Wissenschaftlicher Aufsatz, 2006
10 Seiten
1. Der arme Heinrich als Höroper
2. Oper in drei oder in zwei Akten?
3. Fazit
Diese wissenschaftliche Untersuchung analysiert die spezifische Rundfunkbearbeitung von Hans Pfitzners Musikdrama "Der arme Heinrich". Ziel der Arbeit ist es, die Rolle dieser Bearbeitung als frühe Form der "Höroper" zu beleuchten, die durch den Einsatz eines Sprechers und gereimte Szenenerklärungen eine eigene dramaturgische Ebene jenseits der szenischen Aufführung etablierte.
Unsichtbares Theater
„Ach! Wie graut mir vor allem Kostüm- und Schminkewesen! Wenn ich daran denke, dass diese Gestalten wie Kundry nun sollen gemummt werden, fallen mir gleich die ekelhaften Künstlerfeste ein, und nachdem ich das unsichtbare Orchester geschaffen, möchte ich auch das unsichtbare Theater erfinden!“
So Hans Pfitzners Leitstern Richard Wagner am 23.11.1878 zu Cosima. Wagner nämlich hatte die Absicht, Kundry im zweiten Aufzug des Parsifal „wie eine Tizianische Venus nackt da liegen“ zu lassen, fand sich aber notgedrungen mit einem von Joukowski vorgeschlagenen Kostüm ab.
Zwei Dinge scheinen an dieser Haltung Richard Wagners im Hinblick auf den nachgeborenen Hans Pfitzner bemerkenswert: Auch Agnes im „Armen Heinrich“ soll im dritten Akt nackt auf dem Tisch des Arztes liegen, und auch nach ihrer wundersamen Rettung erzählt keine Regiebemerkung davon, dass ihr etwa ein Gewand umgelegt würde oder dass sie selbst ihre Blöße mit einem Laken bedecken würde. Gewichtiger noch als die Parallelität zu jener, offenbar auch von Pfitzner selbst nie so, wie vom Dichter erdacht, realisierten Szene, erscheint jedoch Wagners Hypothese eines unsichtbaren Theaters. Denn bis heute berichten Opernbesucher, die mit Pfitzners Forderung nach „Werktreue“ konform gehen und sich über die Innovationen von Regisseuren entrüsten, sie hätten bei der Aufführung einfach die Augen geschlossen und sich nur auf die Musik konzentriert. Auch der Wagner- und Pfitzner-Dirigent Wolfgang Sawallisch gab – vermutlich aus einer ähnlichen Grundhaltung – noch als Münchner Operndirektor konzertanten Aufführungen den Vorzug vor szenischen Realisierungen. Das unsichtbare Theater, das Wagner ahnend vorweggenommen hat, bildeten jedoch nicht die konzertanten Aufführungen, – denn die gab es zu Wagners Zeit durchaus schon und diese liefen der Idee seines Gesamtkunstwerks zuwider –, sondern die Erfindung der kompletten Tonaufzeichnung von Musikdramen.
1. Der arme Heinrich als Höroper: Dieses Kapitel dokumentiert die Entstehung der Rundfunkübertragung des Musikdramas unter der Leitung Pfitzners und analysiert die eigens für das Medium Radio verfassten melodramatischen Texte zur Szenenvermittlung.
2. Oper in drei oder in zwei Akten?: Hier wird die Diskrepanz zwischen der ursprünglichen dreiaktigen Konzeption der Partitur und der vom Komponisten nachträglich favorisierten zweiaktigen Fassung für die Bühne und den Rundfunk untersucht.
3. Fazit: Das Fazit wertet die Einzigartigkeit der Rundfunkbearbeitung durch Cornelis Bronsgeest und Pfitzner aus und ordnet die Versdichtungen als authentischen Teil von Pfitzners Werkverzeichnis ein.
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Die Arbeit untersucht die historische Rundfunkadaption des Musikdramas "Der arme Heinrich" von Hans Pfitzner aus dem Jahr 1926 und deren innovative Vermittlungsweise für Radiohörer.
Die zentralen Themen sind die Entwicklung der Rundfunkoper, die ästhetische Umsetzung von Szenenanweisungen in gesprochene Verse sowie Pfitzners eigene Haltung zur Struktur seiner Oper.
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie durch die Einbindung von Sprechertexten und melodramatischen Elementen eine neue Form der "Höroper" entstand, die das visuelle Theater für den Hörer kompensierte.
Es handelt sich um eine musikwissenschaftliche und historische Analyse, die Primärquellen, Programmhefte, Tagebuchaufzeichnungen und zeitgenössische Regieanweisungen auswertet.
Der Hauptteil analysiert detailliert die verschiedenen Vers-Einschübe des Sprechers, die Kürzungen der Partitur und die dramaturgischen Anpassungen der Oper für die Ausstrahlung.
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Pfitzner, Höroper, Rundfunkbearbeitung, Musikdrama und die spezifische Ästhetik des unsichtbaren Theaters.
Der Begriff dient als ästhetische Klammer, um Pfitzners Bestreben zu beschreiben, die Konzentration des Hörers vollkommen auf die Musik zu lenken, analog zu Wagners Vision, jedoch durch die technischen Möglichkeiten des Rundfunks realisiert.
Bronsgeest war als Leiter der Opernabteilung der Funk-Stunde für die Rundfunkeinrichtung verantwortlich und wählte für "Der arme Heinrich" eine exklusive, melodramatische Vorgehensweise, die er bei anderen Opern nicht anwandte.
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