Magisterarbeit, 2005
85 Seiten, Note: 2,0
1 Einleitung
2 Theoretische Aspekte der unerhörten Begebenheit
2.1 Literarhistorischer Kontext und Forschungslage
2.2 Charakteristika der Begebenheit bei Kleist
2.2.1 Wahrscheinlichkeit und Wahrheit
2.2.2 Der Zufall als konstitutives Element der Begebenheit
2.2.3 Schein und Sein – der Konflikt in der Begebenheit
2.2.4 Begebenheit ohne Grenzen?
3 Die Inszenierung der Gesellschaftskritik
3.1 Die dramatischen Elemente der Novelle
3.2 Moral oder Gesellschaftskritik – der „soziale Sinn“ in Kleists Novellen
3.3 Zwischenbilanz
4 Justiz: unerreichbare Gerechtigkeit?
4.1 Individuum und Rechtsstaat: der Fall Michael Kohlhaas
4.1.1 Parallelität von Recht und Unrecht
4.1.2 Die Willkür des Junkers
4.1.3 Das Standesvorurteil
4.1.4 Vetternwirtschaft und Korruption
4.1.5 Der Gesellschaftsvertrag und seine Auflösung
4.1.6 Zwischen Genugtuung und Rachsucht
4.2 Gott als Rechtsinstanz? Justiz im „Zweikampf“
4.3 Zwischenbilanz
5 Familie: ein gebrechliches Element der Gesellschaft
5.1 Marode Familienstrukturen – „Die Marquise von O...“
5.1.1 „Familienrücksichten“ als sozialer Zwang
5.1.2 Gestörte Kommunikation in der Familie
5.1.3 Autoritätsverlust des Patriarchen
5.2 Lieblosigkeit und familiäre Dysfunktionalität in den Novellen
5.3 Zwischenbilanz
6 Religion: Missbrauch des christlichen Wertesystems
6.1 Scheinheiligkeit und Fanatismus – „Das Erdbeben in Chili“
6.1.1 Die Heuchelei in der Gesellschaft
6.1.2 Das trügerische Idyll
6.1.3 Religiöser Wahn: Demagogie und Lynchjustiz
6.2 Wunderglaube und Bigotterie
6.3 Zwischenbilanz
7 Exkurs: das Vorurteil in der „Verlobung in St. Domingo“
8 Fazit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis der „unerhörten Begebenheit“ zur Darstellung gesellschaftskritischer Aspekte in den Novellen von Heinrich von Kleist. Die Forschungsfrage zielt darauf ab, wie Kleist dieses zentrale novellentheoretische Element funktionalisiert, um durch das plötzliche Einbrechen in die Alltagswelt gesellschaftliche Missstände, Machtstrukturen und moralische Dysfunktionalitäten offenzulegen und kritisch zu beleuchten.
Die Willkür des Junkers
Welche gesellschaftskritischen Ideen Kleists finden in dieser Begebenheit Ausdruck? Offensichtlich ist zunächst die Empörung über die Willkür des Junkers. Augenfällig wird dabei, dass der Erzähler der objektiv-sachlichen Erzählweise eines Chronisten nicht gerecht wird. Er ist von Beginn an kein neutraler Berichterstatter, der ohne subjektive Einflüsse die Geschehnisse schildert. Eine explizite Stellungnahme ist zwar nicht nachweisbar, aber es finden sich wertende Beschreibungen wie „schändliche und abgekartete Gewalttätigkeit“, „nichtswürdiger Dickwanst“ und „unverschämte Forderung“, die Kohlhaas’ Gegner diskreditieren und dem Pferdehändler die Sympathie des Lesers sichern.
Diese indirekte Stellungnahme richtet sich zwar im Verlauf der Novelle auch gegen Kohlhaas, wenn er etwa der „Schwärmerei krankhafter und mißgeschaffener Art“ bezichtigt oder als „Mordbrenner“ bezeichnet wird, doch bevor die unerhörte Begebenheit in sein Leben einbricht und Kohlhaas darauf reagiert, ist der Erzähler offensichtlich auf seiner Seite.
1 Einleitung: Darstellung des Forschungsinteresses an der Beziehung zwischen der „unerhörten Begebenheit“ und der Gesellschaftskritik in den Novellen Kleists.
2 Theoretische Aspekte der unerhörten Begebenheit: Definition des Begriffs in der Literaturwissenschaft mit Fokus auf Goethes Verständnis und Anwendung bei Kleist.
3 Die Inszenierung der Gesellschaftskritik: Analyse der dramatischen Struktur von Kleists Novellen und deren Eignung als Instrument zur Kritik am sozialen Gefüge.
4 Justiz: unerreichbare Gerechtigkeit?: Untersuchung der Rechtsstaatlichkeit und individuellen Gerechtigkeitssuche am Beispiel des „Michael Kohlhaas“ sowie der Problematik des Gottesurteils im „Zweikampf“.
5 Familie: ein gebrechliches Element der Gesellschaft: Analyse familiärer Dysfunktionalität und Autoritätsverluste anhand der „Marquise von O...“ und des „Findlings“.
6 Religion: Missbrauch des christlichen Wertesystems: Erörterung religiöser Heuchelei, Fanatismus und Wunderglaube in „Das Erdbeben in Chili“ und „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik“.
7 Exkurs: das Vorurteil in der „Verlobung in St. Domingo“: Auseinandersetzung mit Rassismusvorwürfen und der Funktion des Vorurteils in dieser Erzählung.
8 Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse über die Funktion der unerhörten Begebenheit als aufbrechendes Element gesellschaftskritischer Darstellung.
Kleist, Novelle, unerhörte Begebenheit, Gesellschaftskritik, Recht, Gerechtigkeit, Familie, Religion, Fanatismus, Zufall, Schein und Sein, Vorurteil, Patriotismus, Korruption, Moral
Die Arbeit untersucht, wie Heinrich von Kleist die literarische Form der „unerhörten Begebenheit“ nutzt, um die Gesellschaft seiner Zeit kritisch zu hinterfragen und deren Mängel aufzudecken.
Die Arbeit konzentriert sich schwerpunktmäßig auf die Darstellung von Recht und Gerechtigkeit, familiären Strukturen sowie den Missbrauch religiöser Wertesysteme innerhalb der Novellen.
Die zentrale Frage ist, in welcher Beziehung die „unerhörte Begebenheit“ zur kritischen Inszenierung der Gesellschaft steht und welchen Stellenwert sie bei Heinrich von Kleist einnimmt.
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse, die novellentheoretische Ansätze mit einer detaillierten Untersuchung exemplarischer Erzählungen von Kleist verknüpft.
Der Hauptteil gliedert sich in drei große Themenblöcke: Justiz und Staat, Familie und Religion, in denen jeweils die Funktion des unerhörten Geschehens als Auslöser gesellschaftskritischer Reflexion analysiert wird.
Die Analyse wird durch Begriffe wie „unerhörte Begebenheit“, „Gesellschaftskritik“, „Rechtsgefühl“, „Willkür“, „Schein und Sein“ sowie „famliliäre Dysfunktionalität“ geprägt.
Die Arbeit zieht eine Verbindung zur heutigen Weltlage und bezeichnet Kohlhaas als Terroristen, da er sich aufgrund des Versagens der staatlichen Rechtsordnung ungerecht behandelt fühlt und zur Gewalt als letztem Mittel greift, um seine Ziele durchzusetzen.
Die Episode dient als notwendiges Element für die kritische Darstellung der Rechtswirklichkeit; durch das Eingreifen einer höheren Macht wird verdeutlicht, dass menschliche Justiz ohne moralische Instanzen unzureichend ist.
Der Skandal liegt nicht primär in der Vergewaltigung selbst, sondern in der bewussten Verletzung gesellschaftlicher Konventionen durch die Marquise, die ihre Schwangerschaft öffentlich in der Zeitung bekannt macht, anstatt zu schweigen.
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