Magisterarbeit, 2006
108 Seiten, Note: 1,5
Einleitung
Zum Aufbau und Inhalt der Arbeit
I. Gastarbeiter – und Migrantenliteratur
1. Die Autorinnen: Gesellschaftliche Einbettung und Werkauswahl
2. Erklärt uns die Fremde(n)
3. Auf den Spuren von Kultur und Identität: Vorstellung exemplarischer Untersuchungen
II. Theorie und Methodik
1. Clifford Geertz –Kultur (be -) schreiben?
2. Identität – Das Leben ist eine Baustelle
3. Das Eigene und das Fremde: Modi der Fremderfahrung
4. Ein Ausflug in den Orient: Orientalismus
III. Wanderwege
1. Die blaue Maske
1.1 Die Ich-Erzählerin: Von der Lehrerin zur Schriftstellerin
1.2 Binnenmigration: Auf der Suche nach der Heimat
1.3 Unterwürfige Geliebte oder freie Mätresse
1.4 Zug in die Fremde: Migrationsgründe
2. Bilder des Westens
2.1 Begegnung mit Deutschland: Fladenbrot und Teeküche
2.2 Rückständiges Anatolien
2.3 Orte als Heimat – Nomadenleben
2.3.1 Heimat und Beheimatung – ein Exkurs
2.4 Sprache und Kritik – Aspekte der Begegnung
2.5 Begegnung mit dem Anderen: Therapiegruppen und sexuelle Freiheit
2.6 Masken tragen: Karneval als Selbsterfahrung
3. Dina
3.1 Dina: Die Arbeiter, die Fremde und das Schreiben
4. Die Stimme des Orients meldet sich zu Wort?
4.1 Mutterzunge und die Sprache des Großvaters
4.2 Sprachlandschaften
4.3 Auf der Suche nach den Wörtern der Mutter
4.3.1 Wort für Wort zurück
4.3.2 Die Kindheit der Wörter
4.4 Großvatersprache
4.5 Ibni Abdullah
4.5.1 Gefahr durch das Weib – Geschlechterbilder
4.6 Sprache, Wörter, Körper
4.7 Tod als verbindendes Element
4.8 Türkei und Deutschland – Sprachwanderung und Nomadenorte
4.9 Der persönliche Stadtplan
IV. Zusammenfassung – Folgen der Migration
1. Erweiterung des Spielraums
2. Blick in die andere Richtung
Die Arbeit verfolgt das Ziel, Migration in den Werken von Aysel Özakın und Emine Sevgi Özdamar nicht als bloßes Defizit oder kulturelles Spannungsfeld zu analysieren, sondern als Bedingung für Identitätskonstruktion und Fremderfahrung. Die Forschungsfrage richtet sich darauf, wie Migration die Figuren verändert, welche Strategien der Beheimatung sie entwickeln und wie dabei das Zusammenspiel von Identität, Sprache und gesellschaftlicher Einbindung in neuen Lebensräumen gelingt.
1.1 Die Ich-Erzählerin: Von der Lehrerin zur Schriftstellerin
Aus religiös-konservativem Elternhaus stammend, verdient die Ich-Erzählerin ihren Lebensunterhalt als Lehrerin. Eine innere Unruhe, eine Unzufriedenheit, die sie nicht näher benennen kann, führt zu dem Wunsch, zu schreiben, was von ihrem Mann unterstützt wird. Er stellt sogar den Kontakt zu einem bekannten Dichter in Istanbul her, um seiner Frau, die gerade von ihrer Schwangerschaft erfahren hat, einen Besuch dort zu ermöglichen: „Mein Wunsch zu schreiben machte ihm nun keine Angst mehr. Die Schwangerschaft würde den Widerspruch, den ich in mir trug, besiegen.“
Die Ich-Erzählerin wird in den Strudel des Istanbuler Intellektuellen-Lebens hineingezogen, fasziniert durch Dina, die sie dort kennen lernt und angeregt durch die Debatten und Diskussionen, die man in den Bars und Cafes führt: „Das Fernweh, den Wunsch auszubrechen, das war, so glaube ich, ein Gefühl, dass uns alle verband.“ Auszubrechen aus den als rigide empfundenen Regeln der eigenen Gesellschaft, aber auch ein Ausbrechen im Sinne eines Verlassens des Landes. Özakın gibt dabei ein ausführliches Bild der damaligen Situation der Intellektuellen, verweist auch immer wieder auf statt findende Diskussionen und die sich verschärfende politische Lage.
Der Wunsch, Schriftstellerin zu werden ist also Auslöser für das Verlassen des Lebensortes und die Migration nach Istanbul, er ist das vorherrschende Identitätsprojekt, dem alle anderen – wie Ehe und Beruf als Lehrerin - untergeordnet werden. Im Interview mit Wierschke betont Özakın für sich selbst, wie wichtig die Teilidentität ‚Schriftstellerin’ für ihr eigenes Leben ist. Auf die Frage, wie sie sich selbst definiere, antwortet sie: „My first definition would be ‚I am a writer’, since I live my life and I experience the world through this medium.“
I. Gastarbeiter – und Migrantenliteratur: Ein Überblick über die literarische Einordnung der Autorinnen und die kritische Reflektion bisheriger Forschungsansätze, die oft eurozentrisch geprägt waren.
II. Theorie und Methodik: Vorstellung der angewandten Methoden, insbesondere der „dichten Beschreibung“ nach Clifford Geertz, sowie der Identitätskonstruktion nach Keupp zur Analyse von Fremderfahrung.
III. Wanderwege: Eine detaillierte Werkanalyse von Aysel Özakıns Roman und den Erzählungen von Emine Sevgi Özdamar im Hinblick auf Migrationserfahrungen und Sprachverlust.
IV. Zusammenfassung – Folgen der Migration: Ein Resümee der Ergebnisse, das die Bedeutung von individuellen Beheimatungsstrategien und die Überwindung starrer kultureller Zuschreibungen hervorhebt.
Migration, Migrantenliteratur, Identitätskonstruktion, Fremderfahrung, Aysel Özakın, Emine Sevgi Özdamar, Dichte Beschreibung, Beheimatung, Kulturwissenschaft, Sprachverlust, Orientalismus, Identität, Exil, Intellektuelle, Biografie
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen Migration in Werken von Aysel Özakın und Emine Sevgi Özdamar unter besonderer Berücksichtigung ihrer Identitätsentwicklung.
Die zentralen Felder umfassen Identität im Prozess, das Erleben von Fremdheit, die Bedeutung von Sprache für die Selbstverortung und die Rolle gesellschaftlicher Netzwerke.
Ziel ist es, einen realitätsadäquaten Umgang mit Migrationserfahrungen aufzuzeigen, der über statische Begriffe wie „Gastarbeiterliteratur“ hinausgeht und die aktive Beheimatung der Protagonistinnen analysiert.
Die Autorin nutzt die Methode der „dichten Beschreibung“ nach Clifford Geertz sowie Konzepte der Identitätskonstruktion nach Heiner Keupp.
Der Hauptteil analysiert spezifische Texte wie „Die blaue Maske“ von Özakın sowie „Mutterzunge“ und „Großvaterzunge“ von Özdamar hinsichtlich der Darstellung von Migration und Heimat.
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Migration, Identitätskonstruktion, Dichte Beschreibung, Fremderfahrung und die spezifischen Autorennamen Özakın und Özdamar.
Die Protagonistinnen erleben die neue Sprache teilweise als fremden Raum oder Abstandshalter zur schmerzhaften Vergangenheit, nutzen sie jedoch aktiv als Medium zur Selbstfindung und für ihr literarisches Schreiben.
Dieses Motiv verdeutlicht den kreativen, fast körperlichen Umgang der Erzählerin mit Sprache und Wissen, um die Trennung zwischen dem realen Lehrer und ihrer inneren Welt aufzuheben.
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