Magisterarbeit, 2006
83 Seiten, Note: 1,0
1 Einleitung
2 Das Gleichnis vom verlorenen Sohn, Lukas 15: 11-32
2.1 Exkurs: Bedeutung und Funktion der Gleichnisse Jesu
2.2 Die exegetische Auslegung
2.3 Die Einordnung in das Spektrum parabolischer Rede
2.4 Struktur und Figurenkonstellation
3 Das Gleichnis vom verlorenen Sohn in der Literatur des 20. Jahrhunderts
3.1 André Gide: Die Rückkehr des verlorenen Sohnes - Aufbruch und Resignation
3.1.1 Struktureller Handlungsaufbau der Erzählung
3.1.1.1 Das Vorwort des Erzählers
3.1.1.2 Der verlorene Sohn
3.1.1.3 Der Verweis des Vaters
3.1.1.4 Der Verweis des älteren Bruders
3.1.1.5 Die Mutter
3.1.1.6 Das Zwiegespräch mit dem jüngeren Bruder
3.1.2 Der Konflikt des Zurückgekehrten
3.2 Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge - „Die Legende dessen, der nicht geliebt werden wollte“
3.2.1 Die Handlungsstruktur des Romans
3.2.2 Die Legende vom verlorenen Sohn
3.2.2.1 Der Weg des Sohnes
3.2.2.2 Die Heimkehr des Sohnes
3.3 Franz Kafka: Heimkehr - Die verfehlte Heimkehr
3.3.1 Struktureller Aufbau der Erzählung
3.3.2 Die vollständige Entfremdung
3.4 Robert Walser: Die Geschichte vom verlorenen Sohn - Der Bruder des verlorenen Sohnes
3.4.1 Form und Aufbau der Erzählung
3.4.1.1 Die gegensätzlichen Söhne
3.4.1.2 Der Wechsel der Perspektive: Der „wahrlich Unzufriedene“
3.4.2 Der Umkehrschluss
4 Schlussbetrachtung
Die vorliegende Arbeit untersucht komparativ, wie das biblische Motiv des verlorenen Sohnes in der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts von André Gide, Rainer Maria Rilke, Franz Kafka und Robert Walser neu interpretiert wurde, um den Fokus auf individuelle psychologische und existenzielle Fragestellungen statt auf religiöse Dogmen zu verschieben.
3.1.1.2 Der verlorene Sohn
Der Text beginnt mit der auktorialen Erzählung vom verlorenen Sohn. Der Leser wird unmittelbar in die Handlung hineinversetzt, in welcher der Sohn rückblickend und Zukünftiges wünschend den Entschluss fasst, nach Hause zurückzukehren. Der Entschluss resultiert aus der eigenen Feststellung, dass er das Glück nicht gefunden habe. Damit wird die beschlossene Heimkehr zum Eingeständnis des Versagens. Entgegen dem Sohn der biblischen Parabel, der weiß, dass er seine Sohnschaft durch die Auszahlung des väterlichen Vermögens verloren hat und nur noch eine Anstellung als Knecht auf dem väterlichen Hof für möglich hält, spekuliert der Sohn in Gides Erzählung auf die väterliche Gnade. Er ist sich seiner Legitimation vollends bewusst: „er schämt sich für seine Scham, im Bewusstsein, der rechtmäßige Sohn zu sein, …“ (486)
Seine Rückkehr folgt dem Text des Lukasevangeliums. Gide erweitert die lukanische Vorlage um einen bellenden Hund und dem Sohn entgegen schlagendes Misstrauen der Leute am Hof; so wird deutlich, dass der Sohn lange Zeit fort war. In der Beschreibung der Wiederbegegnung zwischen Vater und Sohn bleibt Gide eng an der Überlieferung. Doch der Vater geht seinem Sohn nicht entgegen, sondern verharrt in statuarischer Haltung und wartet darauf, dass der Sohn, den er sofort erkannt hat, ihm entgegen kommt. Was Gide jetzt einführt, soll in Rilkes Neufassung des verlorenen Sohnes im letzten Fragment der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge kulminieren: Gide lässt den verlorenen Sohn vor dem Vater niederknien und die Arme um Vergebung flehend empor heben. Sein Sündenbekenntnis, das Verzeihen des Vaters, das Fest und die Einwände des älteren Bruders folgen sinngemäß der lukanischen Geschichte. In Gides Fassung verkörpert der Vater die Liebe, der ältere Bruder die Ordnung. Damit ist das Figurenpersonal des Gleichnisses erschöpft, mit der Heimkehr schließt es, bei Gide aber ist die Heimkehr des Sohnes nur Einleitung zur Auseinandersetzung mit der Familie.
1 Einleitung: Vorstellung des Themas und der vier ausgewählten literarischen Variationen sowie Erläuterung der pragmatischen Auswahlbegründung.
2 Das Gleichnis vom verlorenen Sohn, Lukas 15: 11-32: Analyse der biblischen Vorlage hinsichtlich ihrer Funktion, Struktur und exegetischen Bedeutung als Grundlage für den Vergleich.
3 Das Gleichnis vom verlorenen Sohn in der Literatur des 20. Jahrhunderts: Untersuchung der verschiedenen literarischen Adaptionen bei Gide, Rilke, Kafka und Walser, wobei die jeweils spezifische Modernisierung und Umwertung des Stoffes analysiert wird.
4 Schlussbetrachtung: Synthese der Ergebnisse über die schrittweise Modernisierung und Säkularisierung des Motivs und die daraus resultierende Bedeutung für das Identitätsverständnis im 20. Jahrhundert.
Verlorener Sohn, Bibelrezeption, Literaturwissenschaft, Säkularisierung, André Gide, Rainer Maria Rilke, Franz Kafka, Robert Walser, Moderne, Identitätssuche, Parabel, Existenzialismus, Vater-Sohn-Verhältnis, Intertextualität
Die Arbeit untersucht, wie das Gleichnis vom verlorenen Sohn als biblischer Prätext in der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts adaptiert und durch moderne Autoren umgedeutet wurde.
Analysiert werden "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes" von André Gide, die Legende am Ende der "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" von Rainer Maria Rilke, "Heimkehr" von Franz Kafka und "Die Geschichte vom verlorenen Sohn" von Robert Walser.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Autoren das biblische Motiv von einer religiösen Lehrgeschichte in eine säkulare Auseinandersetzung mit individueller Identität und gesellschaftlicher Ordnung transformieren.
Es erfolgt eine textanalytische Untersuchung, die zunächst das biblische Gleichnis analysiert und anschließend die vier literarischen Werke komparativ hinsichtlich Struktur, Figurenkonstellation und Motivik vergleicht.
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Analyse der vier Autoren, wobei jeder Autor in einem eigenen Unterkapitel hinsichtlich seiner spezifischen Transformation des Stoffes betrachtet wird.
Wichtige Begriffe sind Säkularisierung, Existenzialismus, intertextuelle Bezüge, Identitätssuche, Entfremdung und die Umdeutung von Autoritätsstrukturen wie dem "Vaterhaus".
Bei Walser rückt der daheimgebliebene Bruder ins Zentrum. Er wird als der eigentlich Verlorene dargestellt, der an seiner eigenen Rechtschaffenheit und Unfähigkeit zum Aufbruch leidet, wodurch das traditionelle Modell ironisch umgekehrt wird.
Kafkas Erzählung wird als "verfehlte Heimkehr" beschrieben, bei der es zu keinem freudigen Wiedersehen kommt, sondern der Sohn entfremdet vor der Tür bleibt und das "Ankommen" ins Leere läuft.
Rilkes Figur möchte gerade nicht geliebt werden, da er Liebe als Fessel empfindet; er sucht nicht die Gnade des Vaters, sondern reift durch eine "stille, ziellose Arbeit" zur Individualität heran.
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