Magisterarbeit, 2006
112 Seiten, Note: 1,7
Einleitung
I. Eingrenzung fachwissenschaftlicher Begrifflichkeiten
1. Imperialismus – Semantische Entwicklung, Periodisierung und Definitionen
2. Kolonialismus – Kolonie, Kolonisation und Kolonialpolitik
II. Bismarcks Kolonialskepsis - Motive, Hintergründe und Stellungnahmen
1. Haushaltspolitik und die Ausweitung des parlamentarischen Exerzierfeldes
2. Mangelnde Infrastruktur und schwache Flotte
3. Die ökonomische Unrentabilität überseeischer Kolonien
4. Die Bevorzugung eines informellen Freihandelsexpansionismus
5. Europäischer Status Quo und französischer Revanchismus
III. Der koloniale Wendepunkt - Theorien und Erklärungsansätze für den Beginn staatlich-formeller Kolonialpolitik
1. Das Auswanderungsproblem und der Verlust nationaler Energie
2. Nationalprestige und Weltgeltungssucht
3. Ökonomische Motive und die Wirtschaft als treibende Kraft
4. Sozialimperialismus als allumfassende Krisentherapie
5. Der Druck der öffentlichen Meinung und die Reichstagswahlen
6. Die Kronprinzenthese und die Angst vor einem deutschen Kabinett Gladstone
7. Außenpolitische Konstellationen und die Berliner Westafrika-Konferenz
Resümee
Die Arbeit untersucht das komplexe Motivgebäude Otto von Bismarcks bezüglich seiner deutschen Kolonialpolitik zwischen der Reichsgründung 1871 und seinem Rücktritt 1890, mit einem Fokus auf den Wendepunkt im Jahr 1884. Die zentrale Forschungsfrage hinterfragt, warum der Reichskanzler seine langjährige Kolonialskepsis aufgab und den Schritt zu einem staatlich-formellen Kolonialismus vollzog, obwohl er Kolonien zuvor als ökonomisch unrentabel und politisch riskant abgelehnt hatte.
3. Ökonomische Motive und die Wirtschaft als treibende Kraft
„A world economy whose pace was set by its developed or developing capitalist core was extremely likely to turn into a world in which the ‚advanced’ dominated the ‚backward’; in short into a world of empire.” Während sich für Mommsen noch der europäische „Nationalismus (…) zum Imperialismus steigerte“, sah Eric Hobsbawm eher in der wirtschaftlichen Entwicklung der sich industrialisierenden Länder eine Zwangsläufigkeit, die zu einem imperialen Weltsystem führen musste. Wie Hobsbawm waren auch fast alle anderen linksgerichteten bis marxistischen Historiographen, Wissenschaftler anderer Fachrichtungen sowie Politiker von wirtschaftlichen Faktoren als Hauptursache für die Entstehung des Imperialismus überzeugt. Stellvertretend für die bedeutendsten Vertreter der marxistischen Variante der ökonomischen Imperialismustheorie wie Rudolf Hilferding oder Rosa Luxemburg soll Lenin zu Wort kommen, der in einem seiner bekanntesten Werke ausführte:
„Der Imperialismus ist der Kapitalismus auf einer Entwicklungsstufe, auf der die Herrschaft der Monopole und des Finanzkapitals sich herausgebildet, der Kapitalexport hervorragende Bedeutung gewonnen, die Verteilung der Welt durch die internationalen Trusts begonnen hat, und die Aufteilung des gesamten Territoriums der Erde zwischen den größten kapitalistischen Ländern abgeschlossen ist.“
I. Eingrenzung fachwissenschaftlicher Begrifflichkeiten: Definition und theoretische Klärung zentraler Begriffe wie Imperialismus, Kolonialismus und Kolonialpolitik sowie deren Einordnung in den geschichtswissenschaftlichen Kontext.
II. Bismarcks Kolonialskepsis - Motive, Hintergründe und Stellungnahmen: Detaillierte Untersuchung der Gründe für die anfängliche, ablehnende Haltung Bismarcks gegenüber der Errichtung offizieller Kolonien vor dem Jahr 1884.
III. Der koloniale Wendepunkt - Theorien und Erklärungsansätze für den Beginn staatlich-formeller Kolonialpolitik: Analyse der verschiedenen historiographischen Theorien und Faktoren, die den plötzlichen Eintritt in eine aktive Kolonialpolitik ab 1884 erklären sollen, einschließlich innenpolitischer und machtpolitischer Überlegungen.
Otto von Bismarck, Kolonialpolitik, Imperialismus, Kolonialismus, Schutzbriefsystem, Sozialimperialismus, Außenpolitik, Staatsräson, Wirtschaftsinteressen, Reichsgründung, Deutsche Kolonien, Hochimperialismus, Berliner Westafrika-Konferenz, Machtpolitik, Freihandel.
Die Arbeit analysiert die deutsche Kolonialpolitik unter Otto von Bismarck und untersucht das Für und Wider des Übergangs von einem informellen Freihandelsexpansionismus zu einem direkt-formellen staatlichen Kolonialismus.
Themen sind die theoretische Abgrenzung von Fachbegriffen, Bismarcks ursprüngliche Skepsis gegenüber Kolonien, verschiedene Erklärungsmodelle für seine spätere Kehrtwende sowie die Einordnung in den europäischen Hochimperialismus.
Ziel ist es, das komplexe Motivgebäude Bismarcks zu erhellen und herauszufinden, warum er seine ablehnende Haltung gegenüber Kolonien 1884 zugunsten einer offiziellen Kolonialpolitik aufgab.
Der Autor nutzt eine methodische Analyse, indem er bestehende historiographische Thesen und Imperialismustheorien darstellt, kritisch prüft und in den historischen Kontext der Ära Bismarck einordnet.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Bismarcks Motiven für seine Skepsis sowie in die detaillierte Analyse der Thesen und Erklärungsansätze für seinen Eintritt in eine offizielle Kolonialpolitik.
Zentrale Begriffe sind Bismarck, Imperialismus, Kolonialpolitik, Sozialimperialismus, Staatsräson und Machtpolitik.
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Bismarcks Handeln durch ein pragmatisches Streben nach Sicherheit und Machterhalt geprägt war, wobei die Kolonialpolitik ein Instrument zur Bewahrung des außenpolitischen Status Quo und zur innenpolitischen Machtstabilisierung darstellte.
Sie markiert einen Höhepunkt der damaligen Außenpolitik Bismarcks, wobei er versuchte, durch multilaterale Diplomatie Spannungen abzubauen und das Deutsche Reich als Führungsmacht zu positionieren, während er gleichzeitig nationale Interessen wahrte.
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