Magisterarbeit, 2006
88 Seiten, Note: 1,0
Einleitung
Edgar Hilsenrath – Werk
Der Grenzgänger
Hilsenrath in eigener Sache
Jubiläum
Schau heimwärts, Jossel!
Geschichte und Literatur
Geschichtslücken und narrativer Diskurs
Geschichte – Gedächtnis – Literatur
Historiographie I – Hayden White
Historiographie II – Siegfried Lenz
Historiographie III – Walter Benjamin
Gedächtnis und Literatur I
Gedächtnis I – Paul Ricœur
Gedächtnis II – Maurice Halbwachs
Judentum – Kultur und Geschichte
Judentum I – Kulturelles Gedächtnis
Judentum II – Deuteronomium
Judentum III – Vilém Flusser
Exkurs: Franz Kafka
Judentum IV – Shoah
Judentum V – Leo Baeck
Exkurs: Identität und Shoah
Historiographie IV – Dan Diner
Historiographie V – Yosef Yerushalmi
Erzählen – Erinnerung – Geschichte
Gedächtnis und Literatur II
Erzählung und Geschichte
Jossel I – Hilsenraths Motive
Jossel II – Rezeption
Jossel III – Erzählsituation und Struktur
Jossel IV – Erzählen und Wirklichkeit
Schlußbetrachtung
Die Arbeit untersucht, wie Edgar Hilsenrath in seinem Roman "Jossel Wassermanns Heimkehr" Erinnerungskultur gestaltet und welche Auffassung von Geschichte und Gedächtnis seinem Erzählen zugrunde liegt. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie Literatur nach der Shoah als Medium der Sinnstiftung und Erinnerungsbewahrung fungieren kann, wenn offizielle Geschichtsschreibung an ihre Grenzen stößt.
HILSENRATH IN EIGENER SACHE
Der Griff zum ,philosemitischen Taschentuch‘ wird bei der Lektüre von Hilsenraths Büchern dadurch blockiert, daß er die Täter-Opfer-Trennung annulliert, indem er die Gut-Böse-Dichotomie auflöst. Er agiert gegen „eine Art Wiedergutmachung an den Juden, [...] [die] versucht, sie als Edelmenschen darzustellen“, da ein solches Vorgehen die Juden zu anderen Menschen macht und ihnen die Komplexität des Seins vorenthält – die Sonderstellung der Juden als „Edelmenschen“ vereinfacht Mitgefühl, Wiedergutmachung und Vergangenheitsbewältigung. Zugleich wird die Shoah oft als singuläres Phänomen verstanden, durch deren Einzigartigkeit eine Wiederholung ausgeschlossen ist.
Wer diese These vertritt, sperrt sich jedoch einer tiefgehenden und interdisziplinären sozio-kulturellen Aufarbeitung. Denn durch die Dämonisierung von Nationalsozialismus und Shoah werden diese mythologisiert und der Faktizität und Realität enthoben, was kontroverse Diskussionen unmöglich macht. Hilsenrath sieht die Welt als „eine Welt, die aus den Fugen geraten ist [...]“ und setzt diesen Standpunkt in seiner literarischen Produktion um: „Wenn ich aber schreibe, drücke ich es zynisch und satirisch aus. Ich klage nicht direkt an. Alles wird in beißenden Hohn gehüllt.“ Ihm ist bewußt, daß er sich in eine Position begibt, die behauptet werden muß.
Einleitung: Die Einleitung führt in das zentrale Thema ein, wie Hilsenraths Werk als Antwort auf die Shoah gelesen werden kann und welche Rolle das Erzählen als Erinnerungskultur spielt.
Edgar Hilsenrath – Werk: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über Hilsenraths literarisches Schaffen, seine Rolle als Grenzgänger der Literatur und die spezifische Art seiner Auseinandersetzung mit dem Holocaust.
Geschichte – Gedächtnis – Literatur: Hier werden theoretische Grundlagen beleuchtet, indem Positionen von Theoretikern wie Hayden White, Siegfried Lenz und Walter Benjamin mit Hilsenraths Literaturansatz in Beziehung gesetzt werden.
Judentum – Kultur und Geschichte: Dieses Kapitel analysiert das jüdische Gedächtnis und kulturelle Identität anhand von Konzepten wie dem kulturellen Gedächtnis, dem Deuteronomium und Ansätzen von Denkern wie Vilém Flusser, Franz Kafka und Leo Baeck.
Erzählen – Erinnerung – Geschichte: Das Kapitel konzentriert sich auf die spezifische Umsetzung der Themen im Roman "Jossel Wassermanns Heimkehr", einschließlich der Erzählsituation und der Frage, wie Wirklichkeit durch Erzählen konstruiert wird.
Schlußbetrachtung: Die Schlußbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht die Bedeutung des Erzählens als einen aktiven, lebendigen Prozess gegen das Vergessen.
Edgar Hilsenrath, Jossel Wassermanns Heimkehr, Shoah, Erinnerungskultur, Gedächtnis, Geschichtsschreibung, Erzählen, Literatur, Judentum, kollektives Gedächtnis, Walter Benjamin, Identität, Fiktion, Geschichte, Holocaust.
Die Magisterarbeit untersucht den Roman "Jossel Wassermanns Heimkehr" von Edgar Hilsenrath vor dem Hintergrund theoretischer Diskurse über Geschichte, Gedächtnis und Erinnerungskultur nach der Shoah.
Die thematischen Schwerpunkte liegen auf der Schnittstelle zwischen Literatur und Geschichtswissenschaft, der Rolle des Judentums, der Bedeutung des Erzählens für die Identitätsbildung und dem Spannungsfeld zwischen offizieller Historiographie und individuellen Einzelschicksalen.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Hilsenrath durch sein Erzählen Möglichkeiten eröffnet, Geschichte "gegen den Strich zu bürsten" und so eine Form der Erinnerung zu schaffen, die über die rein faktenorientierte Geschichtsschreibung hinausgeht.
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse des Romans durchgeführt, die durch eine fundierte theoretische Reflexion (unter Einbeziehung geschichtsphilosophischer Ansätze) ergänzt wird, um die literarischen Strategien des Autors zu deuten.
Im Hauptteil werden Hilsenraths Werk und seine Motive analysiert, gefolgt von einer theoretischen Auseinandersetzung mit Geschichts- und Gedächtniskonzepten, bevor der Roman unter erzähltechnischen und inhaltlichen Aspekten detailliert untersucht wird.
Wichtige Begriffe sind unter anderem Erinnerungskultur, Shoah, kollektives Gedächtnis, literarische Konstruktion von Wirklichkeit, "erzählende Geschichtsschreibung" und die spezifische jüdische Perspektive auf Geschichte.
Laut den Ausführungen im Dokument dient der Märchenstil als pragmatisches und ästhetisches Mittel, um die Unbegreiflichkeit der Gräueltaten des Holocaust zu beschreiben, ohne in moralisierende oder rein faktenorientierte Diskurse zu verfallen.
Das Schtetl dient als Modellraum für das untergegangene jüdische Leben in der Bukowina. Es symbolisiert eine Gemeinschaft, deren Vernichtung durch das Erzählen zumindest im kulturellen Gedächtnis bewahrt werden soll.
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