Magisterarbeit, 2006
102 Seiten, Note: 2,0
I. Einleitung zum Thema und zur Vorgehensweise
1. Großstadtreflexion vor Berlin Alexanderplatz
1.1. Die Großstadt zwischen Naturalismus und Expressionismus
1.2. Die Großstadt in der sozialpsychologischen Analyse
1.2.1. Simmel: Die Steigerung des Nervenlebens
1.2.2. Kracauer: Die geistige Obdachlosigkeit
1.3. Anti-urbanistische Strömungen
2. Die Weimarer Republik: Gesellschaft und Literatur
3. Aspekte von Großstadtliteratur
II. Der Mensch zwischen Ordnung und Auflösung
1. Döblins Franz Biberkopf: Hoffen auf Anständigkeit
1.1. Der Titel ist Programm: Großstadt versus Individuum
1.2. Dynamische Umwelt
1.3. Zwischen bürgerlicher Ordnung und innerer Unruhe
1.4. Zersetzung durch Gewalt und Kriminalität
1.5. Lose Verbindungen und Beziehungen
2. Döblins Großstadtepos: Auflösung der Romanstruktur
2.1. Döblins erzähltheoretischer Hintergrund
2.2. Die Umsetzung in Berlin Alexanderplatz
2.2.1. Die montierte Erzählung
2.2.2. Montiertes Erzählen
2.4. Entgrenzte Form: Roman oder Epos?
3. Kästners Fabian: Warten auf Vernunft
3.1. Der Titel als Referenz: gelebter Fabianismus?
3.2. Orientierungslosigkeit
3.3. Von der Großstadt in die Kleinstadt: Existenzen in Auflösung
3.4. Sexuelle Unverbindlichkeit
3.5. Rationalisierte Entfremdung: Die Angestellten
4. Kästners Berlingeschichte: Reduzierte Komplexität
4.1. Journalistische Großstadtreflexion
4.2. Sprache der Satire
4.3. Romanhafte Handlung
4.4. Innerlichkeit versus Sachlichkeit
III. Ein Spektrum urbaner Lebensformen am Ende der Weimarer Republik
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Mensch und Metropole in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" und Erich Kästners "Fabian" im Kontext der ausgehenden Weimarer Republik. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse urbaner Lebensformen, die zwischen Ordnung und Auflösung oszillieren, sowie auf dem ästhetischen Einfluss der Großstadt auf die Romanform.
I.1.1. Die Großstadt zwischen Naturalismus und Expressionismus
Unter den deutschsprachigen Schriftstellern setzen sich die Naturalisten als erste intensiv und programmatisch mit der Großstadt auseinander. Sie sind die ersten, welche die fortschreitende Urbanisierung und auch das sich rapide ausbreitende Massenelend als urbanes Phänomen registrieren. Der naturalistische Imperativ hat inhaltlich die Einführung und Aufwertung bisher nicht literaturfähiger Sujets wie Industrialisierung und Metropolenentwicklung zur Folge. Der Handlungsort bzw. das Thema Stadt scheint als gesellschaftliches Extrem die von den Naturalisten geforderte Darstellung der Determiniertheit des Menschen durch Vererbung, Milieu und historische Situation am treffendsten zu ermöglichen.
Wie Außenwelt und psychische Innenwelt in den Erzählungen der Naturalisten ineinander übergehen, nähern sich die Naturalisten langsam der Stadt als dem Symbol für wurzelloses Leben in Armut, Schmutz, Elend, Brutalität und Krankheit. Die frühen Darstellungen der Naturalisten „bleiben“ zunächst noch am Rand der Großstadt „stehen“, wie die frühen Naturalisten selbst häufig Vorstadtbewohner sind. Man besucht die Stadt als Anregung – aufgeschlossen und neugierig – nimmt sie aber auch als Bedrohung war. Die Großstadt spielt in ihren Werken eine eher mittelbare als unmittelbare Rolle: faszinierend und verlockend, aber auch beunruhigend liegt sie am Horizont als konturlose und undurchdringliche Masse. Die Stadt stört und verstört das Ich. In ihr selbst kann es sich nicht mehr behaupten und so sucht es den Rand als Ort, an dem Besinnung noch möglich ist. Man versucht, der Großstadt Herr zu werden, um Herr seiner selbst zu bleiben.
I. Einleitung zum Thema und zur Vorgehensweise: Definition des Untersuchungsrahmens und des Spannungsfeldes von Ordnung und Auflösung im urbanen Kontext der späten Weimarer Republik.
II. Der Mensch zwischen Ordnung und Auflösung: Detaillierte Textanalyse der Romane "Berlin Alexanderplatz" und "Fabian" hinsichtlich ihrer inhaltlichen und formalen Auseinandersetzung mit dem Großstadtleben.
III. Ein Spektrum urbaner Lebensformen am Ende der Weimarer Republik: Synthetische Betrachtung der literarischen Verarbeitungen des urbanen Raums und der krisenhaften gesellschaftlichen Zustände.
Weimarer Republik, Großstadtliteratur, Alfred Döblin, Erich Kästner, Berlin Alexanderplatz, Fabian, Neue Sachlichkeit, Urbanität, Ordnung, Auflösung, Montage, Großstadtepos, Moralist, Entfremdung, Metropole.
Die Arbeit analysiert urbane Lebensformen in der Literatur der späten Weimarer Republik, konkret in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" und Erich Kästners "Fabian".
Im Zentrum stehen das Spannungsfeld zwischen Ordnung und Auflösung, die Wahrnehmung der Großstadt durch den Menschen sowie die ästhetischen Auswirkungen auf die Romanform.
Das primäre Ziel ist es zu untersuchen, wie der literarische Umgang mit der Großstadt zwischen Ordnung und Auflösung die gesellschaftliche Befindlichkeit der ausgehenden Weimarer Republik widerspiegelt.
Die Arbeit nutzt eine komparative Textanalyse, um inhaltliche Motive und ästhetische Erzähltechniken beider Romane vor dem Hintergrund zeithistorischer Analysen zu deuten.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Döblins "Franz Biberkopf" und seiner Großstadtpoetik sowie Kästners "Fabian", wobei jeweils die Aspekte Titel, Großstadtwahrnehmung und Romanstruktur beleuchtet werden.
Wesentliche Begriffe sind Weimarer Republik, Großstadtliteratur, Neue Sachlichkeit, Montage, Entfremdung und das Spannungsverhältnis von Mensch und Metropole.
Döblin setzt die Montage ein, um die Vielschichtigkeit und die "Simultaneität" des großstädtischen Lebens sowie die Unmöglichkeit einer geschlossenen, linearen Erzählweise ästhetisch abzubilden.
Während Döblin die Stadt als mystisches, dynamisches Kraftfeld und "epischen Partner" des Helden begreift, nutzt Kästner die Stadt vorwiegend als dynamische Kulisse für eine satirische Beobachtung gesellschaftlicher Unvernunft.
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