Examensarbeit, 2006
78 Seiten, Note: 1,0
Einleitung
I. Vorbetrachtungen
I. 1. Wahrnehmung, Gedächtnis und Imagination
I. 2. Bildhaftigkeit der Texte
II. Imagination und Rezeptionsart
III. Imagination und Augenzeugenschaft
III. 1. Der Rezipient als Augenzeuge zweiter Ordnung
III. 2. Implizite Augenzeugenschaft
IV. Bildregie
IV. 1. Erzähler und Erzählbilder
IV. 2. Bild-Lücken – Lückenbilder
IV. 3. Einzelbild, Bildgefüge und Bildabfolge
IV. 3. 1. Polyfokalität
IV. 3. 2. Filmhafte Wahrnehmung
V. Imagination von Räumen
V. 1. Ausgedehnte Räume
V. 1. 1. Raum durch Bewegung
V. 1. 2. Raum durch Blicke
V. 2. Eingerichtete Räume
V. 2. 1. Symbolkraft und Öffentlichkeitsrelevanz des Sichtbaren
V. 2. 2. Heimliche Räume
V. 2. 3. Raum der Täuschung
V. 3. Performanz
Die Arbeit untersucht die Funktion und Wirkungsweise von Imagination und Bildregie in Gottfrieds "Tristan" unter rezeptionsästhetischen Gesichtspunkten. Das zentrale Ziel ist es, die spezifischen poetischen Strategien zu entschlüsseln, durch die der mittelalterliche Text ein "Wahrnehmungsangebot" an den Leser oder Zuhörer richtet und eine aktive Teilnahme an der Sinnkonstitution fordert.
IV. 2. Bild-Lücken – Lückenbilder
wie s’aber von ringe liezen gân, wie sî mit scheften staechen, / wie vil sî der zerbraechen – daz suln die garzûne sagen: die hulfen ez zesamene tragen. ine mag ir buhurdieren / niht allez becrôieren
Man kann die in dieser Textstelle zum Ausdruck kommende Verweigerung einerseits zwar als ironische, kritische Distanz zur konventionellen Artusepik deuten. Andererseits produziert der Text an Stellen wie dieser große Spielräume für die Imagination. Allein der Hinweis auf die Dienstburschen, die die zerbrochenen Lanzen zusammengetragen haben, stimuliert das Hervorrufen innerer Bilder beim Rezipienten, sodass das Turnier doch noch vor dem geistigen Auge stattfindet. Solche Lücken haben also nicht zur Folge, dass der Rezipient die nicht vermittelten Bilder nicht imaginieren könnte oder nicht würde. Das Gegenteil dürfte der Fall sein. Die mit der Erzählverweigerung verbundene Andeutung des Geschehens liefert gewissermaßen das Stichwort, das memoria und imaginatio auf den Plan ruft. Als Besonderheit kommt bei dieser Imagination zum Tragen, dass der Rezipient auswählen kann, was er sehen möchte. Er vermag bis zu einem gewissen Grad, das Geschehen selbst zu steuern. In Rückgriff auf selbst Erlebtes beziehungsweise auf früher Gelesenes oder Gehörtes sowie im eventuellen Zusammenspiel mit der Kommunikation innerhalb der Rezeptionsgemeinschaft können die Bild-Lücken ausgefüllt werden. Die Verweigerungshaltung des Erzählers lässt sich somit als Appell an das Publikum deuten, sich aktiv am Erzählvorgang, an der (Re-)Konstruktion der Geschichte zu beteiligen. Das jeweilige Resultat kann dann als Lückenbild bezeichnet werden.
Einleitung: Die Arbeit führt in die rezeptionsästhetische Perspektive auf den "Tristan" ein, wobei der Text als Wahrnehmungsangebot verstanden wird, das spezifische historische Voraussetzungen der Wissensgenerierung und Bilderzeugung nutzt.
I. Vorbetrachtungen: Dieses Kapitel erörtert die theoretischen Grundlagen der Wahrnehmungspraxis im Mittelalter, insbesondere das Wechselspiel von imaginatio und memoria im Kontext der Literaturrezeption.
II. Imagination und Rezeptionsart: Hier wird die Vortragssituation des "Tristan" thematisiert, indem untersucht wird, wie der Text durch poetische Strategien das Publikum zur aktiven Teilnahme an einer imaginierten Aufführungssituation bewegt.
III. Imagination und Augenzeugenschaft: Der Abschnitt analysiert, wie durch die Einbindung fiktiver Augenzeugen die erzählte Geschichte ihre Authentizität gewinnt und den Rezipienten in den Status eines "Augenzeugen zweiter Ordnung" versetzt.
IV. Bildregie: Es wird die Relation zwischen Erzähler, Rezipient und den evozierten "Erzählbildern" untersucht, wobei insbesondere die Schnitttechnik und der Umgang mit Bild-Lücken als steuernde Regieelemente hervortreten.
V. Imagination von Räumen: Das Kapitel differenziert zwischen ausgedehnten, landschaftlichen Räumen und eingerichteten, symbolisch belebten Räumen, die erst durch das Handeln und die Bewegung der Figuren für den Leser wahrnehmbar werden.
Gottfried von Straßburg, Tristan, Rezeptionsästhetik, Imagination, Augenzeugenschaft, Bildregie, Mittelalterliche Literatur, Performativität, Kinästhetik, Polyfokalität, Wahrnehmungskultur, Raumwahrnehmung, memoria, imaginatio, fiktionale Literatur.
Die Arbeit untersucht, wie Gottfried von Straßburg in seinem "Tristan"-Roman durch spezifische Darstellungsmittel die Wahrnehmung des mittelalterlichen Publikums steuert und den Leser zur aktiven Imagination einlädt.
Die Schwerpunkte liegen auf den Konzepten der Augenzeugenschaft als Beglaubigungsstrategie, der Bildregie als erzählerisches Steuerungselement und der Imagination von Räumen als konstitutivem Faktor für den Leser.
Ziel ist es, nachzuweisen, dass der Tristan-Roman ein komplexes "Wahrnehmungsangebot" bietet, das den mittelalterlichen Rezipienten über performative Strategien und eine spezifische "Bildregie" in das Geschehen integriert.
Die Untersuchung basiert primär auf rezeptionsästhetischen Ansätzen und mediävistischen Theorien zur Wahrnehmungsgeschichte, wobei moderne kognitionspsychologische und medienwissenschaftliche Vergleiche (z.B. mit Filmtechniken) einbezogen werden.
Der Hauptteil analysiert detailliert die verschiedenen Modi der Imagination, wie die Herstellung von Authentizität durch Augenzeugen, die Schnitt- und Montagetechniken des Erzählers sowie die Bedeutung von Bewegung und Blickachsen für die Konstruktion von Räumen.
Wesentliche Begriffe sind "Augenzeugenschaft", "Bildregie", "Polyfokalität", "Imagination", "Rezeptionsästhetik" und "performativität".
Sie zeigt auf, dass der Text den Anschein erweckt, auf schriftlich fixierten Augenzeugenberichten zu basieren, um so die Fiktion als "verbürgte historia" zu legitimieren und den Leser direkt am Geschehen teilhaben zu lassen.
Unter Bildregie wird das komplexe Zusammenspiel von Erzähler, Bildern und Publikum verstanden. Dabei fungiert der Erzähler als "Regisseur", der den Fokus des Publikums lenkt, während die Bilder eine eigene Dynamik entwickeln.
Räume werden im Tristan nicht als statische Kulissen begriffen, sondern als durch Handlungen, Blicke und Bewegungen "eingerichtete" Orte, die den Rezipienten zur Partizipation einladen und erst in der Vorstellung Gestalt annehmen.
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