Diplomarbeit, 1996
201 Seiten, Note: 1,0
Einleitung
1. Ausgangsbedingungen und Grundlagen der Untersuchung
1.1. Das Menschenbild Alfred Adlers
1.2. Schlüsselbegriffe der Individualpsychologie
1.2.1. Minderwertigkeitsgefühl
1.2.2. Kompensation
1.2.3. Gemeinschaftsgefühl
1.2.4. Lebensstil
1.3. Aufbau und Institutionalisierung der individualpsychologischen Schule bis 1945
1.4. Wissenschaftstheoretische Fundierung der Individualpsychologie
1.4.1. Selbstaussagen Adlers
1.5. Zusammenfassung der wissenschaftstheoretischen Entwicklungen von Adler bis zur Gegenwart
1.5.1. Übertragung der neuen Ansätze auf die Psychologie
1.6. Standortbestimmung und Motivation der Verfasserin
1.6.1. Auseinandersetzung mit dem Begriff der Entwicklung
2. Neue Untersuchungen zur Geschichte der Individualpsychologie
2.1. Reorganisation und Professionalisierung der individualpsychologischen Schule nach dem 2.Weltkrieg bis zur Gegenwart
2.2. Auseinandersetzung mit der Organisationsstruktur der Individualpsychologie
2.3. Auseinandersetzung mit der Geschichte der Individualpsychologie
2.3.1. Verhalten von Individualpsychologen während des Faschismus
2.3.2. Sperber und die Individualpsychologen heute
2.4. Zusammenfassung
3. Neue wissenschaftstheoretische Untersuchungen zur Individualpsychologie
3.1. Rovera (1978)
3.2. Antoch (1981)
3.3. Handlbauer (1984)
3.4. Winkler (1989)
3.5. Schlott (1993)
3.6. Zusammenfassung
4. Neue theoretische Untersuchungen zur Individualpsychologie
4.1. Die Suche nach Identität: Individualpsychologie als Tiefenpsychologie?
4.2. Individualpsychologie und Psychoanalyse
4.3. Auseinandersetzung mit den individualpsychologischen Konzepten und Konstrukten
4.3.1. Individualpsychologische Konzepte
4.3.1.1. Finalität
4.3.1.2. Einheit und Ganzheit
4.3.2. Individualpsychologische Konstrukte
4.3.2.1. Minderwertigkeitsgefühl und Kompensation
4.3.2.2. Gemeinschaftsgefühl
4.3.2.3. Lebensstil
4.3.3. Das Apperzeptionskonzept als paradigmatischer Theoriekern
4.4. Zusammenfassung
5. Praxis der Individualpsychologie heute
5.1. Die Patient-Therapeut-Beziehung im psychotherapeutischen Prozess
5.1.1. Patienten mit frühen, defizitären Störungen
5.1.2. Spezifische Behandlungstechniken
5.2. Gruppenpsychotherapie
5.3. Ausbildungssituation
5.4. Zusammenfassung
6. Individualpsychologie und andere Psychotherapieschulen
6.1. Verhaltenstherapie
6.2. Familientherapie
6.3. Klientenzentrierte Psychotherapie
6.4. Körperzentrierte Psychotherapie
6.5. Zusammenfassung
7. Individualpsychologie und Akademische Psychologie heute
7.1. Grundlagenfächer
7.2. Anwendungsfächer: Klinische Psychologie
7.2.1. Krankheitsmodelle
7.2.1.1. Unterscheidung zwischen Beratung und Psychotherapie
7.2.2. Psychotherapieforschung
7.2.2.1. Integrationsmodelle
7.3. Psychotherapieschulen und Psychotherapeutengesetz
7.4. Zusammenfassung
8. Schlussfolgerungen und Ausblick
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob die Individualpsychologie (IP) als eine der ältesten Psychotherapieschulen im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs und in der psychotherapeutischen Praxis mit dem Erkenntnisstand der Akademischen Psychologie Schritt halten kann und in welchem Maße sie zur Lösung oder Linderung psychischer Störungen beiträgt.
1.1. Das Menschenbild Alfred Adlers
Der Kerngedanke von Adlers Persönlichkeitstheorie ist das Konzept eines "einheitlichen, zielgerichteten, schöpferischen Individuums, das in gesundem Zustand in einer positiven, konstruktiven, ethischen Beziehung zu seinen Mitmenschen steht" (Ansbacher & Ansbacher, 1982, S.20). Der Name "Individualpsychologie" betont die unteilbare Einheit von Körper, Seele und Geist des "Individuums". Er war auch als Abgrenzung gegenüber dem Freudschen Persönlichkeitsmodell gedacht, das mehrere miteinander in Konflikt liegende psychische Instanzen postuliert. Bei Adler zieht das gesamte seelische Geschehen an einem Strang. Zwar unterscheidet er wie Freud zwischen bewussten und unbewussten Vorgängen, aber das Unbewusste führt kein den Tendenzen des Bewusstseins entgegengesetztes Eigenleben. Auch die verschiedenen psychischen Funktionen wie Denken, Fühlen, Handeln, Wahrnehmen, Lernen stehen alle im Dienst einer einheitlich ausgerichteten Motivation. Die IP geht nicht von einzelnen Elementen aus, sondern vom Menschen als einem organischen Ganzen. Die Nähe der Ideen Adlers zur Ganzheitsphilosophie von Smuts und zur Gestalttheorie wird häufig hervorgehoben.
Die Einheit der Persönlichkeit ist eine souveräne und selbstbestimmende Macht, die durch innere und äußere Einflüsse mitgeformt wird. Alles Seelenleben ist zielgerichtet. Der Mensch ist weder durch seine Erbanlagen, noch durch frühkindliche Umwelteinflüsse vollständig kausal determiniert. Die Ursachenforschung erfasst nur einen zweitrangigen Aspekt des Lebensgeschehens, nämlich seinen physikalisch-chemischen Teil. Die eigentliche Ordnung des Lebendigen ist das ziel- und zweckgerichtete Handeln, das sich nur einer teleologischen Betrachtungsweise erschließt. Dieser teleologische Ansatz unterscheidet die IP von allen anderen psychologischen Theorien. Bereits 1912 wies Adler darauf hin, dass das Individuum aus dem Gefühl der Minderwertigkeit, der Unterlegenheit heraus, das durch die Kleinheit und Schwäche eines Kindes gegenüber dem Erwachsenen entsteht, meist unbewusst, aber sicher unverstanden, ein Persönlichkeitsideal, eine "Fiktion persönlicher Überlegenheit" schafft.
1. Ausgangsbedingungen und Grundlagen der Untersuchung: Dieses Kapitel bietet einen Überblick über das Menschenbild Alfred Adlers, die zentralen Begriffe seiner Theorie und deren wissenschaftstheoretische Fundierung bis 1945.
2. Neue Untersuchungen zur Geschichte der Individualpsychologie: Hier wird die Reorganisation und Professionalisierung der individualpsychologischen Schule nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart sowie die Organisationsstruktur kritisch beleuchtet.
3. Neue wissenschaftstheoretische Untersuchungen zur Individualpsychologie: Dieser Abschnitt widmet sich den neueren erkenntnistheoretischen Diskursen innerhalb der IP unter Einbeziehung verschiedener Autoren und Ansätze.
4. Neue theoretische Untersuchungen zur Individualpsychologie: Hier werden die aktuellen Identitätsfragen der IP sowie eine detaillierte Auseinandersetzung mit ihren zentralen Konzepten und Konstrukten vorgenommen.
5. Praxis der Individualpsychologie heute: Dieses Kapitel behandelt die aktuelle therapeutische Praxis, die Patient-Therapeut-Beziehung und die heutige Ausbildungssituation.
6. Individualpsychologie und andere Psychotherapieschulen: Es erfolgt eine Analyse des Verhältnisses der IP zu anderen Schulen wie Verhaltenstherapie, Familientherapie und Körperpsychotherapie.
7. Individualpsychologie und Akademische Psychologie heute: Der Fokus liegt auf der Wechselbeziehung zwischen der IP und der universitären klinischen Psychologie sowie der Bedeutung des Psychotherapeutengesetzes.
8. Schlussfolgerungen und Ausblick: Eine Zusammenfassung der Ergebnisse und ein Ausblick auf die notwendige Weiterentwicklung und Positionierung der Individualpsychologie in der Zukunft.
Individualpsychologie, Alfred Adler, Tiefenpsychologie, Psychotherapie, Gemeinschaftsgefühl, Lebensstil, Psychotherapieforschung, Identität, Akademische Psychologie, Kausalität, Finalität, Ausbildungssituation, Organisationsstruktur, Integration, Krankheitsmodelle
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem aktuellen Stellenwert und der Weiterentwicklung der Individualpsychologie (IP) nach Alfred Adler. Die Autorin analysiert, wie sich die Schule seit dem Zweiten Weltkrieg theoretisch und praktisch entwickelt hat.
Zentrale Themen sind die Geschichte der IP nach 1945, ihre wissenschaftstheoretische Fundierung, die Auseinandersetzung mit ihren Kernkonzepten (wie Minderwertigkeitsgefühl und Gemeinschaftsgefühl) sowie die Interaktion mit anderen Psychotherapieschulen und der Akademischen Psychologie.
Das Hauptziel ist zu untersuchen, ob die IP auch heute noch eine relevante und wissenschaftlich fundierte Psychotherapieschule ist, die mit modernen Standards mithalten kann, und wo ihr spezifisches Entwicklungspotenzial liegt.
Die Autorin nutzt eine chronologische Analyse wichtiger Veröffentlichungen von Individualpsychologen vor dem Hintergrund der jeweiligen historischen Institutionalisierungsbestrebungen. Ergänzend findet eine Auseinandersetzung mit wissenschaftstheoretischen Diskursen statt.
Der Hauptteil gliedert sich in die Aufarbeitung der Organisationsgeschichte, die wissenschaftstheoretische Einordnung neuerer Studien, eine detaillierte Analyse theoretischer Konzepte sowie eine Darstellung der heutigen therapeutischen Praxis und Ausbildungssituation.
Die wichtigsten Schlagworte sind Individualpsychologie, Gemeinschaftsgefühl, Lebensstil, Tiefenpsychologie, Psychotherapieforschung und das Verhältnis zur Akademischen Psychologie.
Die Autorin stellt eine zunehmende Annäherung der IP an die Psychoanalyse fest, warnt jedoch vor einer Preisgabe der spezifischen identitätsstiftenden sozialkritischen Aspekte der IP zugunsten einer bloßen Anpassung.
Das Gesetz wird als treibende Kraft hinter der Professionalisierung, aber auch als Risiko für die intellektuelle Autonomie und als Instrument der Medizinisierung analysiert, das die IP in ein Machtgefüge zwingt, das ihre ursprünglichen Ideale teils konterkariert.
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