Masterarbeit, 2006
60 Seiten, Note: 2.5
1. Einleitung
2. Fortschritte in den Biowissenschaften
2.1 Reproduktionsmedizin
2.1.1. In-Vitro-Fertilisation
2.1.2 PND, PID und die Möglichkeit zur Selektion
2.1.3 Vom geklonten Schaf zum geklonten Menschen?
2.2 Stammzellforschung und tissue engineering
2.3 Medizintechnik und Euthanasie
3. Biopolitik: Versuch einer Begriffsbestimmung
4. Der Begriff der Biopolitik bei Foucault
4.1 Biopolitik, Bio-Macht und Rassismus
4.2 Diskursanalyse und Gouvernementalität
5. Von Foucault zu Agamben
5.1 Homo sacer – Die souveräne Macht und das nackte Leben
5.2 Was von Auschwitz bleibt – Das Archiv und der Zeuge
5.3 Ausnahmezustand
6. Kritik der Biopolitikbegriffe bei Foucault und Agamben
6.1 Foucault versus Agamben
6.2 Die Geschichte des Abendlandes aus der Sicht Agambens
6.3 Foucault/Agamben: Biopolitik ohne Biowissenschaften
7. Konsequenzen und Relevanz für die Biowissenschaften
7.1. Die homines sacri der Biowissenschaften
7.2. Individuelle „Entscheidungsfreiheit“ anstelle staatlicher Souveranität
7.3 Biopolitische und bioethische Diskurse
8. Diskussion
Ziel dieser Arbeit ist es, den Biopolitik-Begriff von Giorgio Agamben unter Einbeziehung der Theorien von Michel Foucault hinsichtlich seiner Relevanz für die modernen Biowissenschaften kritisch zu untersuchen. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Spannungsfelder zwischen technologischem Fortschritt, politischer Macht und dem ethischen Schutz menschlichen Lebens.
1. Einleitung
1953 ermitteln James Watson und Francis Crick die Doppelhelixstruktur der DNA. Biologie und Biomedizin erleben in der Folge eine Revolutionierung: 1961 findet Marshall Nirenberg heraus, daß jeweils drei Bausteine der DNA einer Aminosäure entsprechen. Dies führt dazu, daß innerhalb der folgenden fünf Jahre der genetische Code entschlüsselt wird, der festlegt, wie die DNA-Information in Protein übersetzt wird. 1973 stellen Stanley Cohen, Annie Chang und Herbert Boyer das erste gentechnisch veränderte rekombinante Bakterium her, indem sie ein Plasmid mit vereinter viraler und bakterieller DNA in das Darmbakterium Escherichia Coli einschleusen. Erstmals ist es damit gelungen, Gene von einem Organismus auf einen anderen zu übertragen – die Geburtsstunde der Gentechnik.
1978 wird in England das erste Retortenbaby – Louise Joy Brown – geboren. Die dafür verwendete Methode wird als In-Vitro-Fertilisation (IVF) bezeichnet. 1981 gelingt es, fremde Gene in das Erbgut von Mäusen einzuschleusen. Damit wird zum ersten Mal ein transgenes Tier erzeugt. Pflanzen werden zwei Jahre später gentechnisch verändert. 1990 wird das Humangenomprojekt gestartet, ausserdem werden erste Gentherapieversuche am Menschen durchgeführt und das erste Kind nach Präimplantationsdiagnostik (PID) wird geboren.
1994 kommen in den USA gentechnisch veränderte Tomaten auf den Markt (Flavr Savr® Tomaten). 1997 präsentiert Ian Wilmut mit dem Klonschaf „Dolly“ das erste Säugetier, das aus der Körperzelle eines erwachsenen Tieres hergestellt wurde. 2000 wird in Großbritannien das therapeutische Klonen von bis zu 14 Tage alten Embryonen erlaubt. 2003 geben Craig Venter von der Firma Celera und Francis Collins bekannt, daß das Genom des Menschen fertig sequenziert ist.
1. Einleitung: Diese Einleitung bietet einen historischen Abriss der wichtigsten Meilensteine der Biomedizin und Gentechnik in den vergangenen 50 Jahren und führt in die ethischen Problematiken ein.
2. Fortschritte in den Biowissenschaften: Das Kapitel erläutert aktuelle Entwicklungen in der Reproduktionsmedizin, Stammzellforschung und Medizintechnik sowie deren spezifische ethische Konflikte.
3. Biopolitik: Versuch einer Begriffsbestimmung: Es wird die Definition von Biopolitik als allgemeine Kategorie zur Erfassung der sozialen und politischen Folgen biotechnologischer Interventionen diskutiert.
4. Der Begriff der Biopolitik bei Foucault: Dieses Kapitel analysiert Foucaults Konzept der Bio-Macht, den Rassismus als Machtmechanismus und das Konzept der Gouvernementalität.
5. Von Foucault zu Agamben: Hier werden Agambens Theorie des Ausnahmezustands, die Figur des homo sacer und die Verbindung von Demokratie und Totalitarismus dargestellt.
6. Kritik der Biopolitikbegriffe bei Foucault und Agamben: Es erfolgt eine kritische Reflexion und Gegenüberstellung der Ansätze beider Theoretiker bezüglich ihrer historischen Anwendung und Einseitigkeit.
7. Konsequenzen und Relevanz für die Biowissenschaften: Das Kapitel überträgt die Theorien auf aktuelle biowissenschaftliche Praxen und reflektiert die Verschiebung von staatlicher Souveränität zu individueller Entscheidungsfreiheit.
8. Diskussion: Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst und die Bedeutung einer diskursiven, verantwortungsvollen Auseinandersetzung mit der Biotechnologie betont.
Biopolitik, Michel Foucault, Giorgio Agamben, Bio-Macht, homo sacer, Reproduktionsmedizin, Gentechnik, Stammzellforschung, Ausnahmezustand, Diskursanalyse, Gouvernementalität, Eugenik, Ethik, Medizintechnik, Bioethik
Die Arbeit untersucht den Begriff der Biopolitik bei den Philosophen Michel Foucault und Giorgio Agamben und analysiert, inwieweit deren machttheoretische Konzepte zum Verständnis moderner biowissenschaftlicher Entwicklungen beitragen können.
Das Spektrum reicht von der Reproduktionsmedizin (IVF, PID), dem Klonen und der Stammzellforschung bis hin zu ethischen Fragen der Sterbehilfe und der gesellschaftlichen Steuerung durch Biopolitik.
Ziel ist es, die biopolitischen Konzepte Foucaults und Agambens kritisch zu reflektieren, um eine fundierte Basis für den Umgang mit ethischen Herausforderungen in der Biomedizin zu schaffen.
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-soziologische Diskursanalyse, um theoretische Machtkonzepte mit aktuellen medizinisch-biotechnologischen Entwicklungen und Debatten in Beziehung zu setzen.
Der Hauptteil gliedert sich in eine Bestandsaufnahme biowissenschaftlicher Fortschritte, eine theoretische Ausarbeitung der Positionen von Foucault und Agamben sowie eine kritische Transferleistung auf die heutigen biopolitischen Diskurse.
Die Arbeit verbindet klassische biopolitische Theorie mit sehr aktuellen, hochkomplexen Debatten der Genetik und Biomedizin, wobei insbesondere der Einfluss von Diskursen auf unser Verständnis von „Leben“ und „Tod“ hervorgehoben wird.
Agamben differenziert zwischen zoé als dem nackten, rein biologischen Leben und bíos als der spezifischen, politisch oder kulturell geformten Lebensweise.
Der Autor argumentiert, dass die Verlagerung von Entscheidungen auf das Individuum im Rahmen einer „neoliberalen Gouvernementalität“ dazu führen kann, dass ethische Schranken fallen und gesellschaftlicher Druck eugenische Praxen begünstigt.
Er kritisiert, dass Wissenschaftler durch ihre Äußerungen und die Teilnahme an bioethischen Diskursen selbst zu Akteuren werden, die gesellschaftliche Werte verschieben können, und warnt vor der Macht, die in der einseitigen Lenkung solcher Diskurse liegt.
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