Magisterarbeit, 2002
92 Seiten, Note: 1,7
I. Einleitung
II. Zum historischen Kaspar-Hauser-Fall
1. Die erste Zeit in der „neuen Welt“
2. Bei Daumer
3. Zwischenstationen (Familie Biberbach und Freiherr von Tucher)
4. Bei Meyer
III. Zur Geschichte der Pädagogik
1. Entstehung und Hauptmerkmale der traditionellen Pädagogik
2. Krise der Pädagogik in den 1960er Jahren und Hauptmerkmale der antiautoritären Erziehung
IV. Zu Peter Handkes Kaspar
1. Vorüberlegung
2. Entwicklung und Erziehung der Figur
2.1. Kaspars Anfangszustand
2.2. Die gezielte Verunsicherung des Subjekts
2.3. Kaspars Anpassung an die bestehende Ordnung
2.4. Das Scheitern der Integration
3. Fazit
V. Zu Werner Herzogs Jeder für sich und Gott gegen alle
1. Verhältnis zum historischen Fall
2. Entwicklung und Erziehung der Figur
2.1. Kaspars Anfangszustand
2.2. Verschiedene Modelle im Umgang mit Kaspar
2.2.1. Der „Vater“
2.2.2. Kaspars Konfrontation mit der Gesellschaft
2.2.3. Familie Hiltel
2.2.4. Bei Daumer
3. Fazit
VI. Zu Jürg Amanns Ach, diese Wege sind sehr dunkel
1. Allgemeines
2. Verschiedene Erfahrungs- und Entwicklungsmomente der Figur
3. Fazit
VII. Zusammenfassende Wertung
Die vorliegende Magisterarbeit untersucht, inwiefern Veränderungen in der Pädagogik – insbesondere das Aufkommen der antiautoritären Erziehung – die literarische und filmische Darstellung der Erziehung und Entwicklung Kaspar Hausers beeinflusst haben. Im Zentrum steht die Analyse, wie der historische Stoff bei Peter Handke, Werner Herzog und Jürg Amann im Kontext pädagogischer Krisen neu interpretiert wird.
2.2. Die gezielte Verunsicherung des Subjekts
Während Kaspar selbständig die Welt erkundet und in kindlicher Neugier die Gegenstände auf der Bühne auseinandernimmt, um so ihrer Ordnung auf den Grund zu gehen, beginnen plötzlich unsichtbare Einsager von allen Seiten auf ihn einzusprechen. Dabei wird sofort deutlich, daß Kaspar alles andere als eine einfühlsame Erziehung von ihnen zu erwarten hat. Die Einsager sprechen „ohne Unter- und Übertöne“ (S. 15) und ohne die üblichen Ausdrucksmittel wie Hilfsbereitschaft, Humor oder menschliche Wärme.
Zudem sind ihre Stimmen „die Sprechweisen von Stimmen [...], bei denen auch in der Wirklichkeit ein technisches Medium zwischengeschaltet ist: Telefonstimmen, Radio- und Fernsehansagerstimmen, die Stimmen der Zeitansage im Telefon [...]“ (S. 7) etc. Insgesamt wirken die Einsager vollkommen seelenlos und dementsprechend unpersönlich bleibt auch ihre Erziehung. Es geht ihnen keineswegs darum, Kaspar in seiner individuellen Entwicklung zu unterstützen. Schon an ihren ersten Äußerungen zeigt sich, daß sie nicht verständnisvoll auf Kaspars kindliche Denk- und Verhaltensweisen eingehen, oder ihn gar für seine bisherigen Fortschritte loben. Stattdessen nehmen sie mit ihren Sätzen keinerlei Bezug auf die konkreten Erfahrungen, die Kaspar gerade macht.
Während er beispielsweise das Ursache-Wirkungs-Prinzip verstehen lernt, indem er den Lehnwinkel eines Besens verändert, bis dieser schließlich umfällt, versuchen die Einsager, ihm seine vollkommene Abhängigkeit von der Sprache einzureden: „Du kannst dir nichts mehr vorstellen ohne den Satz. Ohne den Satz kannst du keinen Gegenstand sehen. Du kannst ohne den Satz keinen Fuß mehr vor den andern setzen.“ (S. 19).
I. Einleitung: Darstellung des Forschungsstands zum Kaspar-Hauser-Stoff und Formulierung der Forschungsfrage hinsichtlich des pädagogischen Wandels.
II. Zum historischen Kaspar-Hauser-Fall: Biografischer Abriss der Lebensstationen von Kaspar Hauser seit seinem Auftauchen in Nürnberg.
III. Zur Geschichte der Pädagogik: Abgrenzung der traditionellen, autoritären Erziehung zur antiautoritären Erziehung der 1960er Jahre.
IV. Zu Peter Handkes Kaspar: Analyse der Sprachfolter und der erzwungenen sozialen Anpassung im Drama.
V. Zu Werner Herzogs Jeder für sich und Gott gegen alle: Untersuchung der Filmkonzeption als gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit dem Findlingsschicksal.
VI. Zu Jürg Amanns Ach, diese Wege sind sehr dunkel: Interpretation der Identitätsproblematik anhand der 15-szenigen Struktur des Stücks.
VII. Zusammenfassende Wertung: Synthese der Ergebnisse über den Einfluss pädagogischer Diskurse auf die literarische Rezeption der Kaspar-Hauser-Figur.
Kaspar Hauser, Pädagogik, antiautoritäre Erziehung, Schwarze Pädagogik, Peter Handke, Werner Herzog, Jürg Amann, Sozialisation, Identitätsfindung, Fremdbestimmung, Erziehungsbedürftigkeit, Literaturwissenschaft, Filmrezeption, Außenseiter, Integrationsprozess.
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Erziehungsprozessen und gesellschaftlicher Anpassung am Beispiel der Kaspar-Hauser-Thematik in ausgewählten literarischen und filmischen Werken.
Im Fokus stehen das Spannungsfeld zwischen individueller Entwicklung und autoritärer Erziehung sowie die Reflexion pädagogischer Leitbilder in den 1960er bis 1980er Jahren.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich der Wandel pädagogischer Ideale – vom autoritären Tugendkanon hin zur antiautoritären Erziehung – in der künstlerischen Darstellung Kaspar Hausers widerspiegelt.
Die Autorin kombiniert literaturwissenschaftliche Werkanalysen mit erziehungswissenschaftlichen Diskursen, um die Darstellung der Figuren in Handkes Drama, Herzogs Film und Amanns Stück zu bewerten.
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Einzelanalyse der drei Hauptwerke sowie einer historischen Einordnung des realen Falls Kaspar Hauser und der pädagogischen Geschichte.
Zentrale Begriffe sind Kaspar Hauser, Erziehung, antiautoritäre Pädagogik, Identität, Sozialisation und Fremdbestimmung.
Während Handke den historischen Kaspar Hauser stark abstrahiert, um die Macht der Sprache als Instrument der Unterdrückung zu zeigen, orientiert sich Herzog stärker an der historischen Vorlage und betont die gesellschaftliche Grausamkeit gegenüber dem Außenseiter.
Der Begriff dient zur Beschreibung der traditionellen, autoritären Erziehungspraxis, bei der das Kind als zu disziplinierendes Objekt der gesellschaftlichen Anpassung betrachtet und in seiner Individualität unterdrückt wird.
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