählung diese mitdefiniert und –konstituiert.
Ebenso führt die Suche nach den wesentlichen Eigenschaften einer Erzählung zu unterschiedlichen und teils unvereinbaren Ergebnissen. SARBIN (1986) hat einige der besonders häufig genannten Merkmale der Erzählung auf den Punkt gebracht: „A story is a symbolized account of actions of human beings that has a temporal dimension“ (Sarbin 1986, S. 3). Diese Definition, in der der englische Begriff story für die in einer Interaktionssituation erzählte Geschichte (und nicht für die Fabel an und für sich) steht, stellt Handlungen von menschlichen Protagonisten in eine zeitliche Ordnung. Dabei ist die Erzählung nicht mit den Geschehnissen an sich identisch sondern transformiert diese im Zuge ihrer symbolischen Repräsentation (vgl. Echterhoff/Straub 2003, S. 330). Hier wird eine erste wichtige Bestimmung des sozialisatorischen Charakters von Erzählungen offenkundig: Erzählungen operieren mit Deutungs- oder Interpretationskonstrukten und sind in ihrer Totalität selbst noch solche (ebd.). Viele Definitionen stimmen außerdem darin überein, dass Erzählungen einzelne Ereignisse und Handlungen von Akteuren in eine sequentielle Ordnung bringen. Dabei stehen diese nicht unverbunden nebeneinander (wie in einer Chronik), sondern untereinander in vielfacher Beziehung. Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang die durch den Akt des Erzählens selbst gestiftete Verknüpfung von Ereignissen, die eine einheitliche Gestalt ergibt.
1 Einleitung: Einführung in die Grundthese, dass alltägliches Erzählen wesentliche Sozialisationsleistungen erbringt und Darstellung des interaktiven Verständnisses von Sozialisation.
2 Erzählen im Alltag als soziale Interaktion: Theoretische Klassifizierung von Erzählungen als alltägliche soziale Interaktion und kommunikative Gattung zur Sinnstiftung.
3 Sozialisation durch Interaktion – Theoretische Grundlagen: Erläuterung der klassischen Sozialisationstheorien von G.H. Mead und L.S. Wygotski als Fundament für narrative Sozialisation.
4 Sozialisation zum Erzählen - Erzählerwerb als sozialisatorische Interaktion: Analyse des interaktiven Erzählerwerbsmodells und Jerome Bruners Ansatz des Hineinwachsens in Sinn- und Bedeutungssysteme.
5 Sozialisation durch Erzählen – Die sozialisatorische Wirkung von narrativen Umwelten (MILLER): Detaillierte Darstellung des Modells von Peggy J. Miller zur Sozialisation durch persönlichen Geschichtenaustausch in Familien.
6 Weitere Prozesse und Instanzen narrativer Sozialisation: Untersuchung von Erzählprozessen in Kontexten wie Kinderspiel, Schule, Unternehmen und Massenmedien.
7 Biografische Sozialisation und narrative Identität: Diskussion der Bedeutung von Lebensgeschichten für die Konstitution einer stabilen, diachronen Identität.
8 Zusammenfassung und Ausblick: Resümee der Arbeit und Ausblick auf die Weiterentwicklung einer soziologischen Theorie narrativer Sozialisation.
Narrative Sozialisation, Soziale Interaktion, Identitätsentwicklung, Alltagsgeschichte, Kommunikative Gattung, Erzählerwerb, Symbolische Interaktion, Lebensgeschichte, Narrative Kompetenz, Familiendiskurs, Rollenübernahme, Sinnkonstitution, Biographie, Kulturpsychologie, Soziale Integration
Die Arbeit untersucht, wie alltägliche Erzählungen und Geschichten als soziale Interaktionen zur Sozialisation von Individuen beitragen und wie dadurch ein gesellschaftliches Mitglied entsteht.
Im Zentrum stehen die Konzepte der narrativen Sozialisation, die Interaktionstheorien von Mead und Wygotski, die Rolle des Geschichtenerzählens in Familien sowie die Bedeutung von Lebensgeschichten für die Identitätsbildung.
Das Ziel ist die soziologische Integrationsleistung der verschiedenen Ansätze einer narrativen Sozialisationsforschung und die Etablierung eines theoretischen Rahmens, der Erzählen als zentralen Sozialisationsmodus begreift.
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse und Integration soziologischer und kulturpsychologischer Konzepte sowie der Auswertung empirischer Studien, insbesondere im Bereich der Erzählforschung.
Der Hauptteil analysiert Erzählen als soziale Interaktion, stellt theoretische Grundlagen der Sozialisation durch symbolisch vermittelte Interaktion vor und diskutiert empirische Modelle wie das von Peggy J. Miller.
Besonders prägend sind die Begriffe Narrative Sozialisation, Identitätsentwicklung, Soziale Interaktion und Kommunikative Gattung.
Durch die Einbindung in alltägliche Familiengeschichten lernen Kinder soziale Regeln, Werte und Deutungsmuster, die zur Bildung ihrer Identität und zur Integration in die Kultur beitragen.
Narrative Identität bezeichnet die Fähigkeit und Praxis, die eigene Lebensgeschichte durch Erzählungen kohärent zu strukturieren und sich selbst als handelndes Subjekt in einer zeitlichen Kontinuität zu situieren.
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