Wissenschaftlicher Aufsatz, 2005
19 Seiten
1. Die Salzburger „Gezeichneten“ als konzertantes Seelengemälde (16.8.1984)
2. Frankenstein im menschenleeren Frankfurt oder „Die Gezeichneten“ als szenische Provokation (20. 1. 1979)
3. Der Juden-Krüppel und der schwule SS-Mann oder „Die Gezeichneten“ als politisches Zeitbild in Düsseldorf (18. 12. 1987)
4. Die 1:1-Umsetzung der szenischen Vorschriften erweist sich als nicht mehr ausreichend: Die Schweizer Erstaufführung der „Gezeichneten“ an der Züricher Oper (20. 12. 1992)
5. Auf den Pfaden der ersten Wiederaufführung, schlüssig weiterentwickelt: „Die Gezeichneten“ in Stuttgart (22. 1. 2002)
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung der szenischen Interpretation von Franz Schrekers Oper „Die Gezeichneten“ seit ihrer Wiederbelebung in Frankfurt 1979 bis ins frühe 21. Jahrhundert. Dabei wird analysiert, wie verschiedene Regisseure den Stoff an unterschiedlichen Opernhäusern interpretiert, ästhetisch aktualisiert und in ihren jeweiligen soziopolitischen Kontext eingeordnet haben.
2. Frankenstein im menschenleeren Frankfurt oder „Die Gezeichneten“ als szenische Provokation (20. 1. 1979)
Tatsächlich war die durch zwei musiklogische Symposien vorbereitete und wissenschaftlich untermauerte Schreker-Renaissance erst spruchreif geworden durch eine Bühnenaufführung, die das Skandalon Schreker ins Licht rückte und die mit ihrer szenischen Aktualisierung das Publikum im Brechtschen Sinn spaltete. Nach jener langen Epoche des Vergessens, seit Schreker als „entartete Kunst“ abgestempelt worden war, verhalfen der Dirigent Michael Gielen und der Regisseur Hans Neuenfels an der Frankfurter Oper am 1979 zu einem triumphalen Comeback.
Keineswegs lange geplant, sondern vom Frankfurter Operndramaturgen Klaus Zehelein als Lückenbüßer für die in der Spielzeit 1978/79 angekündigte, sich aber als nicht realisierbar erweisende Aufführung von Haubenstock-Ramatis „Amerika“ kurzfristig in den Spielplan gerückt, übernahm Hans Neuenfels als relativer Opernneuling die Regie und brachte den in seinen beiden vorausgegangenen Opernproduktionen bewährten Ausstatter Dirk von Bodisco, sowie mich, als seinen Regiemitarbeiter seiner beiden vorangegangenen Opernproduktionen, mit.
In dieser Produktion wurde Schrekers selbst erfundene Geschichte vom hässlichen Alviano Salvago im Genua des 16. Jahrhunderts zu einem leicht futuristischen Trivialmythos vom Monster Alviano und der schönen Malerin Carlotta transformiert. In der eindringlich bebilderten Sex-and-Crime-Handlung hat Alviano auf einer Insel ein künstliches Paradies erschaffen lassen, in dem seine Freunde exzessive Orgien mit jungen Frauen feiern, die im Rausch der Lust getötet werden. Alviano verliebt sich in die herzkranke Malerin Carlotta, die einzige Tochter des Bürgermeisters, deren Zuneigung aber nur so lange anhält, bis sie das Glücksgefühl des Krüppels im Bild festgehalten hat. Dann verfällt Carlotta dem schönen, skrupellosen Tamare, während das Volk orgiastisch die Freuden des für die Öffentlichkeit freigegebenen Eilands Elysium genießt. In einer Grotte, dem Zentrum der Insel, kommt es zur Katastrophe: Tamare erklärt dem Alviano Carlottas bedingungslose Hingabe an die Lust und damit auch den Tod, den sie wissentlich einkalkuliert, gesucht hat. Alviano ermordet Tamare und wird wahnsinnig.
1. Die Salzburger „Gezeichneten“ als konzertantes Seelengemälde (16.8.1984): Diese konzertante Aufführung konzentrierte sich musikalisch auf Schrekers Klangsprache, verzichtete jedoch auf eine szenische Umsetzung.
2. Frankenstein im menschenleeren Frankfurt oder „Die Gezeichneten“ als szenische Provokation (20. 1. 1979): Die Inszenierung in Frankfurt markierte den Beginn der Schreker-Renaissance durch eine mutige, provokante Neuinterpretation der Handlung im zeitgenössischen Kontext.
3. Der Juden-Krüppel und der schwule SS-Mann oder „Die Gezeichneten“ als politisches Zeitbild in Düsseldorf (18. 12. 1987): In dieser Inszenierung wurde die Oper radikal politisiert und als Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der „entarteten Kunst“ gedeutet.
4. Die 1:1-Umsetzung der szenischen Vorschriften erweist sich als nicht mehr ausreichend: Die Schweizer Erstaufführung der „Gezeichneten“ an der Züricher Oper (20. 12. 1992): Eine konventionellere, teils als lieblos empfundene Regiearbeit führte zu der Erkenntnis, dass eine reine Werktreue der Komplexität des Stücks nicht gerecht wird.
5. Auf den Pfaden der ersten Wiederaufführung, schlüssig weiterentwickelt: „Die Gezeichneten“ in Stuttgart (22. 1. 2002): Die Stuttgarter Inszenierung knüpfte an Frankfurter Ansätze an und entwickelte diese in einer dichten, psychologisch fokussierten Lesart konsequent weiter.
Franz Schreker, Die Gezeichneten, Opernregie, Inszenierungsgeschichte, Michael Gielen, Hans Neuenfels, Schreker-Renaissance, Musiktheater, Szenische Interpretation, Psychosomatik, Frankfurter Oper, Stuttgarter Staatsoper, Ästhetik, Musikdramatik.
Die Arbeit analysiert die wechselvolle Aufführungsgeschichte und die unterschiedlichen szenischen Interpretationsansätze der Oper „Die Gezeichneten“ von Franz Schreker seit 1979.
Die Themen umfassen die Entwicklung des Regietheaters bei Schreker-Aufführungen, die Balance zwischen Werkvorlage und moderner Provokation sowie die Rezeption der psychologischen und soziopolitischen Dimensionen des Werks.
Ziel ist es, den „spiralförmigen Weg“ der szenischen Entwicklung nachzuzeichnen und aufzuzeigen, wie sich das Verständnis für Schrekers komplexe Oper durch verschiedene, teils kontroverse Inszenierungen geschärft hat.
Die Arbeit nutzt eine historisch-analytische Methode, basierend auf Rezensionen, Regiekonzepten und dem Vergleich spezifischer Aufführungen an verschiedenen bedeutenden Opernhäusern.
Der Hauptteil ist chronologisch gegliedert und behandelt die markanten Inszenierungen in Salzburg, Frankfurt, Düsseldorf, Zürich und Stuttgart unter detaillierter Berücksichtigung der jeweiligen Regieansätze und der musikalischen Leitung.
Wichtige Begriffe sind Schreker-Renaissance, szenische Provokation, psychologische Deutung, musikalische Moderne, Operninszenierung und Interpretationsgeschichte.
Während Frankfurt einen futuristischen Trivialmythos etablierte, fokussierte Düsseldorf auf eine explizite politische Lesart mit Bezugnahme auf den Nationalsozialismus.
Weil sie die drastischen, aber wirkungsvollen Ansätze der Frankfurter Erstaufführung aufgriff und diese durch eine besonders dichte, moderne Personenführung und psychologische Durchdringung verfeinerte.
Der GRIN Verlag hat sich seit 1998 auf die Veröffentlichung akademischer eBooks und Bücher spezialisiert. Der GRIN Verlag steht damit als erstes Unternehmen für User Generated Quality Content. Die Verlagsseiten GRIN.com, Hausarbeiten.de und Diplomarbeiten24 bieten für Hochschullehrer, Absolventen und Studenten die ideale Plattform, wissenschaftliche Texte wie Hausarbeiten, Referate, Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Dissertationen und wissenschaftliche Aufsätze einem breiten Publikum zu präsentieren.
Kostenfreie Veröffentlichung: Hausarbeit, Bachelorarbeit, Diplomarbeit, Dissertation, Masterarbeit, Interpretation oder Referat jetzt veröffentlichen!

