Magisterarbeit, 2006
137 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
1.1. Fragestellung
1.2. Aufbau der Arbeit
1.3. Quellenlage
1.4. Forschungsstand
2. Migrationsbewegungen – Das Ruhrgebiet als Zuwanderungsgesellschaft
2.1. Ost-West-Binnenmigration
2.2. Transnationale Wanderung
3. Staatsfeinde als Zuwanderer: die `Ruhrpolen´
3.1. Polnische Marginalisierung – Die „Falle Nationalstaat“
3.2. Institutionelle Kriminalisierung – „Polenüberwachung“
4. Kriminalitätsdiskurs
4.1. Kriminologischer Diskurs – Das Sprechen über Kriminalität
4.2. Zeitungsdiskurs – der massenmediale Transport
5. „Preußens Wilder Westen“ - Proletarisierung und Bürgerangst
5.1. Konzepte vorindustrieller Kriminalitätsangst: der „Gauner“
5.2. Proletarischer Habitus und bürgerliche Gewaltrezeption
5.3. Wohnverhältnisse der Unterschichten – „Unsittlichkeit“ als Folge
5.4. Freizeitverhalten, Arbeiterkultur und Alkohol
5.5. Proletarische Delinquenz – statistische Befunde
5.5.1. Körperverletzungen
5.5.2. „Grober Unfug“
6. „Jene slawischen Elemente“ – Ostzuwanderung und perzipierte Kriminalität
6.1. Nationalisierung des Diskurses
6.2. Biologisierung des Kriminalitätsdiskurses
6.2.1. „Degeneration“ und „Minderwertigkeit“
6.2.2. „Degeneration“ und „Rasse“
6.3. Gewaltkriminalität, Alkohol und Zuwanderung
6.3.1. Stereotypisierungen: „trinkende Polen“ und Gewalt
6.3.2. „Rohe Messerhelden“ – Wahrnehmung `ausländischer´ Gewaltkriminalität
6.4. Lebensverhältnisse und Stigmatisierung – „Unsittlichkeit“ fremdsprachiger Zuwanderer
6.4.1. Defizitäre Urbanisierung und „Polnische Wirtschaft“
6.4.2. Wohnverhältnisse der Fremden – „Unsittlichkeit“ als Ursache
6.5. Delinquenz der Zuwanderer – statistische Befunde
6.6. Gewalt gegen Fremde – die Kehrseite der „Ausländerkriminalität“
7. Ausblick und Schluss
Die Arbeit untersucht die diskursiven Prozesse im Kaiserreich, durch die die bürgerliche Gesellschaft auf die Massenmigration ins Ruhrgebiet reagierte. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie aus einer ursprünglich neutralen proletarischen Kriminalitätswahrnehmung eine ethnisch kodierte, stigmatisierte „Ausländerkriminalität“ konstruiert wurde, die insbesondere die polnische Minderheit betraf.
1.1. Fragestellung
„Verbrecher, Trinker, Unsittliche und Zivileheherren.“ Dies sind die Schlagworte einer Diskussion im Kaiserreich, die die Massenzuwanderung ländlicher Unterschichten ins Ruhrgebiet an Gewalt, Sittlichkeitsverbrechen und Alkoholismus koppelt.
Unter den Bedingungen einer entstehenden Einwanderungsgesellschaft mit all ihren Transformationen und Verwerfungen reagiert das deutsche Bürgertum seit Ende des 19. Jahrhunderts mit Konzepten, die dem bundesdeutschen Angstmotiv „Ausländerkriminalität“ ähneln.
Das junge Ruhrgebiet der Hochindustrialisierungsperiode ist einerseits abhängig von massiver – auch ethnisch fremder – Zuwanderung: „Ohne die `Entfesselung´ der zuvor gebundenen oder gelenkten Migrationspotentiale wäre die Industrialisierung nicht möglich gewesen.“ Andererseits sind die sozialen Implikationen dieser Wanderungsprozesse gesellschaftlich nicht abgefedert.
„Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen.“ Der berühmte Satz Max Frischs bezieht sich auf die Migrationswellen seit den 1960er Jahren, beschreibt jedoch für das 19. Jahrhundert in einer Art „Déjà-vu-Erlebnis“ recht genau die Diskrepanz zwischen ökonomischer und sozialer Integration von Zuwanderern.
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Zuwanderung im Kaiserreich und die Entstehung von Diskursen über Kriminalität.
2. Migrationsbewegungen – Das Ruhrgebiet als Zuwanderungsgesellschaft: Analyse der massiven Binnenwanderung und transnationalen Arbeitsmigration, die das Ruhrgebiet zur Zuwanderungsgesellschaft machten.
3. Staatsfeinde als Zuwanderer: die `Ruhrpolen´: Untersuchung der Marginalisierung der polnischen Minderheit durch staatliche Repressionspolitik und „Polenüberwachung“.
4. Kriminalitätsdiskurs: Erörterung der Rolle von Kriminologie und Presse bei der Konstruktion des Bildes von Kriminalität.
5. „Preußens Wilder Westen“ - Proletarisierung und Bürgerangst: Beschreibung des bürgerlichen Umgangs mit dem neuen, proletarischen Habitus und der daraus resultierenden Angst vor Kriminalität.
6. „Jene slawischen Elemente“ – Ostzuwanderung und perzipierte Kriminalität: Darstellung der Nationalisierung und Biologisierung des Diskurses und der gezielten Stigmatisierung der Zuwanderer.
7. Ausblick und Schluss: Zusammenfassung der Ergebnisse zur Konstruktion von Feindbildern im historischen Kontext und deren Kontinuität.
Ruhrpolen, Industrialisierung, Kriminalitätsdiskurs, Migration, Stigmatisierung, Kaiserreich, Arbeiterkultur, Ausländerkriminalität, Preußen, Sozialpolitik, Biologisierung, Integration, Nationalismus, Gewaltkriminalität, Proletarisierung.
Die Arbeit analysiert, wie im Kaiserreich der Zusammenhang zwischen der Massenmigration ins Ruhrgebiet und der Wahrnehmung von Kriminalität diskursiv konstruiert wurde.
Die Schwerpunkte liegen auf der Migrationsgeschichte des Ruhrgebiets, der Diskursanalyse über Kriminalität, der Rolle von Vorurteilen gegenüber der polnischen Minderheit und dem soziokulturellen Konflikt zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum.
Das Ziel ist es, die Prozesse zu beschreiben, mit denen die bürgerliche Gesellschaft Zuwanderung als Bedrohung interpretierte und „Fremdheit“ systematisch kriminalisierte.
Die Arbeit nutzt einen diskursanalytischen Zugang, um anhand zeitgenössischer Quellen (Presse, Verwaltungsberichte, kriminologische Fachliteratur) die Konstruktion von Feindbildern nachzuvollziehen.
Der Hauptteil befasst sich mit der Entwicklung der „Polenüberwachung“, der Rolle von Kriminologen und der Presse bei der Verbreitung von Stereotypen über „trinkende Polen“ oder „rohe Messerhelden“.
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Ruhrpolen, Kriminalitätsdiskurs, Stigmatisierung, Biologisierung und Proletarisierung charakterisiert.
Der Autor zeigt auf, wie das in Notlagen begründete Schlafgängerwesen von zeitgenössischen Behörden als moralische Gefahr und Brutstätte von Sittlichkeitsverbrechen umdefiniert wurde, um repressive Maßnahmen zu legitimieren.
Der Autor interpretiert die Herner Krawalle nicht als rein „polnische Ausschreitungen“, sondern als Folge von staatlich provozierter Konfrontation und einem Ventil für die angestauten Ressentiments der Mehrheitsbevölkerung.
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